Differentia

Tag: Konflikt

Google Street View – Zur Unterscheidung von Dokumentation und Simulation des Raumes 6

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Die Irritationen, die sich über Google Street View breit machen, würde ich in zwei Kategorien einteilen: Erstens handelt es um Einwände gegen dieses Vorhaben und zweitens um Einwände gegen diese Einwände. Die Diskussion hat damit eine parasitäre Funktion. Nach systemtheoretischer Schulmeinung hätten wir es in dieser Sache mit einer typischen Konfliktsituation zu tun, die als operative Verselbständigung von Widersprüchen durch Kommunikation entsteht. Sie entsteht, indem der Fortsetzung der Kommunikation durch Negation eine weitere Negation folgt. Einem „wir wollen nicht!“ auf der einen Seite wird ein „wir wollen dieses Nichtwollen nicht!“ entgegengesetzt. Bilden sich solchermaßen schließlich reproduzierbare Stukturen heraus, verhalten sie sich parasitär zu den Bedingungen, durch die sie möglich wurden. Sie verbauen Strategien der Lösungsfindungen und stellen die Problemreproduktionsroutinen auf Dauer. Konflikte erscheinen damit gleichsam  als Indikatoren für Entwicklungschancen, die allerdings unter das Risiko des Vollzugs von Konfliktualität gestellt werden. Diese Überlegungen können nicht ohne weiteres durch Andersartiges ersetzt werden, da jede Art von Schulmeinung (hier: „Bielefelder Schule“) auf ein spezifisches Muster der Orthodoxiebildung angewiesen sein muss, um sich etablieren zu können. Insofern ist es selbstverständlich möglich, der Schulmeinung zu widersprechen, sie zu überprüfen oder zu revidieren, aber nur unter der Voraussetzung, dass das orthodoxiebildende Muster der Argumentation erhalten, bzw. in seiner Kontingenz als unverschoben in Erscheinung tritt. Nur wenn das Muster selbstparasitierend verwendet wird, kann es es sich reproduzieren; nur, wenn es – auch durch Widerspruch – als unveränderbar in Erscheinung tritt, kann es sich verändern, weil alle manifeste Abweichung entweder aus dem Muster heraus fällt und damit nicht zu systemeigenen Operationen gezählt werden kann, oder die Abweichung wird durch das Muster überprüfbar, und kann auf diese Weise zur strukturellen Integrität des Systems beitragen.
Als das orthodoxiebildende Muster wird hier die Struktur der Dokumentform bezeichnet, die im Verhältnis zwischen beobachteten Beobachtungssysteme verwendet wird, die aber nicht als Selbstbeobachtungsmöglichkeit in Frage kommt, weil die in diesem Weblog dargereichten Analysen nicht selbst als Dokumente in Erscheinung treten. Ein Weblog ist kein Dokument, das den Identitätserfordernissen der Verwaltbarkeit wissenschaftlicher Dokumente gerecht wird. Alles, was in einem Weblog geschrieben wird, kann auch von einer Systemtheorie nicht in den Bestand abrufbaren Wissens übernommen werden, weil man den Weblog-Text auf seine Nichtmodifizierbarkeit nicht überprüfen kann. Auch wenn die Schulmeinung leugnet, von einem Bestand abrufbaren Wissens ausgehen zu können, kann sie dennoch nicht die dauerfluktuierende Sinnkomplexität von Textsimulationen, damit also die empirisch überprüfbaren Praxismodelle der Theorierealität, in ihr Muster integrieren, weil sie zur Reproduktion ihrer Anschlussfindungen keine strukturellen Anknüpfungspunkte findet, die schon wenigstens ansatzweise reproduzierbar sein müssten um Anschlussmögichkeiten zuzulassen. Was nicht geht, geht nicht. Trotz der Kontingenz aller Systemoperationen bleibt immer noch ein Rest an Eindeutigkeit, der als verlässlichlicher Teil das Ganze repräsentiert.

Fortsetzung

Die Dekadenz parasitärer Gewissheiten

In soziologischer Hinsicht stellen soziale Programme eine Komplexität von Bedingungen der Akzeptabilität von Verhalten bereit, um gewöhnliche Erwartungen, die sich an sozial definierte und darum nur langsam modifizierbare Rollenmuster knüpfen, zu überschreiten, wodurch diese Rollenerwartungen bestätigt werden können, ohne sie einer Konsistenzprüfung unterziehen zu müssen. Soziale Programme prozessieren damit Unterscheidungsroutinen, die über Richtigkeit, Angemessenheit oder Plausibilität von Sinnangeboten entscheiden und im Ergebnis ihre Lückenhaftigkeit für eine unvordenkliche Zukunft auf Dauer stellen. Damit ist für soziale Systeme die Möglichkeit gegeben, ausreichend Konfliktchancen zur Stabilisierung ihrer durch eben diese Unterscheidungsroutinen mitprogramierten Inkommunikablitäten zu reproduzieren. Diese Inkommunikabilitäten werden in einem funktional ausdifferenziertem Immunsystem aggregiert, um der Erstarrung auf der Seite manifester Erwartungen eben solche Erstarrungen auf der latenten Seite entgegen zu stellen. Durch diese gegenseitigen Routinen der Erstarrung bleiben Kommunikationssysteme elastisch und erproben stets aufs Neue ihre Bewährungschancen.

Beispielhaft kann man dies in der politischen Folklore des Alltagsgeschäftes beobachten: Konflikte sind operative Verselbständigungen von Widersprüchen durch Kommunikation. Sie entstehen, indem der Fortsetzung der Kommunikation durch Negation eine weitere Negation folgt. Einem „wir wollen nicht!“ auf der einen Seite wird ein „wir wollen dieses Nichtwollen nicht!“ entgegengesetzt. Bilden sich Konflikte schließlich heraus, verhalten sich sie parasitär zu den Bedingungen, durch die sie möglich wurden. Sie verbauen Strategien der Lösungsfindungen und stellen die Problemreproduktionsroutinen auf Dauer. Konflikte sind gleichsam Indikatoren für Entwicklungschancen, die allerdings unter das Risiko des Vollzugs von Konfliktualität gestellt werden.
Das erklärt Realitätsdefizite auf allen Seiten. In dem Maße, wie ein Staat auf der einen Seite durch ein höchst defizitäres international operierendes Finanzsystem in die Enge geführt wird, ein Finanzsystem, das beim Versuch, sein Problem der Zahlungsunfähigkeit zu lösen dieses Problem potenziert, muss er auf der anderen Seite dieses Ohnmächtigkeitszugeständnis durch die Herausstellung besonderer Handlungskompetenzen kompensieren. Dazu bedient sich der Staat hinsichtlich seiner sozialen Programme einer doppelt widersprüchlichen Strategie. Einerseits unternimmt er im Rahmen der staatlichen Organisation sozialistische Maßnahmen zur Wiederherstellung liberalistischer Marktideologien, zweitens negiert er jeden Staatsozialismus durch Verweis auf die Organisationsfähigkeiten des Marktes, dessen dysfunktionale Auswirkungen den dysfunktionalen Auswirkungen des Staates gegenüber gestellt werden. Gewissheiten auf allen Seiten fungieren in diesem Zusammenhang dann als Treibstoff der Konflikteskalation solange man es sich leisten kann, den Versuch zu wagen, durch Fortsetzung des Meinungskampfes den Meinungskampf zu beenden. Lösungen können nicht formuliert werden, solange alles, was sich als Lösungsvorschlag vorstellt, als auf Gewissheiten basierend verdächtigt werden kann. Politische Gewissheiten erzwingen damit eine parasitäre Wirkung. Im günstigen Fall reicht das aber noch um die Autopoiesis anzutreiben, was in diesem Falle heißt: die Lösung des Problems besteht wenigstens noch darin, es nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

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