Differentia

Tag: Medium

Gibt es ein Medium für #kzu? 2

zurück / Fortsetzung: Ein Medium macht eine Welt verstehbar, ohne, dass das Medium selbst verständlich sein müsste. Die Verstehbarkeit einer Welt schlägt sich nieder in ihrer sozial konstruierten Empirizität, die aufgrund ihrer, wenn auch brüchigen Plausibilität, ihrer differenziert entwickelten Strukturen der Anschlussfähigkeit, ihrer weitgehend sichergestellten Erfüllung von Erwartungen, einschließlich der Erwartungen auf das Scheitern von Erwartungen, und die aufgrund ihrer Durchsetzungsfähigkeit das Medium ihrer Produktion in der Kontingenz seines Selbsterfahrungsprozesses gleichsam verschluckt und es auf dem selben Wege, allerdings auf der anderen Seite seiner Operativität, aufdeckt, es offenbart. Ein Medium produziert eine Welt, und setzt sich infolge seines Erfolges durch eine empirisch gewordene Welt außer Funktion.

In etwas anderer Fassung tauchte ein nicht ganz unähnlicher Gedanke bereits bei Hegel auf, dort verstanden als dialektischer Selbstentfaltungsprozess des absoluten Weltgeistes, welcher allerdings einen Weltenzustand der Erfüllung in Aussicht stellte. Um einen Irrtum handelte es sich dabei nicht, auch nicht, insofern Marx diesen Ansatz übernommen und mit einem dialektischen Materialismus kombiniert hatte. Um einen Irrtum handelt es sich deshalb nicht, weil ein Medium, das eine Welt verstehbar macht, sich nicht über sich selbst täuscht. Es ändert nur infolge seines Selbsterfahrungsprozesses die Erfahrungsbedingungen, sowohl diejenigen, durch die seine Welt verstehbar wird, als auch diejenigen, durch die es selbst verständlich werden könnte.

Spätestens dann, wenn das Medium seine Selbstverständlichkeit empirisch macht, das heißt, sobald es in seiner Kontingenz bemerkbar wird, hat es seine Funktion als das Aprori allen empirisch gewordenen Seins erfüllt und wird unter veränderten Bedingungen wieder unsichtbar. Es ändert eine geänderte Welt. Ein Medium operiert als Veränderung von Veränderungen.

Diese Überlegung wird vorerst eine Notiz bleiben, aber man erkennt, worum es geht, nämlich um eine uralte Frage. Es geht um ein Verhältnis von Werden und Vergehen, eine Frage, die sich noch niemals unverändert gestellt hat und darum keine Antwort unverändert lassen kann.

Fortsetzung folgt.

Gibt es ein Medium für #kzu? 1

zurück / Fortsetzung: Kommunikation zwischen Unbekannten ist in der modernen Gesellschaft nichts Unbekanntes. Wenn man darüber nachdenkt, wie, durch welches Medium der Kommunikation für einander Unbekannte in der modernen Gesellschaft miteinander in soziale Zusammenhänge verwickelt wurden, wie sich also ein Medium entfaltet, das sich zugleich von anderen, vorhergehenden Formen der #kzu unterscheidet, dann würde ich dieses Medium in den Strukturen der Urbanität suchen und vermuten, dass sich die Strukturen der Einschränkung von Anonymität durch die Unterscheidung von adressierter Responsibilität (verantwortliches Handeln) und referenzierter Adressabilität (personenbezogene Daten) differenziert haben. Allgemein formuliert geht es dabei um Probleme von Handlung und ihrer Zuordnung.

Diese Unterscheidung betrifft in dieser allgemeinen Hinsicht eine Kulturgeschichte des Vertrautwerdens mit den Problemlagen der modernen Gesellschaft, welche im Zuge ihrer Entwicklung zugleich Gesellschaft als Problem, also auch sich selbst, in Erfahrung gebracht hat.

Noch ist diese Kulturgeschichte nicht geschrieben worden und wird vielleicht erst dann möglich sein, wenn das Medium der #kzu durch ein anderes ersetzt wurde, welches gleichwohl nicht so einfach beobachtbar ist und damit unvertraut bleibt, solange es durch seine dämonische Aufdringlichkeit jedes, an Sicherheit und Rationalität geschultes Beobachtungsverhalten einigermaßen zuverlässig sabotiert.

Damit wäre angedeutet, wenn auch noch nicht gut erklärt, dass die Sabotage ein wichtiges Element innerhalb der Operationsweise des Mediums ist, das die Toxizität von Immunsysten der modernen Gesellschaft sichtbar macht, die ja nur dadurch entsteht, dass sich alles gegen Beobachtung wehrt, welche nach Anschlussmöglichkeiten für die Annahme sucht, dass die Normalitäten und Vertrautheiten der Gegenwart auf ein sie erhaltendes Bedingungsgefüge angewiesen sind, ein Bedingungsgefüge, welches mit dem Internet zunächst in eine medienökologische Katastrophe überführt wird, wodurch sich viele Unklarheiten darüber ergeben, womit die Gesellschaft es zu tun bekommt.

Eine vorläufige Antwort könnte lauten: die Gesellschaft lernt gegenwärtig ein operativ unzuverlässiges, weil unerforschtes Medium für #kzu kennen, das selbst anonym ist und bleiben wird, solange handelnde Subjekte – oder erweitert: irgendwelche Akteure – als responsfähige Instanzen sozial standardisiert werden.

Fortsetzung