Differentia

Tag: normale Unwahrscheinlichkeit

Die Gesellschaft als Trainingsprogramm 2

zurück / Fortsetzung: Die moderne Gesellschaft hat Menschen vernünftig, das heißt: kritikfähig gemacht. Das ist eine wenig spektakuläre und leicht bezweifelbare Feststellung. Die Leichtigkeit, mit der das geschehen kann, führe ich als Beweis dafür an, dass es sich so verhält, denn die Ablehnung, das Gegenargument, die abweichende Betrachtungsweise steht dieser wie jeder anderen These nicht im Wege, sondern wird gebraucht, um sie erklären und verstehbar machen zu können. Abweichungsverhalten ist erwartbarer Konformismus. Es ist leicht und trivial geworden, Thesen zu behaupten, zu begründen, zu beweisen und all das wiederum zu bestreiten. Zwar ist noch nicht absehbar, dass dieses Trainingsprogramm zu sich selbst kommt, aber die ersten Versuche, darauf zu reagieren, werden bereits erprobt und können nach bekannten Verfahren nicht mehr kritisiert werden. (Zu diesen Ansätzen später mehr.)
Die Steigerung der Kritikfähigkeit von Menschen geschah auf dem Wege der Kontrolle von Verstandes- und Urteilsfähigkeit durch methodischen Zweifel. Dabei handelt es sich um ein gesellschaftliches Trainingsprogramm, dessen Entstehungsgründe – wenn man sich denn zutrauen darf, irgendwelche zu ermitteln – infolge seines erfolgreichen Durchlaufs verschüttet und in Vergessenheit geraten sind. Was übrig geblieben ist, ist eine Erbschaft, deren Herkunft und Zustandekommen uns Nachfahren als Weltnormalität – wie immer man sie beschreiben möchte – vor Augen steht. Diese Weltnormalität entsteht durch ein Beobachtungsschema, das sich aus der Kontingenz aller möglichen Betrachtungsweisen, aus der Polykontexturalität ergibt, sofern eine jede den strukturellen Anforderung Genüge tut, die es möglich machen, mehr oder weniger kompetent die Kontingenz der Kontingenz zu behandeln.
Diese Anforderungen ergeben sich vor allen Dingen aus der Verschränkung von Vergesellschaftung durch Organisationen einerseits und Entdifferenzierungsmöglichkeiten andererseits, die mit der Ubiquität von Massenmedien zusammen hängen. Organisationen machen die erlebbare Welt normal und Massenmedien machen sie merkwürdig. Und die Verschränkung von seltenen Normalitäten und alltäglichen Merkwürdigkeiten liefert die sozialen Paradoxien und Aporien, die genügend Unsicherheiten, Unbestimmtheiten und Nichtwissen erzeugen, damit die Reproduktion unwahrscheinlichster Sinnzusammehänge nach erwartbaren Strukturen abläuft. Und wenn man dies so feststellen kann, stellt sich natürlich die Frage, wie anderes in Erfahrung gebracht werden könnte, wenn eben dies bereits in dem bezeichneten Trainingsprogramm strukturell eingelagert ist.
Damit ist jedoch nur gesagt, dass die Gesellschaft ihre eigenen Immunisierungsstrukturen durch die Entfaltung ihrer Lernerfolge simultan erzeugt. Indem sie anderes lernt, lernt sie zugleich auch, alles andere, das diesen Lernprozesse behindert, erschwert oder ihm sonst wie im Wege steht, zu vermeiden. Entsprechend sind Lernerfolge und Immunisierungsprozesse Vermeidungsstrukturen, die im Falle der modernen Gesellschaft in Hinsicht auf die Steigerung der Kritikfähigkeit von Menschen, eine spezifische Leistung erbringen und damit eine Funktion haben. Die Spezifik besteht darin, in eine für die Gesellschaft operativ unerreichbare Umwelt Vertrauen fassen zu können, was eben bedeutet, eine Vielzahl von Vermeidungsstrategien, die ich Deviationen nenne, zu erproben und auf Dauer zu stellen, wobei diese Vermeidungsstrukturen gar nichts vermeiden, sondern nur auf dem Wege ihrer Erprobung das geeignete Bewährungshindernis herstellen, durch den die soziale Selbstentfaltung von Strukturen transzendentaler Subjektivität gelingt.
Man könnte auch sagen: die Gesellschaft sucht sich ihre Instanzen des Scheiterns, um sich durch vermehrte Anstrengungen differenzieren zu können. Dazu erfindet die Gesellschaft Vermeidungsstrukturen, welche im Fall ihrer höchst unwahrscheinlichen, aber nicht unmöglichen Differenzierung die Kritikfähigkeit von Menschen steigern und damit sozial notwendige epistemische Kompetenzen herstellen.

Fortsetzung

Der Alltag – voller Geheimnisse, Rätsel und Wunder

Wem ist noch nicht die eigene Kopf- und Nackengymnastik aufgefallen ob der unendlichen Zahl tagtäglich anfallender Merkwürdigkeiten, Raritäten, Probleme, Idiotien, die man sich, nach einer schläfrigen Zeitungslektüre am Morgen, nach dem Blick ins e-Mailpostfach und der eigenen Timeline mit viel Mühe wieder aus dem Kopf schütteln muss um den Anschluss an das Alltagsgeschäft nicht zu versäumen?

Wer hat nicht schon das Seufzen der Arbeitskollegen vernommen, die nach einem gerade beendeten Telefongespräch ganz sanft den Kopf auf die Brust sinken lassen und sich das Erlebte wie ein Zitterrochen vom Leib absprengen möchten. Die tägliche Dosis Stress. Stöhnen und Schluchzen allenthalben! Warum, so die bange, aber eigentlich auch sehr fromme Fragen, sind die Leute nur so dumm?

Das einzige, was als normal erscheint ist offensichtlich nur noch das Unnormale. Wer in Fragen differenztheoretischer Betrachtungsgeweisen einigermaßen gut trainiert ist, wird solche Überlegungen als allzu schlicht, ja als trivial bemerken, und die Anschlussfrage stellen wollen: Wie könnte es anders sein? Wer so kontert zeigt sich abgeklärt: an Normalität führt, Wahrscheinlichkeitserwägungen hin oder her, kein Weg vorbei. Gerade hochkomplexe Systeme scheinen aber auf den Normalfall des Normalfalls gar nicht gut vorbereitet zu sein. Jedenfalls ist das Belastungspotenzial, das etwa die Wirtschaft erzeugt, keineswegs mit Anpassungsschwierigkeiten zu erklären. Man versuche mal, um ein zweites Beispiel beizubringen, so gelassen wie möglich einer dieser abendlichen Polittalkshows zu folgen ohne nicht in Versuchung zu geraten, das Sofakissen mit den Zähnen zerfetzen zu wollen.

Tja, wer hätte das gedacht? Natürlich kann aus solchen vereinzelten Beobachtungen nicht die allgemeine Vermutung abgeleitet werden, dass die moderne Gesellschaft ihre Menschen überfordert. Wollte man dies auch in vielen Fällen zugestehen, so sollte jedoch genauso nüchtern bemerkt werden, dass im statistischen Mittel gesehen die Menschen trotzdem immer noch sehr gut mithalten können. Deshalb wäre die Frage interessant, ob es Systeme darauf anlegen müssen, die Probe zu wagen, indem Konsistenz von Sinn durch Belastungstests durchgesetzt wird.

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