Differentia

Tag: Medieninnovation

Medieninnovation als Überfall 2 Verfremdung

Albrecht Dürer: Selbstbildnis (Münchner Selbstbildnis), Öl auf Leinwand (1500) Wikipedia

Am Anfang war die Unschärfe und die Verfremdung. Am Anfang wird immer versucht, die Wiedererkennbarkeit der Welt zu behindern. Und mit sehr viel Mühe passiert es irgendwann, dass diese Versuche selbst eine Welt gestalten, die dann ihre Wiedererkennbarkeit solange garantiert, bis der Innovationszyklus von vorne, aber unter  gänzlich geänderten Voraussetzungen beginnt. Die Erneuerung eines Innovationszyklus stellt Diskontinuität her und motiviert die Erben, sich eine Tradition zu konstruieren, um eine anders verstehbare Welt zu normalisieren, indem Kontinuität illuminiert wird.

Die Verfremdung der Welt taucht in verschiedenen Gestalten auf, als Klage über den Sittenverfall oder als Klage über eine verdorbene Jugend, als Fluchtbewegungen und als vermehrte Anstrengung, eine aus den Fugen geratene Welt ins alte Licht zu setzen. Das kann gehen, weil am Anfang Stümper, Neunmalkluge und Großschwätzer über Land ziehen, die Empörung und Gelächter auf sich ziehen und die erst noch das soziale Material hevorbringen, das später bearbeitet und veredelt wird. Zu Dürers Zeit war so ein Stümper eine erst später berühmt gemachte Figur, der Johann Georg Faust, ein Wandergelehrter, ein fahrender Scholar und eigentlich eine arme Wurst, Angehöriger des akademischen Prekariats seiner Zeit, ein Außenseiter, einer, der verjagt und verlacht wurde. Gelehrsamkeit ohne Machtoption hat wenig Chancen auf Beeindruckung.

Am Anfang ist die Verfremdung. Auch das Selbstbildnis Dürers ist so ein Verfremdungskunststück, Sichtbarmachung einer bis dahin unmöglichen Möglichkeit: der Sünder, der seinen Herrn anschaut und der sich nicht länger nur von ihm angeschaut weiß. Wenn man etwas sehen will, das schon immer sichtbar war, muss es anders aussehen. Und warum nicht auch obszön, anstoßerregend? Grenzüberschreitungen und Regelverletzungen bergen immer eine apokalyptische Information. Wer – wie Heidegger schrieb – „ins Offene hinein geborgen ist“, wird regelmäßig die Erfahrung machen, dass Selbsteinschließung den Horizont erweitert, nicht vermindert. Selbsteinschließung öffnet Offenheit, Selbstauschließung schließt Geschlossenheit. Das sind apokalyptische Vorgänge, die durch Verfremdung entstehen und Überraschung ermöglichen.

Am Anfang ist Unschärfe, Verfremdung und Überraschung.

Fortsetzung

 

Die Medieninnovation als Überfall 1 Unschärfe

Die erste bekannte Fotografie (Nicéphore Niépce 1826, retuschierte Fassung), Wikipedia

Am Anfang war die Unschärfe. Etwas genaues ist auf dieser Fotografie nicht zu erkennen. Wer auch immer vor 200 Jahren die Absicht hatte, ein bildgebendes Verfahren zu enwickeln, das nicht der Handwerkskunst der Malerei bedurfte, wollte keine Genauigkeit der Abbildung erreichen. Denn wäre es auf Genauigkeit angekommen, hätte es keinen Grund geben, die Fotografie zu erfinden.

Es ging nicht um Genauigkeit, sondern um das Verfahren und um die Spielerei, um das Experiment. Wer und warum auch immer wenig später eine Tagszeitung in großen Mengen drucken und auf der Straße verkaufen wollte, konnte nicht die Absicht haben, über die Welt zu informieren. Denn: worüber sollte berichtet werden? Was sollte man schreiben? Was sollte man zeigen? Die Annahme, es passiere doch genug, von dem man berichten könnte, kann getroffen werden, wenn es viele Tageszeitungen gibt. Wie also fängt man an? Ein guter Anfangsversuch war die Selbstreferenz der sogenannten Zeitungsente: eine sensationelle Geschichte erfinden, sie drucken und am nächsten Tag darüber berichten, wie sie rezipiert wurde. Beispiel: The Balloon-Hoax von Edgar Allan Poe. Auch hier ist die Ungenauigkeit der Informationssituation der initiierende Anfang. Und vor allem: die Berücksichtigung der Meta-Ebene. Erst danach konnte gelernt werden, Dinge zu veranstalten, damit darüber in der Zeitung berichtet wird. Auch eine Zeitungsredaktion muss informiert werden. Sonst geht es nicht.

Die Unschärfe liefert die Anlässe, die Beschäftigung aufzunehmen und weiter zu treiben. Der Selbstbezug verhindert den Prozess nicht, sondern stößt ihn an. Selbstreferenz ist ein „Freiblocken“ der Kommunikation.

Sprache kann nicht mit Verständlichkeit beginnen, sondern wird wohl mit Geschrei und Gestammel angefangen haben, also mit Geschrei wegen des Geschreis.

Medieninnovationen sind idiotisch, sind eine Abwendung von der Kontinuität einer immer schon sinnhaft geprägten Welt und eine Zuwendung zum Abbruch und die Weiterbeschäftigung mit diesem Abbruch. Deshalb funktionieren Medieninnovationen als Überfall, der eine prekäre Unterscheidung durchsetzt: Weiter wie bisher? Oder anders als bekannt?

Am Anfang ist die Unschärfe und die Verfremdung, die Sabotage von Wiedererkennbarkeit.

Fortsetzung