Differentia

Tag: Medieninnovation

Medieninnovation als Idiotie 5 Erfindung 2

Der Heronsball, Erfindung des Heron von Alexandria. Animation.

Medieninnovationen sind idiotisch. Medieninnovationen gibt es, weil jede gesellschaftliche Ordnung immer auch Bedrückung, Zwänge und Unausweichlichkeiten, also Sackgassen herstellt und dazu motiviert, sich um anderes zu kümmern. Deshalb sind moderne Erfinder im alten Sinne des Wortes „Idioten“ – diejenigen also, die keine Meinung haben. Gemeint sind damit jene, die sich raus halten, die nicht mitmischen, die sich enthalten. In neuerer Zeit sind Computernerds solche Leute. In zurück liegenden Zeiten waren dies Dichter, Wandergelehrte oder Mönche, die Nischen einer prekären Lebensweise aufsuchten, um sich mit Antworten auf Fragen zu befassen, die sonst keiner stellt.

Idioten ziehen sich zurück, ohne zu verschwinden; sie steigen aus, ohne die Partizipation an Gesellschaft zu unterlassen. Idioten begegnen ihrer Fremdwahrnehmung mit Indifferenz. Idioten finden keinen Ausweg aus bekannten Verhältnissen, die nichts anderes leisten, als ihre Unhaltbarkeit wiederherzustellen – Verhältnisse, die also idiotisches Verhalten nahelegen – und wählen prekäre Nischen, um in etwas zu investieren, das kaum jemandem nützt, vielleicht nicht einmal ihnen selbst. Deshalb gibt es in modernen Zeiten so viele erfolglose Genies, Leute, die etwas großes erfinden, von dem keiner etwas wissen will.

Medieninnovationen sind grundlos, nutzlos, zwecklos; sind strukturkomplexe Erscheinungen von Überschuss und Überfluss. Daher die Rede von der Zuvielisation. Der Überfluss ist das Ergebnis der unaufhörlichen Produktion von Mangelfiktionen, denn der genetische Ursprung dieser gigantischen Überproduktion von allem liegt provokativ in einer Struktur, welche die  Beseitigung von Mängeln annonciert, und welche, sobald dies tatsächlich gelingt, nur durch gerechtfertigte Kenntnisnahme von weiteren Mängeln differenziert wird. Deshalb werden sozial weitere Mängel produziert, deren Beseitigung für eine strukturelle Integrität sorgt. Das geht gut, solange der Aufwand zur Beseitigung von Mängeln geringer ist als die Herstellung weiterer Mängel. Dieses Verhältnis hat sich inzwischen umgekehrt: es können kaum noch Mängel beseitigt werden und jeder Versuch, dies dennoch zu tun, setzt noch mehr Mängel in die Welt.

Darunter kann man leiden, man kann sich darüber empören oder einfach auch weg- oder woanders hingucken. Man könnte der Idiotie ins Gesicht sehen, indem man sich zu diesem Anblick idiotisch verhält.

Fortsetzung folgt.

 

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Medieninnovation als Idiotie 4 Erfindung 1

Karl Freiherr von Drais, Erfinder und Genie (erfolglos)

„Freiherr von Rutsch
zum Fahre kei Kutsch
zum Reite kein Gaul
zum Laufe zu faul.“

Die moderne Gesellschaft hat, anders als die alte Gesellschaft, ein Medium für die Kommunikation von Bewegung erfunden. Das Medium besteht nämlich aus sozialen Formen, die Nichtbewegung ausprobieren: „Zum Reiten kein Gaul – zum Laufen zu faul“ heißt es oben in dem Spottvers, in welchem genau das verspottet wurde, was sich durchsetzen wird: Die Verweigerung, Vermeidung von Bewegung oder der Verzicht darauf.

Maschinen, Motoren, Pumpen, Antriebe, Ketten, Hebel, Zahnräder und Getriebe bilden durch ihre Verknüpfung miteinander ein Vermeidungsmedium für Bewegung. Was sich schon frühzeitig mit der Erfindung des Laufrades ankündigte, wurde später mit dem Viertaktmotor fortgesetzt. Der Sinn dieses Steigerungsprozesses war nicht die schnellere Bewegung, denn auch die ersten Automobile waren langsamer als jeder Läufer, sondern die Vermeidung von Bewegung, das zugleich ein Spiel der Freisetzung von physikalischen Kräften war, dessen Funktionieren dann höchst beeindruckend wirkte. Erst, wenn man annimmt, dass die Vermeidung von Bewegung die Tüftelei motivierte, kann man begreifen, warum die ersten Automobile trotz ihrer Langsamkeit und Unzuverlässigkeit so beeindruckend waren: sie fuhren von selbst.
Die Erfindung der Lokomotive nimmt in dieser Hinsicht eine Doppelstellung ein; einerseits, weil für ihren Betrieb Arbeitsteilung und also industrielle Organisation von Arbeit und damit auch die Bewegung von Arbeitern unverzichtbar war, anderseits war die Passage selbst eine Demonstration von Nichtbewegung, nämlich: Das Warten der Passagiere auf das Ende der Fahrt. Insofern war die Lokomotive dem Segelschiff sehr viel ähnlicher als dem Automobil. Noch einmal anders verhält es sich beim Flugzeug. Da bewegt sich niemand mehr, aber aufgrund der Gefahrensituation überdeckt die Organisation, die dafür nötig ist, die Gefahr abzuwenden, dass gerade die Nichtbewegung aller gebraucht wird, um eine enorme Geschwindigkeit zu ermöglichen.

Erst die Individualisierung von Nichtbewegung setzte enorme Kräfte frei, die nicht mehr organisierbar waren. Die Erfindung des Autos war nicht der schnelleren Bewegung gewidmet, sondern der Nichtbewegung seines Führers. Eben dies beschleunigte die soziale Formfindungen, die sich aus dem Vermeidungsmedium ergaben.

Eine jede Medieninnovation differenziert sich aus einem Vermeidungsmedium heraus, das in seinen empirischen Formen stets beides Seiten reflektiert: Bewegung genauso wie Nichtbewegung, weshalb Paul Virilio sich nicht irrte, als er von einem rasenden Stillstand schrieb.

Schön zu lesen ist unten der Auszug aus einem Gutachten des Jahres 1813, das dem Erfinder des Laufrades, dem Grafen von Drais, bescheinigte, eine unnütze Maschine erfunden zu haben. Darin heißt es, dass das Laufen eine bessere und vorteilhaftere Bewegung sei. Außerdem gäbe es keine geeigneten Straßen. Beides stimmte gewiss. Auch heißt es, dass eine solche Maschine durch Tiere zu ziehen einer natürlichen Bewegung entspreche. Das Laufrad wandle diese in eine unnatürliche Bewegung um, was abzulehnen sei.

Interessant ist diese Quelle deshalb, weil sie anfängt, den Nutzen von Bewegung zu problematisieren und damit zur Auskunft gibt, dass es dem sozialen Sinn nach um den Nutzen von Nichtbewegung geht. Denn bis dahin hätte niemand über den „Nutzen von Bewegung“ nachdenken können, weil Bewegung selbstverständlich unverzichtbar war. Eine schönes Beispiel für Diskontinuität: In dem Maße wie nunmehr die Selbstverständlichkeit von Bewegung in den Nutzen von Bewegung umgeändert wird, wird der Nutzen von Nichtbewegung opportun. Und im Laufe von 200 Jahren hat sich dieser Prozess noch einmal umgeändert in die Feststellung, dass der Stillstand aufgrund von unaufhaltsamer Beschleunigung mehr Kosten als Nutzen hat.

Fortsetzung

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