Differentia

Tag: Masse

Die Kritik geht immer weiter @sowistammtisch

Klaus Kusanowsky hat beim Sowi-Stammtisch die These vertreten, dass Kritik trivial geworden sei, weil ihre Zugangsbarrieren in modernen Gesellschaft unter den Bedingungen von Social Media vollständig abgebaut sind.  Mit Meinungs- und Redefreiheit, schrankenloser Autorenschaft und der Allgegenwart der Jeder-mit Jedem-zu jeder Zeit-Kommunikation, würde Kritik folgenlos. …

Meine These lautet, dass die Trivialisierung von Kritik darin besteht, dass Internet und Social Media die Zugangsbarrieren zu Kritik erleichtern und gleichzeitig die Möglichkeit von fundierter Kritik strukturell erschweren. (Link)

Die Kritik geht also weiter, aber jetzt mit dem Unterschied zwischen trivialer Kritik und fundierter Kritik: Kritik für die Masse oder für das Volk, Kritik für die niederen Ränge auf der einen Seite und Kritik für die Wenigen auf der anderen Seite, also Kritik für die, die es sich leisten können, gründlicher nachzudenken, Kritik für die Elite der Reflexion, für die gehobenen Kreise der Gesellschaft? Fundierte Kritik ist schwerer geworden?

Man bemerkt eine „Ja, aber“-Verschiebung, um ein bekanntes und altes Muster zu retten, ein Muster der Rechtfertigung von Distinktionsgrenzen. Volk oder Masse hier, die Elite da; die Unterschicht hier, die Oberschicht dort; die große Menge der Unaufgeklärten hier, die wählerische Intelligenz dort; die Schlechtinformierten hier, die Gutinformierten dort.

Ich stelle zufrieden fest: Es bleibt alles beim Alten. Die Kritik geht immer weiter. Der Kritiker bleibt Richter in eigener Sache und entscheidet wie immer zu seinem Vorteil.

Mal im Ernst: wie fundiert ist das denn?

Podcasts: Radio ohne Professionalitäts-Magie 6

zurück / Fortsetzung: Die Gegenstände der empirischen Forschung sind Menschen, Nutzer, Leser, Hörer oder Konsumenten, die verstreut im Raum massenmediale Kommunikationsangebote nutzen, indem sie eine Zeitung aufschlagen oder das Radio einschalten. Nirgendwo sind die Nutzer organisiert – sie sind die Masse des Mediums1, eine wabernde, inhomogene, mehr oder weniger chaotisch strukturierte Masse, die angeblich, damit die Gesellschaft etwas Genaueres darüber wissen kann, auf das Beobachtungsschema einer empirischen Forschung angewiesen ist, für die das selbe nicht gilt. Die Selbstbeschreibung empirischer Forschung besagt, dass Forscher ziel- und hypothesengeleitet Texte rezipieren und daran ihre Handlungen ausrichten, dass sie Erkenntnisinteressen haben, dass sie ihre Ergebnisse methodischen Kontrollverfahren unterziehen und sich in der Organisation der Universität der Kritik aussetzen. Wissenschaftler können angeblich etwas, dass jedes andere Individuum in der Masse nicht in gleicher Weise leisten kann. Die Masse handelt bedürfnisorientiert, die Wissenschaft handelt aufgrund von Selbstbeauftragung erkenntnisorientiert.
So wird zwar Selbstreferenz und damit die Beobachtung der Wissenschaft durch die Wissenschaft in der Selbstbeauftragung zugestanden, aber die Forschung muss sofort dafür sorgen, dass diese Selbstauftragung in Namen von etwas anderem geschieht, um damit der Selbstreferenz zu entkommen.

Die damit verbundenen Schwierigkeiten sind der Forschung lange und beinahe vollständig bekannt, insbesondere auch in Hinsicht auf die Fraglichkeit und die Gebrechlichkeit all dieser Konzepte, was sie nicht daran hindert, nach dem Schema zu verfahren, nach welchem sie immer verfährt, weshalb es nicht wundert, dass auch das Phänomen des Podcasting genauso behandelt wird und das, obwohl spätestens jetzt die Bedingungen ganz andere sind als diejenigen, die sich dadurch ergeben, dass sich Sender und Empfänger für einander ausschalten.
Denn mit dem Internet schalten sie sich für einander ein, bzw. das Internet leistet eine Ausschaltung der Ausschaltung und sorgt für eine Selbstorganisation von Faszination für diese Art der Kommunikation, die auf der empirischen Ebene nicht zuerst Motive, Interessen, Absichten oder Mitteilungsbedürfnisse erkennbar macht.
Die empirische Forschung ignoriert das einfach, indem sie ein ganz banales, ja primitives Manöver vollzieht. Für sie wird die Nutzung des Internets nun selbst zum Bedürfnisproblem der Masse, die jetzt nicht nur Sendungen empfängt, sondern selber welche sendet, indem massenweise Podcasts hergestellt werden.
Dass der empirische Forscher nun aber auch zuerst das Internet einschaltet um zu recherchieren, um Fragebögen zu verteilen und um anschließend in entsprechenden Podcasts über die Ergebnisse seiner Forschung zu berichten, nennt er hinsichtlich seines eigenen Handelns immer noch erkenntnis- und nicht bedürfnisorientiertes Handeln wie das der Masse der Nutzer. Er, der empirische Forscher, gehört angeblich nicht dazu, obwohl er doch selbst zur Ausschaltung der Ausschaltung beiträgt.

Man erkennt das Geburtstrauma der Wissenschaft wieder: das Genie, das sich aus der wilden, undifferenzierten Masse heraus hebt, indem es für die Selbstbeschreibung seines Handelns eine andere Differenz wählt als für die Beschreibung seines Gegenstandes.
Woher kommt das? Die Antwort lautet wohl: die Organisation der Universität, die als Machtapparat eine Art Zivilisierungsleistung erbringt, indem sie die Masse aussperrt und die wenigen Verbleibenden mit Zumutungen der Bürokratie überzieht, erschafft auf diesem Wege einen Adel der Selbstgenügsamkeit, der freilich, nachdem die Universität selber in den Zustand ihrer Vermassung übergegangen ist, verschüttet, aber nicht grundsätzlich abgeschafft wurde und nicht abgeschafft werden konnte. Denn Organisationen und die mit ihnen sich entwickelnden Strukturen widersetzen sich hartnäckig jeder Selbstabschaffung oder Selbstauflösung und lassen sich nur durch äußeren Druck und nur durch einen enorm hohen äußeren Druck auf den gesellschaftlichen Lernprozess der schöpferischen Zerstörung ein.

Fortsetzung

1 Dazu Ausführlicher bei Bartz, Christina: MassenMedium Fernsehen. Die Semantik der Masse in der Medienbeschreibung. Bielefeld 2007.