Differentia

Tag: Latenz

„Mensch-ärgere-dich-nicht“ – Perturbation und Interferenzen 5/5

Die hier vorgenommenen Analysen sind wohl nicht nur auf das Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel übertragbar; auch in anderen Spielsituationen, bei Brettspielen genauso wie Kartenspielen, findet man das Phänomen der doppelten Codierung. Anders als im Sport, wo die Unterscheidung von gewinnen und verlieren als Leitdifferenz fungiert, kommt beim Spiel mit kodifizierten Regelwerken die Unterscheidung von Spaß und Ärger hinzu. Doppelte Codierung besagt, dass gewinnen und verlieren auf zweifache Weise beobachtet werden kann: Gewinn wird einmal als zählbares Ergebnis und ein zweites mal als Motivationsvorteil gegenüber anderen genommen, also Gewinn nach Punkten und Gewinn von Spaß, der auf Kosten anderer durch Ärger angeignet wird, ohne dass dieser Ärger weiteren Ärger verursacht. Das heißt, dass also auch noch der Ärger Spaß macht. Die Operationen der strukturellen Koppelung können den Beteiligten im Spielverlauf gar nicht zu Bewusstsein kommen, da die Reflexion des schnellen Aufbaus von Komplexität das Spiel sofort blockieren würde. Außerdem kann nur ein Beobachter zweiter Ordnung bemerken, wie im Spielverlauf ein hohes Maß latenter Möglichkeiten erarbeitet wird, von welchen die Beteiligten nur den geringsten Teil zum Aufbau weiterer Komplexität nutzen können. Dieses hohe Maß an Latenz wird durch ein Komplexitätsgefälle bewirkt, das den strukturell verkoppelten Systemen Körper, Bewusstsein und Kommunikation ungleiche Chancen der Komplexitätsverarbeitung auferlegt. Indem sinnverstehende Systeme für ein neuronales System eine Kompensationsfunktion übernehmen, die es ermöglicht, dass Wahrnehmungen des Bewusstseins und Beobachtungen der Kommunikation im neuronalen System Kapazitäten freiräumen, die dort zur anderweiten Aufmerksamkeitserzeugung genutzt werden, fallen für das Bewusstein mehr Verknüpfungsmöglichkeiten an als sinnverstehend benötigt werden, um dem Spiel folgen zu können. Auf diese Weise kommt es nicht zu einer Blockierung überflüssiger neuronaler Aktivitäten, sondern zu einer sinnmäßigen Unterdrückung derselben.

Solche Interferenzen können allenfalls noch zu subliminaler Wahrnehmung genutzt werden; und als Latenzen, als Rauschen fließen sie in die Kommunikation ein. Für das Bewusstein stellt sich im Verhältnis zur Kommunikation ein etwa vergleichbares Phänomen. Die durch die Kommunikation angeforderte Bereitschaft zur Dauerperturbation kann das Bewusstsein nur durch höchst mögliche Freigabe seiner Affektkontrolle erbringen, was durch Vernachlässigung seiner Selbstbeobachtungsmöglichkeit geht. Eben daraus entspringt für die Kommunikation ein Überlagerungsvorteil, der die Selektionsgeschwindigkeit von sinverstehenden Operationen erhöht. Den Beteiligten erscheint dieser Vorteil allerdings subjektiv als Motivationsantrieb verbunden mit dem Gefühl, das Spiel im Griff zu haben, insbesondere dann, wenn es erfolgreich verläuft. Die Dauerperturbation erzeugt also Hemmung, Überlagerung und Beeinflussung, die für die Lerngeschwindigkeit der beiden sinnverstehenden Systeme von großem Nutzen ist.

Das Dokument – Rückblick auf eine Form. Teil 2

vorhergehende Folge

Will man über die Frage nachdenken, was das Internet eigentlich ist, so würde man schnell zu Definitionsverfahren greifen, die genutzt wurden, um das Internet entsehen lassen zu können. So könnte es also naheliegen, das Internet als dezentrale Vernetzungsweise dokumentarischer Bezugseinheiten zu verstehen. Aber damit würde man die einmal gewonnene Definition nur erweitern, ohne zu bemerken, dass mit der Entfaltung des Internets Strukturen entstehen, die für die Beteiligten überraschend sind, weil übersehen wird, was durch den Erfahrungsprozess begonnen hat sich zu verändern. Kaum hat man nämlich eine brauchbare Definition für das gefunden, was man als Dokument bezeichnen möchte, passiert es, dass sich beinahe gleichzeitig neue Entwicklungen anbahnten, die jede Zurückrechnung auf Kausalität abschneiden. Das hängt in erster Linie mit latenten Strukturen zusammen, die zweierlei Verwandlungsroutinen ermöglichen, nämlich: Probleme in Lösungen und Lösungen in Probleme zu überführen. Die Latenz entsprechender Strukturen besteht in der asymmetrischen Gleichzeitigkeit, mit der beides von Unwahrscheinlichkeit in Erwartbarkeit transformiert wird. In Hinsicht auf die zukünftige Entwicklung entsteht dadurch einiges an Verwirrung, zurückblickend ergeben sich aber Effekte für eine Theoriebildung, weil jetzt ein Beobachtungsschema erkennbar wird, das unter veränderten Bedingungen entsteht und mit welchem analysiert werden kann, was vor dieser Veränderung nicht oder nur schwer erkennbar war. Da aber diese Bedingungen einer noch offenen Entwicklung unterliegen, ist gleichzeitig auch gesagt, dass es prinzipiell unklar bleibt, wie sich all das in den latenten Möglichkeiten einer Systemgegenwart abspielen kann.

Seitdem nun das Internet seine Relevanz durchgesetzt hat, werden zwei Fragen behandelbar, die eine je eigene Spezifik der Modalität ihrer Kontingenz entfalten. Erstens: was könnte daraus zukünftig resultieren? Und zweitens: was ist in der Vergangenheit passiert? Eine dritte, hier nicht verfolgte Frage ist, wie man virulente kommerzielle Degressionstendenzen erklärt, mit denen versucht wird, sich anbahnende Copy-and-Paste-Konzeptionen für ein neues künstlerische Schaffen zu blockieren. Mag man auch Versuchen, eine Leistungsschutzrecht durchzusetzen, mit großer Skepsis gegenüberstehen, so führt im Prinzip kein Weg daran vorbei, auch solche Versuche in ein Erklärungsschema der Systementwicklung zu integrieren. Bleiben wir aber zunächst nur bei dem, was beobachtbar wird, wenn sich ein wissenschaftliches Definitionsverfahren für den Gegenstand „Dokument“ in dem Augenblick bewähren kann, indem es im Anschluss unbrauchbar wird. Das hängt zunächst mit seinem Erfolg zusammen, da sich die Verhältnisse erstens deshalb, aber nicht nur deshalb, und zweitens trotzdem ändern, obwohl das Verfahren Kontingenz erheblich einschränken kann. In der Folge geht es dann darum, Systemstrategien der Anpassung einer Konsistenzprüfung zu unterziehen. Ist das Internet nur eine Docuverse wie es von Ted Nelson konzipiert wurde? Wie schon gesagt: damit könnte man anfangen und die Erscheinungsweise des Internets in einen Zusammenhang mit Verbreitungsmedien stellen. Versucht man dies und beachtet man obendrein, dass sich diese Anfangsüberlegungen selbst zuerst durch das Internet verbreiteten, dann stellt man fest, dass das Internet als Verbreitungsmedium etwas anderes zulässig macht als das, was durch die Erzeugung von Dokumenten strukturell determiniert wird.

Grafische Darstellung einiger weniger Seiten im World Wide Web. Bild: Wikipedia

Fortsetzung

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