Differentia

Tag: Lernpessimismus

Der Lernpessimismus der Wissenschaft 4 @llenthalben

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Der Lernpessimismus der Wissenschaft: in diesem Vortrag wird der Lernpessimismus von dem Wissenschaftskaspar Harald Lesch zum wiederholten Male vorgeführt. Die Vorführung demonstriert empirisches Wissen über den katastrophalen Zustand einer Welt, die nur mit Hilfe des Wissens um ihre Empirizität entstehen konnte. Ergebnis: alles ist ganz schlimm. Aber: kein Grund zur Sorge, so der Wissenschaftskaspar, denn wir können das ja ändern, indem wir dem Grundsatz gehorchen, dass das Handeln dem Wissen entsprechen solle.
Gehorchen sollen wir. Und zwar denen, die es gut, die es genau, die es richtig und besser wissen. Schon aus moralischen Gründen sei das geboten. Gehorche dem Gebieter. Das klappt vorhersehbar nicht, aber der Wissenschaftskaspar hat alles getan, was er tun kann und ist fein raus.

Nicht Wissen generell ist eine Lernbehinderung, sondern die Anwendung gewussten Wissens auf zu wissendes Wissen schafft eine unüberwindbare Blockade, weil zu viele Vorentscheidungen darüber festgelegt sind, was als Ergebnis angenommen werden kann und was nicht. Das führt dazu, dass nur heraus kommt, was man gemäß dessen beurteilen kann, was man schon beurteilt hat. Es wird gleichsam nur gewusstes Wissen wiederholt, und das sei alles, worauf es ankäme.

Wenn man nur im Empirischgewordenen einen Ausweg sucht, findet man keinen. Im Empirisichwerdenden könnte man nur vielleicht einen finden, aber hauptsächlich nur Irrtümer, über die selbst der Wissenschaftskaspar nicht lachen kann.

Schlimm, alles ganz schlimm.

Der Lernpessimismus der Wissenschaft 3

 

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Der kognitive handicap der Wissenschaft besteht darin, dass sie, soweit und so ausführlich sie sich auch immer auf die Kontingenz ihrer Differenzen einlassen will, dennoch von einer Voraussetzung ausgehen muss, die ihre Bedingtheit nicht weiter überprüfen kann: Es käme auf Beweise an, wenn man etwas behaupten und begründen will. Dass es aber auf Beweise ankommt, kann man zwar behaupten und begründen, aber nicht beweisen. Es käme auf das bessere Argument an. Wer aber – wie ein Professor – Richter in eigener Sache ist, wer also selbst darüber entscheiden darf, ob die eigenen Argumente die besseren sind, kann keine besseren Argumente mehr formulieren. Wer stets davon ausgeht, über die entscheidenden Voraussetzungen der Urteilsbildung bereits ausreichend informiert zu sein, kommt nach Prüfung sämtlicher Differenzen nur zu dem Ausgangspunkt zurück: Wenn schon klar ist, was klar ist, dann müssen die Unklarheiten irgendwo anders herkommen.

Daraus ergibt sich der Lernpessimismus der Wissenschaft: Es gibt angeblich keine weitere erkenntnisfördernde Instanz als das menschliche Urteilsvermögen und eben diese Instanz sei besonders bei den Herren Professoren mit besonderen Privilegien ausgestattet, sie sei nämlich unabhängig. Während alle anderen der niederen Tätigkeit des Gewerbetriebs und der Konkurrenzkämpfe ausgesetzt sind, seien die Großgrundbesitzer der wissenschaftlichen Wahrheit von diesem Spiel befreit; oder sollten dies sein.
Der Lernpessimismus der Wissenschaft entsteht durch dieses handicap, das für alle Wissensproduktion ein Selbstschwächung darstellt. Tatsächlich ist das System der Wissenschaft vollständig korrumpiert, nämlich durch sich selbst. Für den Alltag eines Professors heißt das, dass er einfach nicht zugeben muss, wovon er entscheidender Weise abhängig ist. Dieses Zugeständnis verweigern zu dürfen, nennen wir nicht länger die Freiheit von Wissenschaft und Forschung, sondern ihre Vollnarkose.
Die Freiheit der Wissenschaft und Forschung wird durch die Zwänge der Wissenschaft und die Nöte der Forschung selbst abgeschafft. Schwächung entsteht, wenn man das, was man schlechterdings zugeben kann, niemals zugeben wird. Die SPD wird niemals zugeben, dass sie keiner mehr braucht; die Bundeswehr wird niemals zugeben, dass sie keine Feinde mehr hat; die Zentralbank wird niemals zugeben, dass sie ungedecktes Geld in Umlauf bringt und die Wissenschaft wird niemals zugeben, dass sie bloß ihre Vollnarkose verwaltet.

Soll ein neuer Anfang gefunden werden, muss man woanders hingucken.

Fortsetzung