Differentia

Tag: KZU

Harald Welzer über Kommunikation zwischen Unbekannten @JungNaiv

Das ist ein Interview von Jung & Naiv mit dem Soziologen Harald Welzer.  Allen Interessierten am Thema #kzu empfehle ich  den Ausschnitt zwischen Min. 39:52 bis Min 43:26.

Es geht in diesem Ausschnitt um die Frage, ob der Soziologe, der im Verlauf des zurück liegenden Gesprächs vorgibt, sich für Gesellschaft zu interessieren und zu engagieren, auch an den sozialen Netzwerken beteiligt ist. Seine Antwort lautet: Nein. Begründung: „Ich will meine Zeit nicht damit verschwenden, mit Menschen zu kommunizieren, die ich gar nicht kenne.“ Und weiter, so seine Begründung, ob dies überhaupt Menschen oder Personen sind, da ja auch irgendwelche Bots antwortfähig sind.

Mir ist diese Stelle deshalb aufgefallen, weil sie ideal geeignet ist, um zu zeigen, wie voraussetzungsreich solche scheinbar banalen oder einfachen Sinnkonstruktionen sind und wie sehr all das, damit man dies verstehen kann, von Theorien abhängig ist, die gerade, weil sie nicht ausgesprochen werden, für ein Verstehen von großer Bedeutung sind.
Denn man denke sich den Fall, der völlig abwegig ist, dass der Soziologe, der hier spricht und der sich gemäß seiner Auskunft verständlich machen will, über die kommuniationstheoretischen Voraussetzungen und praktischen Kommunikationsfolgen seiner Rede genaue Klarheit hätte; wenn er gleichsam wüsste, was er tut, wenn er so was sagt. In dem Fall könnte man kaum aufhören, sich über diese Rede zu wundern, weil man kaum noch begreifen kann, was das soll. Da aber das Gegenteil der Fall ist, da man also sehr wohl „versteht“, was gemeint ist oder gemeint sein könnte, so kann man daraus schließen, dass der Soziologe, so sehr er auch beteuert, sich für Menschen zu interessieren und ihr Handeln und Verhalten erklären zu wollen, über seine eigenes Handeln und Verhalten gar keine Klarheit braucht und mehr noch: es gar nicht nötig hat, sich von anderen sein Handeln und Verhalten erklären zu lassen. Die Kommunikation fortzusetzen, reicht nämlich völlig aus, um Klarheiten wie Unklarheiten zu gewinnen oder zu verlieren, um besser oder schlechter zu begreifen, worum es geht. Der Soziologe kann sich auf jeden Irrtum einlassen, weil er nämlich an keiner Stelle einen Irrtum zugeben muss, was freilich für jeden anderen in gleicherweise gilt.

Deshalb folgt eine kurze Skizze der Analyse einer solchen Aussage, deren Abwegigkeit sofort einleuchtet, wenn man einsieht, dass es gar nichts gibt, das unbedingt vorausgesetzt sein muß, um zu verstehen worum es geht.

  1. Der Soziologe hat innerhalb eines Netzwerks global vernetzter Computer bereits eine Adresse, ob er sie gewählt hat oder nicht, oder er sie mit Sinn bestimmt hat oder nicht. Eine Adresse erwirbt, wer sich ansprechbar macht. Das ergibt sich bereits aus der Tatsache, dass er in sozialen Zusammenhängen von organisationalen Strukturen (z.B. Universitäten, Verlage, Tagungen, Interviewsituationen) verhaftet ist; allein der Name, der recherchierbar ist, allein seine Rolle als Lehrer, Redner und Autor macht die Adresse wiederauffindbar, verfolgbar und damit auch ansprechbar, wobei der Soziologe sich keinem Ansinnen auf Ansprache so einfach widersetzen kann. Denn auch „Nein“ zu sagen heißt, Antwort zu geben. Er kann, gerade weil er bereits in soziale Zusammenhänge verwickelt und verhaftet ist, sich keinem Gesprächsangebot entziehen, auch dann nicht, wenn es Unbekannte sind, auch dann nicht, wenn deren Gründe für Ansprache selbst noch ermittelt werden müssen.
  2. Wer keine Zeit verschwenden wollte, erst recht nicht mit der Kommunikation zwischen Unbekannten, hat wenig überzeugende Gründe, sich als Autor an massenmedialer Kommunikation zu beteiligen. Massenmedien müssen nämlich einen enormen Überschuss oder Überfluss an Mitteilungen aller Art hervorbringen, um damit die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass trotzdem noch, obgleich zunächst nur ein anonymes Publikum angesprochen wird, Kommunikation gelingt. Massenmedien müssen notwendigerweise eine enorme Verschwendung betreiben, weil ohne eine solche Verschwendung, die Wahrscheinlichkeit mit Unbekannten ins Gespräch kommt, gegen Null geht. Und für die Kommunikation zwischen Bekannten sind Massenmedien völlig unnütz und überflüssig.
  3. Die moderne Gesellschaft im Ganzen lässt es kaum zu, der Kommunikation mit Unbekannten aus dem Weg zu gehen. Eine Bedingung ihrer Möglichkeit besteht gerade darin, ein Medium für KZU bereit zu stellen. Ein solches Sinnmedium macht Anonymität von Personen, Handlungen und Wahrnehmungsmodalitäten zur attraktiven Voraussetzung für Kommunikation. Die moderne Gesellschaft gelingt gerade weil, nicht obwohl Anonymität vorausgesetzt wird. Wer das nicht will, will Gesellschaft nicht und kann nicht plausibel machen, sich dennoch für Gesellschaft zu interessieren und zu engagieren.
  4. Der Soziologe gibt vor, dass sein Interesse, wenn es um Gesellschaft geht, sich auf Menschen, notwendigerweise auch ihm unbekannte, richten würde, und weist mit seinem „Nein“ den Vorschlag zurück, sich mit den Folgen zu beschäftigen, die es hat, wenn ihm Unbekannte von einem ähnlichen Handlungsmotiv bewegt sein könnten. Er engagiert sich als Autor für massenmediale Überflussproduktion. Dass aber alle andere dies auch tun, hält er für ein abwegiges Verlangen der anderen. Das hält er  für Verschwendung.

Gewiss wird der Soziologe, von dem hier die Rede ist, dieser Analyse zustimmen und zugleich einwenden können, dass das so alles nicht gemeint sei. Womit ich ihm Recht geben könnte. Denn: das gilt ja für jeden, der sich mitteilt. Niemand weiß zunächst so genau, welche Voraussetzungen und Folgen die eigene Beteiligung an Kommunikation hat, weshalb notwendigerweise die Kontingenz theoretischer Zusammenhänge des Ablaufs von Kommunikation an keiner Stelle unbeachtet bleiben kann.

Aus diesem Grunde gibt es wenig Gründe dafür, die Kommunikation zwischen Unbekannten mit einem „Nein“ fortzusetzen. Denn man könnte genauso gut sagen: „Ja, aber dann weiß ich nicht, was das ganze noch soll“ – und aus diesem Grund könnte man sie fortsezten wollen, um zu beobachten, zu testen, zu prüfen, zu lernen und zu erforschen, für wen das nicht gilt.

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Warum #bzv? Selbstorganisation beobachten! #kzu 1

zurück / Fortsetzung: Warum Twitter und Blogs nutzen um Bücher zu verschenken? Warum nicht einfach öffentliche Bücherschranke aufsuchen, um dort Bücher, für die man keine Verwendung mehr hat, an andere Nutzer weiter zugeben? Zumal die Einrichtung von Bücherschränken bald auch jedes Dorf erreicht hat und man inzwischen überall welche findet.

Ja, das kann man machen. Dagegen spricht gar nichts. Übrigens ist es auch nicht sehr schwer, selber einen öffentlichen Bücherschrank einzurichten. Wer eine geeignete Lokalität kennt und beim Sperrmüll irgendwann ein passendes Bücherregal findet, kann so etwas schnell und kostengünstig aufstellen.

Der Nachteil dieser Bücherschränke ist, dass es sich nicht um Bibliotheken handelt, weshalb Bücherfunde rein zufällig möglich sind. Die Aufstellung solcher Bücherschränke erfordert nur einen geringen Organisationsaufwand, das Führen eines Katalogs ist dabei nicht möglich. So etwas geht bislang nur mit einer kapitalaufwändigen und zugangsbeschränkten Organisation, also eine städtische Bücherei, eine Universitätsbibliothek und andere öffentliche Institutionen. Da nun dieser Kapitalaufwand erwirtschaftet werden muss, ohne dass diese Institutionen selbst etwas dazu beitragen können, entstehen komplizierte Organisationszwänge, die die Eröffnung solcher Bibliotheken streng limitieren. In jedem Dorf geht es nicht. Und in jeder Stadt nur eine. Wenn man außerdem den Kostendruck auf die öffentlichen Haushalte mitberücksichtigt, kommt man sehr schnell zu der Einsicht, dass öffentlich zugängliche Bibliotheken in der Auswahl ihres Bestandes durch Rechtfertigungszwänge darauf festgelegt sind, in erster Linie den Erfolg der Organisation zu gewährleisten, weshalb sich, aufgrund der selben Organisationszwänge, diese Bibliotheken wie alle anderen Organisationen auch, gegen ihren Untergang wehren solange es nur geht, was auch daran liegt, dass Alternativen so einfach nicht gefunden werden können. Denn dass öffentliche Bibliotheken gebraucht werden, bestreitet niemand. Aber wie sollte es sonst gehen, wenn nicht durch Organisation?

Fortsetzung

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