Differentia

Tag: Legitimität

Legitimität und Dämonie I

Zum Begriff der sozialen Dämonie

ptillic

Büste von Paul Tillich. Foto: Wikipedia

Internet-Raubkopierer, internationale Finanzspekulation, Amokläufe, Selbstmordattentate – die moderne Gesellschaft ist überfüllt von Phänomen sozialer Dämonie. Diesen Begriff entnehme ich den Schriften des Theologen Paul Tillich, allerdings in sehr abgewandelter Form. Unter Dämonie wird hier alles verstanden, das außerhalb eines formierten Mythos von Legitimität steht. Mit Dämonie ist aber nicht einfach nur Illegitimität gemeint, sondern alle Art von Machtausübung, die sich jenseits der Grenzen von legitim und illegitim bemerkbar macht. Dämonische Macht ist weder erlaubt, noch könnte man sie verbieten oder unterdrücken. Im Zusammenhang mit der Finanzkrise hat sich ein geflügeltes Wort gebildet: „Too big to fail.“ Damit sind dämonische Strukturen bezeichnet, deren Mächtigkeit darauf verweisen, in Legitimität überführt zu werden.
Eine Kulturgeschichte der sozialen Dämonie wäre noch zu schreiben. Darunter fiele etwa die sogenannte „lutherische Ketzerei“, die mit keinem bekannten Mittel zu bekämpfen war, oder man denke an die Aufdringlichkeit, mit der sich demokratische Auffassungen zu verbreiten gedachten. Die Durchsetzung des Christentums, die Eroberung außereuropäischer Kontinente, die Herausbildung eines staatlichen Gewaltmonopols, all das verweist auf eine Morphologie sozialer Dämonie, auf Phänome der Aufstauung von Veränderungsnotwendigkeiten, die durch Belastung eines Zivilisationsmythos enstehen.

Alle dämonische Macht hat keine übergeordnete Instanz, aus der heraus sie sich ableiten kann. Das selbe gilt auch für alle Legitimität, die immer nur als Ergebnis von Aushandlungsprozessen entsteht.
Wie kann Dämonie in Legitimität überführt werden, wenn für Legitmität das selbe gilt wie für Dämonie? Man könnte die Frage systemtheoretisch auch so stellen: Wie hält die Autopoesis sich selbst gegen ihren eigenen Widerstand aufrecht?
In rechtstheoretischer Hinsicht kommt man so kaum weiter, da sich alle Legitimität in einem vom Gesetzgeber geschaffenen Gesetztestext ableitet, welcher für alle richterlichen Entscheidungen als ein Präskript fungiert. Das bedeutet letztlich, dass die Legitmität von richterlichen Entscheidungen aus einer bereits legitimierten Quelle abgeleitet werden. Daher bleibt das Problem bestehen: Wie kommt diese Legitimität zustande? Die Antwort liegt in der Vermutung, dass alle Elemente zur Legitimitätskonstruktion nicht nur einem System entnommen werden können, sondern durch ein Zusammenwirken von Systemoperationen, die gleichzeitig mehrfach zugeordnet werden müssen, damit in jedem einzelnen System durch Umschreibungen von Skripten auf ein Präskript verwiesen werden kann. Jedes System formuliert gleichsam ein Skript, das auf ein Präskript parasitär verweist und entfaltet damit jeweils systemeigene Postskripte, welche alle vorhergehenden Operationen nachträglich noch einmal legitimieren. Diese so bezeichneten Postskripte stehen damit in einer parasitären Beziehung zu den Bedingungen, durch die sie möglich werden. Das Postskript nistet sich in die Transkription ein und zehrt von ihr. Sie muss sich nun bewähren, indem sie sich an das mit ihr vorgestellte Präskript zurück wendet und sich als dessen Umschreibung ausweist. Das Verhältnis des Parasiten, der Störung und Aufstörung der Transkription, wird in der Folge als Kritik nutzbar gemacht. Wollte man nämlich den Parasiten eliminieren, kann das dazu führen, dass die Transkription nicht mehr problematisiert werden kann, weil differenztheoretisch mit dem Verschwinden jeder Negation auch die Negation der Negation verschwindet. Jedes Verfahren zur Legimitätskonstruktion braucht daher eine Differenz zwischen Legitimität und Illegitimität, um sich dem dämonisch indifferenten Zugriff auf Komplexität zu entziehen. Durch die Differenz von Legitimität und Illegitimität entstehen zu jeder Umschrift eines Präskriptes neue Postkripte, die ihre Berechtigung wechselseitig in Zweifel ziehen, wodurch sich im Verfahren eine reflexive Position ausdifferenziert; und zwar als Relation auf die Relation, wie sie in den Verhältnissen von Skript und Postskript impliziert ist.
Die Störung, die mit dem Parasiten aufkommt, ist damit unverzichtbar für alle Kontruktion von Legitimität. Wichtig ist aber auch zu sehen, dass der Parasit, so unverzichtbar auch immer, niemals selbst als normative Stellgröße im Prozessgeschehen betrachtet werden kann. Vielmehr kommt es auf die Ambivalenz seiner Funktion an, die erster Linie darin besteht, die Transformation von Dämonie in Legitimität beobachtbar zu machen. Diese Ambivalenz hat nämlich eine gegenseitige Parasitierung von Legitimität und Illegitimität zur Folge, an deren immunologischer Effekte sich jede Dämonie domestiziert.

Überlegungen zur Dämonie digitaler Medienpraxis I

Ist das, was das Bild zeigt, real? Gibt es die Realität wieder?

Noch immer sind nicht restlos alte Unterscheidungsroutinen überwunden, die unverdrossen Beobachtungsschleifen vollziehen, deren Aussichtlosigkeit deshalb nicht bemerkt wird, weil sie durch Trivialisierungsprozesse immer weiter verschoben werden, was bewirkt, dass solche Unterscheidungen an verschiedenen Stellen scheinbar immer wieder neu auftreten. Insbesondere der skandalöse Gehalt der Eingangsfrage ist interessant. Denn auf der anderen Seite erscheint mit dieser Frage die Forderung wiederholt zu werden, das Bild möge Realität abbilden; und wo feststellbar wird, dass das gar nicht geht, wie man meint, dass es gehen sollte, erscheint das Bild, das Dokument allgemein, als illegitimer Ausbruch dämonischer Gewalt.
Das digitale Bild erscheint dagegen als illegitim, weil es angeblich referenzlos ist, indem es einer analogen Weiterbearbeitung entzogen wird. Es erscheint gleichsam synthetisch und performativ nicht mehr an Materialität gebunden zu sein, da der Abbildungsprozess nicht im Kontext einer durch andere Medien bereits dokumentierten Sache erscheint; vielmehr ist es nur eine durch Algorithmen formalisierte Beschreibung, die nichts mehr repäsentiert, sondern alles simuliert. Dabei handelt es sich um einen Ablöseprozess, dessen Dämonie darin zum Ausdruck kommt, dass die Disponibilität einzelmedialer Repräsentations- und Erzählweisen ihrer eigenen Reflexivität nicht mehr gewachsen ist.

Nimmt man etwa die subjektphilosopisch gestützte Annahme eines unmittelbar authentischen und medienfernen Körpers heraus, kann man bemerken wie solche Annahmen zusehends an Attraktivität verlieren, weil der immer schon medial geprägte und der auf diese Weise ‚eingerahmte‘ Konstruktionscharakter von Narrations- und Gedächtnisformen, Wahrnehmungsstilen und Wissensordnungen mit der Indifferenz des digitalen Mediums gegenüber den von ihm simulierbaren Sinnbezügen als solcher deutlicher als zuvor hervortritt. Man fängt also an, zu verstehen, woran frühere Verstehensleistungen ständig gescheitert sind, wenn die Entfaltung eines anderen Beboachtungsschemas nicht mehr aufzuhalten ist; ein Beobachtungsschema, dass sich als Indifferenz gegenüber Referferenzen auszeichnet, durch die es gleichsam parasitär entsteht.

Diese Indifferenz ist jedoch nicht nur eine informationstechnische: Die pure Materialität des Signifikanten in Gestalt des binären Codes, dessen Sinnvorbehalt ja darin besteht, daß er nicht danach fragt, welche Botschaft verbreitet, sondern „dass“ verbreitet wird, vermag nicht den Spielraum zwischen den Medien selbst auszuloten. Vielmehr verweist die nicht mit sich identische Kompositionsweise der Zeichen und Leerstellen, die sich in der axiomatischen, strikt relationalen Stellenwertlogik der binären Codierbarkeit als diskursive Formation beschreiben lassen, auf die Möglichkeit und Unmöglichkeit eines Indifferenzsetzens der Techné als Vorbehalt gegenüber ihren jeweiligen instrumentellen Gestaltungen. Erst von einem Selbstentzug des Technischen aus werden die historisch beschränkten Repräsentationsweisen sichtbar.

Medialität ist also nicht gleichzusetzen mit den materialen Bedingungen der Kommunikation. Vielmehr erlaubt sie erst die Markierung dieser ‚materialen Bedingungen‘, d.h. die Situierung von Leitmedien und die Verschiebung oder Implosion vormaliger Mediendominanzen. So entsteht dann ein Zuordnungskonflikt zwischen Dokumentation und Simulation, weil sich das digitale Bild aller Dokumentierbarkeit entzieht und damit den Verdacht der Manipulation auf sich zieht, der schon dem Dokumentschema immer angehängt wurde. Das digitale Bild entzieht sich dem Index der Realität, womit eine durch Dokumente beschreibbare Realität gemeint ist; es beginnt sich ablösen. Auf diesem Wege erzeugt der digitale Prozess dann einen anderen Referenzrahmen, durch den andere Formen von Realitätgewissheiten ermittelbar werden, für die ein neues Beobachtungsschema nicht gefunden werden kann, solange die Unterscheidung von Dämonie und Legitimität noch keine befriedigenden Mechanismen ausgebildet hat.

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