Differentia

Tag: Normalität

Normalität und Heteroclitizität

Schon vor einigen Jahren hat mal ein harmloser Spaß die Runde gemacht. Der geht so: Ein Gast betritt ein Bistro, setzt sich hin und fragt die Kellnerin, ob es auch einen Raum gibt, wo man ungestört epibrieren kann. Es gibt alle möglichen Gelegenheiten, wo man diesen Spaß anbringen kann: im Flugzeug oder bei einem Auskunftschalter der Stadtverwaltung. Ich hab das mal versucht, als ich so einen blöden Telefonanruf von irgendeinem dieser Umfrageheinis bekomme habe: „Wie bitte? Sie rufen an, um mich zu epibieren?“ (Es gibt einen Sketch von Dieter Hallervorden, in dem so etwas Ähnliches auch erzählt wird. Das Video ist bei Youtube leider gelöscht, hier gibts eine Transkription des Dialogs, Szene im Café: „Ins Hotel?“)
Der Witz ist, dass Epibieren ein Kunstwort ist, das gar nichts bedeutet, aber man benutzt es genauso selbstverständlich wie jedes andere und tut so, als wenn klar wäre, worum es geht und läßt den anderen mit seiner Ratlosigkeit alleine. Man kann, wenn man schlagfertig ist, das ganze auch noch steigern, indem man, wird nachgefragt, was das heißt, zur Erklärung ein weiteres Kunstwort verwendet, das auch nichts bedeutet: „Wenn man regelmäßig epibriert, muss man nicht soviel lodisieren.“ Der Spaß für den einen besteht in der Rat- und Hilflosigkeit der anderen Person, die sich nun etwas ausdenken muss, um mit der Situation klar zu kommen.

So harmlos und witzig wie das ist, so hat es doch einen gewissen Ernst, der, so möchte ich vermuten, etwas mit dem zu tun hat, was sich durch die Nutzung des Internets ergibt. Das Internet, vermute ich, ändert die Art und Weise, wie die Beteiligten übereinander informiert sind. Damit ist das gemeint, was man von anderen selbstverständlich erwarten kann, auch dann, wenn man sich gar nicht kennt und sich vielleicht nie wieder begegnen wird. Bestes Beispiel, das jeder kennt, ist, wenn man eine fremde Person auf der Straße nach dem Weg fragt. Selbstverständlich wird man die Landessprache, also z.B. Deutsch sprechen, selbstverständlich wird man versuchen, freundlich und distanziert zu sein und: selbstverständlich wird man die Auskunft erst mal glauben. Dass es sich um Selbstverständlichkeiten handelt, bemerkt man, sobald sie nicht mehr gelten, sobald dieser Ablauf gestört wird: wenn etwa die Person kein Deutsch spricht, wenn sie sich beleidigt, angemacht fühlt oder empört ist, wenn sie vielleicht Angst bekommt und anfängt zu schreien. In dem Augenblick werden durch Störung viele Selbstverständlichkeiten durch Kommunikation aufgedeckt und abgeschafft. Und zugleich ordnet sich die Situation, indem sie neue Selbstverständlichkeiten einrichtet: in der sozialen Welt fällt das Ordnende und das Geordnete als Differenz, nicht als Idenität zusammen. Dafür sorgt Kommunikation, für die dann gilt, dass sie genauso selbstverständlich ist wie seltsam, weil sie ja für beides sorgt, nämlich für Normalität und Heteroclitizität (Sonderlichkeit)

Für die moderne Gesellschaft gilt nun, dass sie sich nicht so einfach verändern kann, weil sie auf Veränderung in der Struktur der Innovation bereits angepasst ist. Wo Veränderung und damit Neues selbstverständlich erwartet wird, kann nicht so leicht erkennbar werden, wie sich daran etwas ändern könnte. Wirtschaft, Politik, Kunst und Wissenschaft wollen Veränderung, was gewiss heißt, dass überall etwas anderes gewollt wird, aber Veränderung wird überall erwartet und dafür wird sehr viel Aufwand betrieben. Das bedeutet: Veränderung ist die Normalität der modernen Welt. Wer sich für Veränderung engagiert, engagiert sich für den Fortbestand einer gesellschaftlichen Normalerfahrung. Dazu gehört auch alles, was die Empirizität der Wissens- und Handlungsformen der Gesellschaft wiedererkennbar macht. Fast alles, was unter dem Schlagwort „digitale Revolution“ firmiert, ist nur eine Aktualisierung empirisch gewordener Handlungs- und Wissensformen und ist darum, weil wiedererkennbar, keine Revolution. Die Rede über Revolution verschafft sich nur ihre bekannte Empirizität. Sie verändert nichts, sie verlängert nur bekannte Routinen und sorgt für Kontinutät. Und solange Kontinuität gelingt, gelingt Veränderung, aber keine Veränderung, die daran etwas ändert.

Das muss nun nicht heißen, dass sich die Struktur der Innovation nicht verändern kann. Aber dazu müsste etwas ganz Entscheidendes passieren. Die Struktur der Innovation müsste eine Mutation durchlaufen, indem sie die Art und Weise ändert, wie Beobachter übereinander informiert sind. Eine solche Mutation kann aber keiner planen, organisieren und durchführen. Sie kommt nicht durch Handlung zustande. Sie müsste von selbst passieren, sie müsste einfach von allein kommen. Es wäre auf Selbstorganisation zu warten. Es gäbe also nichts zu tun.

Mit dieser Einsicht könnte man sich begnügen und mit dem Hund spazieren gehen oder Tee trinken.

Man könnte aber auch diejenigen beobachten, die sich dieser Einsicht widersetzen.

Findet Kommunikation statt? Über soziale und parasoziale Beobachtung 5

zurück / Fortsetzung: Kommunikation ist normal, passiert ständig und es fällt gelegentlich sogar schwer, ihr aus dem Wege zu gehen. In der Familie, in der Wohngemeinschaft oder bei der Arbeitsstelle ist das fast unmöglich. Aber auch im Straßenverkehr, egal ob man zu Fuß allein unterwegs ist oder allein im Auto fährt, ob in der Straßenbahn, ob man im Zug reist oder ob man gedenkt, den Abend allein zu verbringen: es dauert dann nicht lange und das Telefon klingelt, ein Nachbar klopft an der Tür oder man muss den Müll runter bringen und läuft der geschwätzigen Nachbarin in die Arme. Erst neulich war ich hier in der Gegend, die sehr ländlich ist, in einem abgelegenen Wiesengrund unterwegs, der auch für Fahrradfahrer schwer zu erreichen ist, weil es von dort aus keine weiterführenden Wege gibt. Prompt traf ich Bedienstete der kommunalen Wasserwerke, die dort irgendwas zu besorgen hatten.
Kommunikation ist so normal, dass man sich gar nicht vorstellen kann, wie ein Leben, in dem man für längere Zeit auf Kommunikation verzichten müsste, aushalten könnte. Der ganze Lebenslauf ist eine andauernde, beinahe lückenlose Verkettung von Verwicklung in mitunter hochkomplexen sozialen Zusammenhängen, wobei das Gespräch zwischen Anwesenden schon längst nicht mehr die größte Herausforderung ist. Die größte Herausforderung besteht darin, sich auf Gespräche wo, wann und unter sonst welchen Umständen sie auch immer stattfinden werden, vorzubereiten. Auch die Vorbereitung auf Kommunikation ist soziales Handeln und vollzieht sich in Gesellschaft, weil ohne Gesellschaft niemand den Weg aufs Klo finden könnte. Wo sollte ein Klo herkommen?
In bevölkerungsreichen Entwicklungsländern wie Indien, die große Ballungsräume haben, ist die Ernährung von Menschen, wenn sie auch nicht gerade einfach ist, nicht das größte Problem. Ein viel größeres Problem liegt in der Entsorgung von Verdauungsabfällen. Woher woher sollen Toiletten, Abwasserkanäle, Wasserversorgung und Abwasserreinigung kommen? Netze der Versorgung und Entsorgung kann niemand einfach einrichten.* Nimmt man das ernst, wird man begreifen, wie voraussetzungsreich selbst einfache Handlungen sind, die man meint, in aller Einsamkeit, jenseits von Gesellschaft erbringen zu können. Man ist zwar allein, wenn man auf dem Klo ist, aber in Gesellschaft ist man trotzdem.

Die Beteiligung an Kommunikation ist anstrengend geworden. Das kann man sagen. Das beginnt nicht erst mit dem Schulunterricht, der durch die Abschaffung einer Angst-Pädagogik, die ehedem auf Prügelstrafe setzte, kein bißchen einfacher geworden ist. Man denke etwa an die Überstressung von schwangeren Frauen, die sich ab dem ersten Tag der Kenntnis ihrer Schwangerschaft mit hunderten von Expertenmeinungen befassen müssen. Es gibt bei dem Vorgang der Schwangerschaft nichts mehr, das der Aufmerksamkeit von Mediziern, Psychologen, Therapeuten, Pharmazeuten, Hebammen, Pädagogen, Ökotrophologen, Designern und Produktentwicklern aller Art entzogen wäre, was davon spricht, dass eine Schwangerschaft alles mögliche ist, aber bestimmt nichts Natürliches. Denn das Natürliche ist nicht problematisch. Wo aber viele Probleme erfunden werden können – und im normalen Vollzugs des Lebensalltags sind wir einer Vielzahl von Problembehandlungsroutinen ausgesetzt – ist der Grad der Vergesellschaftung enorm hoch, so hoch, dass die Zumutungen, Risiken und Gefährdungen, die damit verbunden sind, selbst als Kostenfaktor erscheinen, durch den alle Effizienzgewinne, die mit Marktwirtschaft und Konkurrenz verbunden sind, schnell wieder verbraucht werden. So dürfte es nicht weiter verwundern, dass der größte Teil aller ökonomischen Produktion in der gesamtgesellschaftlichen Herstellung von Bedürfnissen besteht, was ansatzweise erklären könnte, warum die Beteiligung an Kommunikation so anstrengend geworden ist.
So sind es gerade diese Anstrengungen, die davon sprechen, dass Kommunikation keineswegs normal ist. In dem Maße wie der Grad der Vergesellschaftung gestiegen ist, haben sich auch die sozialen Aporien verdichtet. Mit dieser Verdichtung von Ausweglosigkeiten wird die Irritabilität von Kommunikation gesteigert; und mit dieser Steigerung steigt zugleich die Irritation über Kommunikationstheorie, nicht nur in engeren akademischen Kreisen.
Wenn nun, wie absehbar ist, der Computer als technische Voraussetzung für alle Lebensbereiche relevant wird, dann möchte ich vermuten, dass wir es nicht mit einer bloß additiven Innovation zu tun haben, die also nur der bestehenden Gesellschaft etwas hinzufügt und alles andere belässt wie es ist. Tatsächlich können wir mit einem schweren Eingriff in die soziale Ökologie der Gesellschaft rechnen, die den Fortbestand der Gesellschaft unter andere Bedingungen stellt. Diese Bedingungen sind aber wiederum nicht selbstverständlich, sondern können nur erprobt, getestet, erforscht und auf diesem Wege erlernt werden.

Fortsetzung

* In diesem Zusammenhang ist die Unterscheidung von Netz und Netzwerk bei Bruno Latour sehr wichtig. Netzwerke sind das Einrichtende, Netze das eingerichtete. Latour, Bruno: Existenzweisen. [SB 704]

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