Differentia

Tag: Machtkampf

Sic et non #soziologie

Sic et non – Ja und nein. Ist Soziologie eine Wissenschaft? Die Frage darf gestellt werden, aber nur, wenn man mit der vorschriftsmäßigen Antwort einverstanden ist. Die lautet überraschenderweise immer Ja. Nein ist auch möglich, aber wer so antwortet, wird entweder nicht befördert oder, wenn doch, dann nicht von einem Wissenschaftsbeamten für Soziologie. Will man also die ganze Wahrheit, sprich: eine soziale Ordnung, die ihre Möglichkeiten für die Wissensproduktion entwickelt, prüfen, dann muss man für Ja und Nein getrennte Zuständigkeiten innerhalb der Wissenschaftsbürokratie aufsuchen. Anders geht es nicht.

Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass die Frage gar nicht mehr gestellt werden muss, wenn nur eine Antwort zulässig ist. Sie muss auch nicht gestellt werden, aber verhindern kann man diese Frage eben auch nicht. Verhindert werden kann nur, dass die unerwünschte Antwort für den Fortbestand der Soziologie von Bedeutung ist. Das heißt, dass um der Sicherheit ihres Fortbestands für die Soziologie nur die halbe Wahrheit akzeptabel ist, weil die ganze Wahrheit – so das Vorurteil, das durch keine Erfahrungstatsache gestützt wird – keine Entscheidung zulässig macht. Wenn die Mittel begrenzt sind, wenn die Konkurrenz unter den Aspiranten groß ist, wenn nun einmal die Intransparenz der Wissenschaft „die zweite Natur“ einer sozialen Ordnung ist, die keine Notwendigkeit sieht, sich über die Bedingungen ihrer Möglichkeit zu irritieren, wenn außerdem „das Formular“ und seine korrekte Ausfüllung, die Vorschrift und ihre Beachtung das einzige ist, was als Rechtfertigungsgrundlage genommen werden kann, weil alles andere, obwohl genauso wirksam für Entscheidungsfindung (z.B. Habitus) nur auf eine nicht-objektivierbare Realität verweist, die sich den Formularzwängen entzieht, dann gibt es eben nur diese und keine anderen Kontrollzwänge um Entscheidungsfindung zu betreiben. Wer Nein sagt fliegt raus, oder kommt gar nicht erst herein. Also lautet die Antwort immer Ja, auch dann, wenn man mit der anderen Antwort genauso folgenreich die soziale Welt beschreiben, analysieren, interpretieren, erklären und verstehen kann.

Die Nein- und Ja-Sager werden also auf diese Weise von einander getrennt und finden nicht so einfach in eine Situation zurück, in der gelernt werden kann, dass es in der Wissenschaft zuerst aufs Lernen, nicht auf das Formular ankommt. Weil das nicht gelernt werden kann, sind Machtspiele diejenigen Vorgänge, die das Wissenskonzept trainieren. Gewusst kann nur werden, was innerhalb von Machtspielen erlernt wurde, womit zugleich das Spiel um Macht miterlernt wird, ohne jedoch zugleich erklären zu können, wie es denn funktioniert. Und schon gar nicht kann man verstehen, wie überflüssig solche Machtspiele sind. Die soziale Ordnung der Soziologen ist auf Zwang angepasst. Deshalb ist das Vertrauen auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments naiv. Dieses naive Vertrauen affirmiert seine Ordnung und macht sie zugleich verdächtig. Es könnte ja auch anders sein. Aber solchen Lernbeobachtungen sind die größten Hindernisse entgegen gestellt.

Das beschreibt die Quelle des Verdrusses, dem sich die Soziologie aussetzt. Sie hat es stets mit der ganzen Wahrheit zu tun, darf aber nur die Hälfte davon ernst nehmen. Könnte stattdessen ein „sic et non“ in einer Theorie soziologischer Erfahrung berücksichtigt werden, weil nur so Theorie selbst als Erfahrungstatsache erlernt werden kann, dann könnte man Soziologie als einen sozialen Lernalgorithmus auffassen, der nur darum Wissen herstellt, weil er so etwas wie „positives Wissen“ gar nicht braucht. Soziologie ist dann eben Wissenschaft, wenn sie kein positives Wissen herstellt. Und sie ist keine Wissenschaft, wenn doch.

Dieser Gedanke wird ungeprüft aussortiert. Also muss die Karambolage weiter gehen.

Biologische, soziologische Tatsachen? #gender #biologismus #soziologismus #machtkampf

Hier ein Interview mit dem Biologen Ulrich Kutschera zum Thema Gender-Mainstreaming. In dem Gespräch verteidigt der Biologe die Wahrheiten der Biologie in Sachen Geschlechtlichkeit als geprüftes Wissen, als Fakten, als biologische Tatsachen, als wissenschaftliche Forschungsergebnisse, die sich von der Genderforschung bedroht sehen, welche angeblich – dem Kreationismus ähnlich – von den natürlichen Entwicklungen und Gegebenheiten nichts wissen will und stattdessen glaubhaft machen möchte, Geschlechtlichkeit sei durch gesellschaftliche Realität hergestellt und sei deshalb verfügbar und damit durch Erkennbarkeit, Wissbarkeit und Handlung veränderbar.

Was man in diesem Interview feststellen kann ist, dass hier ein Biologismus eine Konkurrenzposition zu einem Soziologismus sucht und damit wie dieser in die gleiche Falle läuft. Denn tatsächlich ist der Soziologismus, der von der Annahme ausgeht, dass, sei Geschlechtlichkeit eine gesellschaftliche Konstruktion, sie durch gesellschaftliche Verhältnisse veränderbar sei, eine extreme soziologistische Banalisierung, die ich darauf zurückführen würde, dass diese Art von Wissenschaft für ein Verstehen von Gesellschaft nur parasoziologische Begrifflichkeiten verwendet. Der wichtigste parasoziologische Begriff bezieht sich auf Handlung als diejenige Operation, durch die soziale Realität gestiftet würde. Handlung sei, so könnte man die parasoziologische Position formulieren, in der Kontingenz der Gesellschaft eingelassen (was plausibel ist) und habe deshalb die Fähigkeit, sich durch Forschung eine Souveränität zu erarbeiten (was empirisch nicht stimmt), durch welche die Verfügung über Geschlechtlichkeit gesellschaftlich herstellbar wäre, was letztlich heißt: die Verfügung über Geselllschaftlichkeit ist die Voraussetzung für die Verfügung über Geschlechtlichkeit. Das ist ein primitiver Soziologismus oder, wie ich sagen würde, eine Parasoziologie, die lediglich die Kontingenz jeder Handlung als Rechtfertigungsproblem sieht und nicht die Frage nach der Bedinung ihrer Möglichkeit, also nach Gesellschaft stellen kann. Für eine Parasoziologie ist Gesellschaft als objektive Realität eine Versammlung und ein Geschäft handelnder Menschen.

Es fällt nun auf, dass der Biologismus die gleichen parasoziologischen Vorannahmen teilt. Denn in beiden Positionen wird ein Subjekt/Objekt-Dualismus angenommen, der wahlweise Sozialität oder Natur als objektive Realität setzt und dann diese Unterscheidung von Subjekt und Objekt auf einer von beiden Seiten wieder eintreten lässt, zuzüglich aller sich daraus ergebenden Konsequenzen, die sich an den Rändern der Kontingenz zeigen, wenn so beoachtet wird. Für den Biologismus ist die Subjekt/Objekt-Unterscheidung natürlich, für den Soziologismus ist sie sozial und in beiden Fällen greift nun die Beobachtung eines Determinismus. Der Biologismus sieht sich durch eine unverfügbare, also eine natürliche, der Soziologismus sieht sich durch eine verfügbare, also soziale Realität determiniert und in beiden Fällen wird nun Widerstand beobachtbar, der sich um die Frage dreht, mit welchem Recht so oder so argumentiert wird. Und da keine wissenschaftlichen Forschungsmethoden gibt, keine biologischen und keine soziologischen, die diesen wissenschaftlichen Rechtsstreit klären könnten, bleibt beiden Seiten nur übrig, einen Machtkampf zu führen.

Daraus ergibt sich: sozial geht es nur um einen Machtkampf, der sich Symbole der Aushandelbarkeit sucht. Das Symbol hier ist Geschlechtlichkeit. Der Streit sucht die Klärung wissenschaftlicher Fragen, die mit wissenschaftlichen Methoden nicht einwandfrei beantwortet werden können, durch Meinungskampf innerhalb von universitären Organisationszwängen.
Und es zeigt sich: die sozialen Verhältnisse – hier diejenigen an den Universitäten – sind für die Handelnden weder auf natürliche Weise unverfügbar, denn der Biologe handelt ja, sucht einen Machtkampf, verfügt entsprechend über geeignete Mittel, um ihn zu führen, noch sind die Verhältnisse auf soziale Weise einfach verfügbar, denn der Soziologe handelt ja ebenfalls und müsste keinen Machtkampf führen, wenn die Verfübarkeit über soziale Realität hergestellt wäre.

Eine Wissenschaft ohne Organisationszwänge hätte solchen Probleme nicht.

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