Der Protest-Strich

zurück: Lernen als Machtspiel 6

„Wir Kinder tun oft nicht das, was ihr uns sagt. Wir tun das, was ihr tut. Und weil ihr Erwachsenen auf meine Zukunft scheißt, tue ich das auch. Mein Name ist Greta, und ich bin in der neunten Klasse. Und ich bestreike die Schule für das Klima bis zum Tag der Wahl.“ (zu lesen bei SPON)

Eine echte Kampfansage. Jetzt dürfen Kinder, womöglich mit behördlicher und elterlicher Genehmigung, das Lernen verweigen. Warum auch nicht? Es bringt ja alles nichts mehr, weil alles schon ausreichend gewusst wird: die Probleme kennt jeder, die Lösung auch. Jetzt muss die Lösung nur noch durchgesetzt werden. Durchsetzen heißt, mit Machtkommunikation anzufangen; und Machtkommunikation heißt, Drohungen auszusprechen. „Wenn nicht geschieht, was geschehen soll, dann … “ gefolgt von der Vermeidungsalternative, also ein Angebot, das voraussichtlich abgelehnt und darum ausgesprochen wird: Geld her, oder ich schieße. Gehorche, oder du wirst bestraft. Forderung erfüllen, oder es wird gestreikt, streiken heißt hier: die Mitarbeit, die Mitwirkung zu verweigern: Die Welt retten, sofort, oder ich weigere mich zu lernen.

Erfahrung und jedes Weltwissen, dessen Empirizität sich dadurch auszeichnet, dass es innerhalb von Machtspielen erarbeitet und bekannt gemacht wurde, läßt nur die Fortsetzung von Machtspielen zu. Das nicht nur mit allen tauglichen, sondern auch mit allen untauglichen Mitteln. Kinder auf den Protest-Strich zu schicken ist so ein untaugliches Mittel. Aber warum wird davon trotzdem Gebrauch gemacht?

Es handelt sich um eine Hyperbolisierungsstrategie dieser Machtspiele. Sobald eine soziale Ordnung, die Machtoptionen in der Weise ordnet, dass sie die Partizipation an diesem Machtspielen erwartet und die Erfüllung dieser Erwartung mit Befriedigung versieht, kann im Erfolgsfall niemals aufhören, immer mehr Humanressourcen zu Durchaltung dieser Ordnungsstrategie zu akquirieren. In dem Fall, dass Streik als Machtspiel akzeptabel wird und zur Befriedigung führt, heißt das: Zuerst werden minder qualifizierte Industriearbeiter in dieses Machtspiel verwickelt, dann Angestellte des öffentlichen Dienstes, Dienstleister jeder Branche, dann auch höher qualifizierte Angestellte, aber dann auch Studenten, Schüler und irgendwann auch Kinder. Niemandem kann die Beteigung an diesem Machtspiel wirksam untersagt werden, denn wenn die einen das Recht zum Mitmachen erhalten, warum nicht auch die anderen? Was spricht zukünftig dagegen, dass auch Politiker streiken oder Maschinen oder Tiere? Wer das Quatsch nennen möchte, lebt in einer kleinen und übersichtlichen Welt. Erst die rigorose Übertreibung führt grell vor Augen, was mit Argumenten nicht zu erreichen ist.

Kein Pädagoge, kein Vater und keine Mutter verliert also an Ansehen, wenn sie Kinder dazu ermutigen, auf den Protest-Strich zu gehen. Cosi fan tutte. Wer seine Kinder liebt, verwickelt sie in aussichtslose Machtspiele. So kann wirksam nicht gelernt werden, was erst noch zu erlernen wäre: Lernerfahrungen, die nicht aus Machtspielen resultieren.

 

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