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Tag: Irrtum

Kommunikation und Irrtum

Von Evgeny Morozov findet man bei zeitonline unter dem Titel „Wahrheit und Beratung“ eine Betrachtung über die Unfähigkeit von sogenannten Interneterklärern. In dem Text wird ausgeführt, wie sich die Irrtümer von Interneterklärern klassifizieren lassen und wie sie zustande kommen.
Eingeleitet wird dieser Text mit einer hübschen Parabel, die sich auf den Film Sharknado bezieht. In dem Film wird erzählt wie Los Angeles von einem Tornado überzogen wird, der mit einer Flutwelle tausende von Haien in die Stadt spült und die für die Bewohner gefährlich werden. Evgeny Morozov erläutert:

Das Ganze ist niveaulose Unterhaltung, taugt aber für Gedankenspiele. Man stelle sich vor, man wacht in L.A. auf und schaltet den Fernseher an: In den Nachrichten wird vor einem herannahenden Sharknado gewarnt. Zwei Experten diskutieren, ob Sharknados gut oder schlecht für die Menschheit, die Wirtschaft und unsere Gehirne sind. Einer fürchtet um unsere Kultur, der andere erwidert, dass Sharknados die ohnehin sterbenden Industrien hinwegfegen und Raum für neue Ideen schaffen könnten. Dann klopft es an der Tür. Ein gut gekleideter Mann steht draußen und behauptet, er arbeite für die „Sharknado Evakuierungs-GmbH“, ein Start up-Unternehmen, das einen für wenig Geld in Sicherheit bringt. Entscheiden müsse man sich allerdings sofort. Verwirrt bezahlt man ihn.

Was wäre, wenn man das Internet mit einem solchen Sharknado vergleicht? Der letzte Satz in dem Zitat ist der wichtigste: „Verwirrt bezahlt man ihn“ – leider versäumtes Morozov, speziell diesen Punkt in seiner Betrachtung als Schwerpunkt zu wählen, stattdessen bleibt er dabei, dass die von ihm dargelegten Irrtümer, die er in mancherlei Hinsicht zutreffend charakterisiert, revisionsbedürftig sind, was nur geht, wenn man sich selbst die Möglichkeit vorbehält, über die Wahrheit in Sachen Internet etwas Zutreffendes aussagen zu können. Aber solche Aussagen finden sich bei Morozov nicht.
Stattdessen bringt er ein Problem auf, für das er zwar – so könnte man diesen Text generell zusammenfassen – eine Lösung postuliert, aber keine formuliert. Das Problem, um das es geht, ist nämlich Selbstreferenz:

Das Problem des heutigen Internet-Diskurses ist, dass er nicht mehr problematisch, schwierig und gefährlich ist. Im Gegenteil, er ist eindimensional, schematisch und zahnlos. Das Mindeste, das unsere Internet-Intellektuellen tun können, ist, uns zu warnen, wenn wir dabei sind, Sharknados mit Asteroiden zu verwechseln.

Aber – so müsste man ergänzen – auch die Internet-Intellektuellen müssen sich etwas einfallen lassen, egal ob ein Sharknado kommt oder ein Asteroid. Aber damit vollzieht Mozorov selbst eine Verwechselung von Sharknado und Asteroid, weil er nämlich beides als Gegenstand behandelt, über den der eine Experte eine bestimmte Meinung hat und sich ein anderer um Abhilfe bemüht.

Die von Morozov angedeutete Parabel wäre erst dann aber wirklich interessant, wenn ein Sharknado darin besteht, dass alle Einwohner von L.A. in Haie verwandelt würden und jeder jedem gefährlich werden könnte. Erst dann könnte man sich fragen, was der freundliche und engagierte Unternehmer von der „Sharknado Evakuierungs-GmbH“ eigentlich vor hat. Und erst jetzt stellt man fest, dass die Gefährlichkeit des Geschehens genauso in Frage kommt wie die Harmlosigkeit. Denn Haie können zwar auch füreinander gefährlich sein, aber damit können sie nicht dauerhaft überleben. Haie brauchen Beute und können sich nur schlecht ständig gegenseitig zur Beute machen. Jedenfalls würde ein Angstszenario, das einen ausweglosen Kannibalismus schildert, nicht nur wenig unterhaltend sein, sondern auch wenig realistisch.

Das Problem ist die Selbstferenz der Internetkommunikation. Besser formuliert: das Internet als technisches Universum zeigt nun aufdringlich, was vor seiner Populiarität nur schwer zu argumentieren war, nämlich die Selbstfreferenz aller Kommunikation. Hinsichtlich der Wahrheitsrelevanz der Aussagen von Interneterklärer deutet Morozov dies an:

… es ist schwer vorstellbar, dass jemand das Wahrheitssystem „des“ Internets infrage stellt, wenn seine wirtschaftliche Existenz von diesem Wahrheitssystem abhängt.

Allgemeiner formuliert heißt das nur, dass sofern für einen Internetexperten die Wahrheit seiner Aussagen von Bedeutung sei, er keine Möglichkeit mehr habe, sich über die Möglichkeit eines Irrtums zu informieren, weil er auf der Basis seiner Selbstreferenz die Unterscheidung von Irrtum und Wahrheit nur auf sich selbst anwenden kann und immer zu dem Ergebnis kommt, dass er zur Aufrechterhaltung seiner sozialen Existenz immer nur die Möglichkeit der Wahrheit wählen kann. Der Internetexperte verliert in der Konsequenz jede Rechtfertigungsfähigkeit, weil die Form der modernen Intellektualität ja immer auch die empirische Möglichkeit des Irrtums durch Kritik berücksichtigen muss. Diese Möglichkeit entfällt nun aber, weil ein Wahrheitssystem sich ja immer schon festgelegt hat.

Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen? Entweder, wie Morozov zutreffend erklärt:  Der heutige Internet-Diskurses ist eindimensional, schematisch und zahnlos und man könnte dann zugleich auf diesen Diskurs verzichten. Oder man verzichtet auf Wahrheit als Bezugspunkt. Dass dieser Verzicht noch nicht geleistet wird, hängt damit zusammen, dass die von Morozov zitierten Internexperten immer noch an Konzepten persuasiver Kommunikation hängen, was für Morozov selbst auch noch gelten mag. Die Experten müssen nicht nur Wahrheit feststellen, sondern auch irgendwen noch davon überzeugen, dass sie zutreffend sei, was allerdings, gemäß der zutreffenden Überlegung von Morozov, eben nicht mehr gelingt.

Eine Lösung könnte also sein, einen Verzicht auf persuasive Kommunikation zu leisten. Der Verzicht könnte darin bestehen, sich nicht auf Wahrheit festzulegen, sondern auf die Kommunikation von Irrtum um zu schauen, ob sich überraschenderweise etwas anderes als die Wahrheit zeigt, durch man noch einen Irrtum über einen Irrtum einsichtig machen kann.

Aber so etwas bekommt man nicht geschenkt und ist kein Gegenstand einer kritischen Behandlung. Die Übungsroutinen müssten sich entscheidend ändern. Aber eine entscheidende Änderung kann gegenwärtig niemand vornehmen.

— English translation—

At zeitonline one can find an article by Evgeny Morozov with the title „Truth and advice“. It contains a reflection on the inability of so-called Internet intellectuals that try to explain internet. The text explicates how to classify their fallacies and how they are occuring. This text is introduced with a pretty parable that relates to the movie Sharknado. The story of the movie tells that Los Angeles had been covered by a tornado, which thousands of sharks flushed with a tidal wave in the city and become dangerous for residents. Evgeny Morozov explains:

„Subpar entertainment but excellent material for thought experiments. Imagine you wake up in LA and turn on TV. A news program warns you of a coming „sharknado.“ Two pundits start debating whether „sharknados“ are good or bad for humanity, the economy, our brains. One of them warns of the impending collapse of civilization. The other counters that sharknados could disrupt moribund industries and promote innovation. Someone knocks on your door. A nicely dressed gentleman informs you that he works for „Sharknado Evacuation Solutions,“ a start-up that, at a small fee, will get you out of town on a helicopter – as long as you act right now. Confused, you hand him the money.“

What, so Morozov argues, if internet would be comparable with such a sharknado? The last cited sentence is the most important: „Confused, you hand him the money.“ Unfortunately Morozov misses to choose this point in his analysis as a special focus, instead, he maintains that the fallacies outlined by him, which he characterizes correctly in many respects, need to be revisioned, which only comes when one reserves for oneself the possibility of truth concerning the subjects of internet. But such statements are not found in Morozov’s article. Instead, he makes aware of a problem for which he has no solution again, but – so you could summarize this text generally – he postulates a solution without expressing it. The central point is the problem of self-reference:

„The problem with today’s Internet discourse is that it’s no longer problematic, difficult or dangerous. No, it’s one-dimensional, schematic and toothless. The least that Internet intellectuals can do is to warn us whenever we confuse sharknados and asteroids.“

But – one may complete – even Internet intellectuals must have some ideas, whether a Sharknado comes or an asteroid. But with that Mozorov himself confuses sharknado and asteroid, namely because he treats both as a subject about which one expert has a certain opinion and another tries to remedy.

The indicated parable would be interesting if a Sharknado would cause that all residents of LA would be transformed into sharks and everyone could be dangerous for everyone. Only then you might be wondering what the friendly and dedicated entrepreneurs of the „Sharknado Evacuation Solutions“ actually has in mind. And for this reason one can find that the hazard of the story is as possible as the harmlessness. Because sharks can indeed be dangerous for each other, but in that way they can not survive permanently. Sharks take booty and can make poorly constantly at each other’s prey. Anyway, a scenario of fear that portrays a desperate cannibalism would be little entertaining as well as unrealistic.
The problem is the selfreference of Internet communication. The Internet as a technical universe now shows pushy, which was hard to argue in times before internet was popular, namely the self-reference of all communication. With regard to the truth concerning the statements of Internet commentators Morozov indicates this:

„It’s hard to imagine how someone would be motivated to think of a truth regime that might upend the one we call „the Internet“ if their economic livelihood depends on explaining its existence.“

In more general terms this just means that if the truth of statements are significant for an Internet expert, he has no way to find out something about his fallacies. Depending on his self-reference, the distinction between fallacy and truth can always be applied to itself with the conclusion that he just chooses only the possibility of truth in order to maintain his social existence. The Internet expert in consequence loses any justification ability because the shape of the modern intellect must always consider the possibility of fallacy by empirical criticism. This is no longer possible now but because a regime of truth has always been defined.
What conclusions are to be drawn from this? Either as Morozov correctly explains: Today’s Internet discourse is one-dimensional, schematic and toothless and then one could cancel the whole discourse. Or truth as a reference point has to be cancelt. That this waiving cannot be performed until now denpend on the fact that the quoted Internet experts still cling to concepts of persuasive communication, a fact that may also be applied to Morozov. Experts must are determined not only to find truth, they also had to convince anyone that it was true, but this, according to the applicable consideration of Morozov, just no longer possible.
Thus, a solution could be to provide a waiver of persuasive communication. The waiver would be to not commit oneself to truth, but to look at the communication of error to see if something is surprisingly different from truth, something, that can not make insightful an error about an error.
But something like this is not for free and is not the subject of a critical treatment. The exercise routines should have to change significantly. But no one can make a significant change at present.

Kann man noch Irrtum kommunizieren?

Ein many-to-many-Verbreitungsverfahren (Mailinglisten, Twitter, Blogs) lässt eine kommunikative Situation entstehen, die es unmöglich macht, jeder Art von Wahrheit eine soziale Relevanz zuzuordnen. Wahrheit lässt sich auf diesem Wege zwar thematisieren, aber weder lässt sie sich ontologisieren noch kommunikativ operationalisieren.
Damit ist nicht gemeint, dass die beteiligten Menschen jedes Verständnis für Wahrheit verlieren würden, und auch nicht, dass über Wahrheit nicht anschlussfähig kommuniziert werden könnte. Gemeint ist nur, dass wenn Wahrheit dennoch ermittelbar wäre, sie sich allenfalls nur solche Banalitäten beziehen kann, die für die Kommunikation gleichsam ein Mindestbedingung bereitstellen, die zu leugnen einen so hohen Aufwand erzeugen würde, dass die Kommunikation gar keine Chance hätte, solche Banalitäten dauerhaft prominent zu behandeln. So etwa die Wahrheit, dass ein geschriebener Text aus Worten besteht oder, dass Wörter aus Buchstaben bestehen. Das ist wahr, aber so banal, dass wer dies leugnen wollte, sich relativ schlechte Erfolgschancen einhandelt.

Aber alle relevanten Angelegenheiten, die durch ein solches many-to-many-Verbreitungsverfahren entstehen könnten, können nicht ausreichend auf Wahrheit überprüft werden: eine Gesamtmenge der Teilnehmer ist nicht feststellbar, eine Eindeutigkeit über Mehrfachbeteiligung ist nicht gegeben, auch nicht eine vollständige Kenntnis der Identität der Personen und das Verhältnis von Anonymität und Pseudonymität der eingeschriebenen Adressen. Und unter der Voraussetzung, dass Strukturen der esoterischen Exkludierung nicht garantiert sind, weil jeder jederzeit mitmachen, Adresse wechseln oder aufhören kann, zerfallen alle Themen in hochkontingente Sinnelemente, deren unterscheidbare Zuordnung auf den Unterschied von Information und Mitteilung sehr schwierig und darum unwahrscheinlich ist.

Kein Beitrag zur Forsetzung dieser Art von Kommunikation liefert eine Grundlage für Entscheidungen, die auf der Basis dieser Art von Kommunkation getroffen werden könnten. Entscheidbar ist für die Kommunikation nur die Fortsetzung der Kommunikation. Man könnte auch sagen, dass ein many-to-many-Verbreitungsverfahren alles zulässt, mit Ausnahme der Möglichkeit, dass eine Wahrheitsreferenz diese Art von Kommunikation limitieren könnte.

So wäre ein many-to-many-Verbreitungsverfahren gleichsam eine fast reine, enorm entropiesteigernde Irrtumskommunikation. Aber diese Überlegung ist genauso irreführend wie alles andere. Denn wovon unterscheidet man noch Irrtum, wenn Wahrheit wegfällt? Hieße das nicht auch, dass aller Irrtum wegfällt?

Ein großer Teil der Immunreaktionen, die durch Internetkommunikation gegen die Internetkommunikation verbreitet werden, scheint daraus zu resultieren, dass Ansprüche an Wahrheit einerseits immer noch gestellt werden, auch dann, wenn diese Ansprüche gar nicht mehr differenziert expliziert werden können, andererseits wird das Scheitern aller Wahrheitsfindung nicht selbst als eine stabile soziale Funktion gesehen, sondern als ein erfolgsvernichtender Misstand. Tatsächlich ist diese Betrachtungsweise selbst völlig irre, weil die Kommunikation nur deshalb sehr erfolgreich funktioniert, weil keine andere Entscheidung notwendig ist als nur die, dass die Kommunikation weiter geht.

Diese Immunreaktionen scheinen darum sehr viel Plausiblität zu erzeugen, weil nicht verstehbar werden kann, dass auch der Wegfall von Irrtum eine Möglichkeit dieser Art von Kommunikation ist. Und wenn Irrtum dennoch von Relevanz sein kann, dann würde sich die Frage stellen, wie Irrtum noch unterscheidbar wäre, wenn Wahrheit nicht mehr die andere Seite der Unterscheidung ist.

Die Überlegung könnte sein, dass die Irrtumskommunkation eines many-to-many-Verbreitungsverfahrens eine rein performative Irritabilität erzeugt.