Differentia

Tag: Niklas Luhmann

Friedrich Kittler und Niklas Luhmann

Friedrich Kittler über Niklas Luhmann

Er hat mich ja auch sehr gemocht, Luhmann – eben weil ich nicht sein Schüler war. Wir haben zusammen ein Seminar gemacht – und er hat lachend gesagt: Ja, ich weiß, wir sind ganz unterschiedlich, Herr Kittler. Ein reitender Bote kommt nach Babylon und ich frage: Was steht im Brief? Und Sie schauen sich das Pferd an – und dabei hat er lachen müssen. Da habe ich ihm einen schönen Gegenentwurf gemacht: Wissen Sie, Herr Luhmann, erst einmal muss der Computer erfunden werden, dann braucht der Computer eine Theorie, dann wird die Theorie von Rückkopplungsschleifen als Theorie von Computer-Selbstläufigkeit aufgestellt, dann beschließt das Pentagon, dass Norbert Wiener der Unzuverlässigste in dieser ganzen Informatik ist und schließt ihn von der Hardware-Weiterentwicklung aus, während John von Neumann bis zum Tag seines Hirnkrebs-Todes voll in der Materie drin stand, mathematisch; und Wiener verlassen die mathematischen Fähigkeiten und die informatischen, und prompt entdeckt er das Hobby der Biologie und der Soziologie. Und dann kommen Bateson und Maturana und schließlich Sie, Herr Luhmann, und setzen das alles zusammen – Sie reiten sozusagen auf unendlichen Sedimentierungsschichten von Hard- und Software – und am Ende holen Sie dann wieder das Grundprinzip der Rückkopplung in die Philosophie zurück. Und Sie führen die ganze Informatik und die Computertheorie, Computer Science, teilweise auch über die Biologie wieder zurück in Prima Philosophia. Das war ihm ziemlich recht als Kompliment, denn er wollte ja der Hegel unserer Tage sein. (Hervorheb. von mir.)

Auszug aus: Heiseler, Till Nikolaus und Kittler, Friedrich: Flaschenpost an die Zukunft. Kadmos Verlag.

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Die Gelehrsamkeit geht den Weg allen Fleisches

Bei Facebook gibt es einen tüchtigen Sammler, der regelmäßig humorvolle Luhmann-Zitate postet. (Hier)

In der evangelischen Gelehrsamkeit des 18. Jahrhundert sammelte man auf Kalendern Luther-Zitate zur Erbauung und Besinnung, im 19. wurden diese Sammlungen durch Goethe-Zitate ersetzt. Was dann im 20. Jahrhundert im Kreise bürgerlicher Gelehrsamkeit alles so zitiert wurde, kann man nicht mehr so gut heraus finden, was daran liegen mag, dass niemand mehr sagen konnte was die bürgerliche Gelehrsamkeit eigentlich noch war. Ersetzt wurde sie deshalb durch die marxistische Gelehrsamkeit, die dann wieder mit Marx-, Lenin- und – beliebt vor allem bei wohlstandsverwöhnten Studies der 70er Jahre – mit Maozitaten daher kam. Die postmoderne Gelehrsamkeit der 80er Jahre führte dann das Selbstzitat ein.

Nun sind die Zeiten der bekenntnismäßigen Besinnlichkeit genauso vorbei wie die bürgerliche und marxistische Gelehrsamkeit, nicht aber die Freude an Zitatensammlungen. Und da Materialien für Besinnlichkeit, Bekenntnis und Steigerung der Kampfmoral nicht mehr opportun sind, fehlt nur noch genügend Material geistreiches Gelächter.

Warum auch nicht? Eine andere Möglichkeit gibt’s ohnehin nicht mehr.

„Auf der einen Seite der intellektuelle Schrotthandel, der sich um ein Recycling von Ideen bemüht und seine Bedarfsartikel nur noch durch die Firmennamen ‚Neo’ und ‚Post’ unterscheidet. [Fn. 367 Man kann in dieser Form zum Beispiel über die ‚postindustrielle‘ Gesellschaft reden, obwohl ganz offensichtlich industrielle Produktion nach wie vor existiert und sogar mehr als zuvor unentbehrlich ist. Durch den offensichtlichen Unernst einer solchen Rede kann man sich der Kritik entziehen; denn man sagt zugleich, daß man nicht meint, was man sagt, sagt aber nicht, was man meint, wenn man sagt, daß man nicht meint, was man sagt. Man könnte die Hinweise leicht vermehren: Neomarxismus, Poststrukturalismus, Neofunktionalismus, Neokonservativismus oder mit Sachbezeichnungen: neue soziale Bewegungen, neuer Individualismus, neue Medien.]“

Luhmann, Niklas, Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997, S. 1096

Die Überlegung, dass diese ganze Gelehrsamkeit den Weg allen Fleisches geht und gehen muss, damit es weiter geht, ist nicht so leicht zu akzeptieren.

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