Differentia

Tag: Ironie

Das ehrliche Lügen, eine heteroclitische Erfahrung

Die Aussage  dieses Tweets ist wenig spektakulär, ist gewöhnliche Twitter-Ironie ohne Belang, weshalb man sie als Marginalie einfach in der Timeline versickern lassen könnte.
Ich selbst verfolge aber so hartnäckig wie ich kann ein relativ aussichtsloses Beobachtungskonzept, das darin besteht, das Normale und Gewöhnliche als seltsam oder merkwürdig zu betrachten und die Dinge schräg von der Seite anzugucken.

Eine sehr bekannte Meinung ist, Twitter als Witzelmaschine zu betrachten. Da ist bestimmt etwas Wahres dran. Aber wenn das wahr ist, dann ist diese Wahrheit banal, weil es inzwischen kaum Schwierigkeiten bereitet, irgendetwas in die Anführungszeichen einer Wahrheit zu setzen und mitzuteilen, um dies dann von anderen kritisch bestreiten zu lassen. Denn bestenfalls passiert, dass dies überhaupt jemand bestreiten will. Und wenn das passiert, dann ist alles so normal wie möglich, mit welchen Ergebnissen auch immer zu rechnen ist. Kritik ist trivial und überflüssig, wenn sie nicht mehr geeignet ist, um die Selektion von Information zu disziplinieren.

Und wenn das so ist, dann könnte es sich langfristig lohnen, heteroclitische Erfahrungen zu provozieren, um der Trivialität Schritt für Schritt zu entkommen. Naivität kann man nicht dadurch ablegen, dass man komplizierte Theorien studiert, weil auch komplizierte Theorien alles andere als seltsam sind. Man entkommt der Naivität vielleicht dadurch, dass man das Normale und Gewöhnliche von der schrägen Seite aus ernst nimmt, was aber schwierig ist, weil die schräge und abwegige Betrachtungsweise nicht kritisch dargelegt, nicht expliziert werden kann. Denn alles, was geäußert wird, kann auf autoimmune Reaktionen stoßen, durch die  einfach eine kritische Meinung unterstellt und diese dann auf ganz gewöhnliche Weise kritisiert wird. Angenehm ist aber immerhin, dass der Verzicht auf Naivität jederzeit geleistet werden kann. Der Verzicht verlangt keine Professionalität, wird nicht Lehrbüchern oder Ratgebern entnommen. Jeder kann damit jederzeit anfangen. Aber: kaum einem gelingen mehr als nur kleine Sprünge. Zumal annehmbar ist, dass Methoden der verdeckten Beobachtung längst ungeniert erprobt werden. Große Ziele sind nicht zu erreichen.

Und eben aus diesem Grunde kann man dann wiederum erratisch-paranoisch mit der Kritik anfangen um zu schauen, ob sich Beobachter bemerkbar machen die Schokolade von Scheiße entweder immer noch unterscheiden können oder schon nicht mehr unterscheiden wollen.

Ob der Vogel wirklich gut lügen kann? Daran hab ich Zweifel. Soweit ich meine eigene Lebenserfahrung verstehe, würde ich sagen, habe ich das Lügen lernen müssen, nicht lernen dürfen. Der Zwang zum Lügenlernen ergibt sich daraus, sozialen Siutationen ausgesetzt zu sein, die einen selbst sanktionbar machen ohne, dass man selbst schon genügend Erfahrung hätte um andere zu sanktionieren. Denn Kindergeschrei ist ja noch keine Sanktion. Die Fähigkeit zur Sanktion erlernt man dann, wenn man versteht, dass man handeln darf, aber nicht handeln muss. Das Kindergeschrei ist keine Reflexion von Kontingenz. Aber man muss als Kind überhaupt erst lernen, dass die Sanktion anderer Kontingenz gar nicht unterdrückt, sondern im Gegenteil: aufgrund unvermeidbarer Widersprüchlichkeit wird Kontingenz erfahrbar. Bevor es aber soweit ist, spielt Angst für ein Kind eine mehr oder weniger wichtige Rolle. Und so wird dann der Zwang zum Lügenlernen selbstsozialisierend erzeugt. Weil das Kind nicht weiß was sonst machen soll, muss es sich der Peinlichkeit des Lügens fahrlässig hingeben, was umso schlimmer ist, da es als erstes lernt, dass sein Lügen leicht durchschaut wird.

Selbverständlich sind die Dinge individuell kompliziert. Aber bestimmt dürfte gelten, dass man das Lügen umso besser lernt, je besser und je früher man lernt, die Lügen anderer zu erkennen und je geringer die eigene Furcht ist, selbst dafür bestraft zu werden. Im umgekehrten Fall wird man auch das Lügen lernen können, aber die Folgewirkungen werden wahrscheinlich eher nachteilig sein, insbesondere für einen selbst.

Und es besteht Grund zu der Vermutung, dass diejenigen, die die besseren Chancen haben, das Lügen lernen zu dürfen auch diejenigen sind, die mit dieser Fähigkeit am wenigsten Schaden anrichten. Nietzsche hatte zutreffend analysiert, dass nicht das Lügen das Problem ist, sondern die Moral. Denn Moral leistet, dass ihre Unhaltbarkeit es nach sich zieht, andere am Lügen zu hindern, um sich selbst ein entsprechendes Privileg zu garantieren. So ist es gerade die Moral die ein Recht zu lügen postuliert. Das Lügen selbst geschieht unschuldig. Es ist Moral, die schuldig macht.

Und es sollte mich wundern, wenn der Vogel ganz unmoralisch zur Auskunft geben will, ein ehrlicher Lügner zu sein.

Ironie, eine Abnutzungerscheinung der kritischen Disziplin

Sich kritisch zu zeigen, Kritik zu äußern, ein kritisches Bewusstein zu fordern, es zu empfehlen, zu pflegen, Kritik einzuüben war eine höchst gefährliche Angelegenheit zu einer Zeit, als sich die Merkmale einer zivilisatorischen Zuverlässigkeit durch Erwartungen auf gottgefälligen Gehorsam und Untertanentum ergaben.
Die allgemeine Kritik der Gesellschaft fand ihren Ursprung in der Ausweitung eines Welthorizonts, der mit der Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaftsstruktur während der Industrialisierung in eine explosionsartige Zunahme an Verstehensweisen mündete; eine Zunahme, welche es schließlich unmöglich machte, dass irgendetwas in der Welt unbemerkt, unerforscht, unerklärt und unkritisiert bleiben konnte. Die Welt wurde in dem Maße größer wie die Menge der thematisierbaren und dadurch auch kritisierbaren Sachverhalte anstieg und sich ihre Kommunikabilität beschleunigte. Für Strukturen, die Gehorsam erforderten, hatte sich dadurch das Spektrum an Voraussetzungen enorm verringert.

Als paradigmatische Beispiel nehme man nur die Entwicklung der Pädagogik. Zug um Zug wurden, wenn auch nicht überall gleichzeitig, einerseits Positionen geräumt, die auf die kontrollierende Beherrschung der individuellen Freiheit abzielten, während anderseits und umgekehrt die Entfaltung der individuellen Freiheit in ihrer Selbstkontrollfunktion beherrschbar wurde. Beides war bedingt durch soziale Erfahrungsbildungsprozesse, die durch ein Austarieren des Verhältnisses von Notwendigkeit und Möglichkeit Voraussetzungen für Strukturen entwickelten, welche schließlich ihre Ausgangssituation in Vergessenheit geraten ließen. Kein lebender Mensch in Deutschland weiß mehr was es bedeutet, ein kaiserlicher Untertan zu sein. Und dennoch: man könnte glauben, dass die demokratische Freiheit das geblieben ist, was sie ehedem war: eine Utopie – für die einen ein Schreckensbild, für die anderen eine Befreiungstat. So hat Demokratie immer noch etwas Dämonisches an sich, allein die Gründe sich zu fürchten nehmen ständig ab.

Denn tatsächlich ist die Ausgangssituation für die Akzeptanz demokratischer Gewohnheiten eine gänzlich andere geworden. Die Legitimität der demokratischen Freiheit wird, dies gilt namentlich für den europäischen Bereich, nur noch von der legitimen demokratischen Freiheit selbst bestritten. Wie auch immer Demokratiedefizite benannt werden, allein, dass sie benannt werden dürfen und benannt werden sollen zeigt, wie hoch die Wertschätzung für Demokratie ist.  Ihre Wertschätzung verdankt sich aber einer halbseitigen Beurteilung: ihre Erfolge und Gewinne können nicht wirklich befriedigen, ihre Defzite erscheinen dagegen um so obszöner. So kann die Wertschätzung für Demokratie eigentlich nur gelingen, wenn es gelingt, die Mangelhaftigkeit ihres Entwicklungsszustands festzustellen. Demokratie ist darum Hoffnung auf Demokratie, ist Wunschtraum, ist eine paranoische Imagination als Reflexion eines unvermeidlichen Erdendaseins, ist ein säkularer Erlösungsglaube ohne Alternative.

Und ganz langsam kann man erste Abnutzungserscheinungen bemerken. Die Abnutzungserscheinungen würde ich an der zunehmenden Akzeptanz des Verzichts auf Ernsthaftigkeit ablesen. Ernsthaftigkeit, Seriösität, Überzeugungsfähigkeit, Glaubwürdigkeit dürften nur dann noch relevant sein, wenn immer auch Ironie im Spiel ist. Denn mit Ironie wird Selbstreflexivität bemerkbar und nur dann kann Kritik noch halbwegs erträglich sein, wenn man bemerken kann, dass alles auch ganz anders hätte formuliert und verstanden werden können. Wie kommt das?

Der Grund dafür dürfte in der gänzlichen veränderten Ausgangssituation liegen. In ihrer Entstehungszeit hatte Demokratie Gegner als Gegner, jetzt hat sie nur noch Anhänger als Gegner, denen es nicht gut gelingt, sich gegenseitig Feindschaft anzubieten. Und solange die Disziplin der Kritik sich allseitiger Wertschätzung erfreut, ist Ironie das einzige Mittel, sich mit ihrem Scheitern langsam anzufreunden.

Die virulente Ironie ist ein Ausschleichungsprozess in Form der langsamen Verdünnung der kritische Diszplin durch Einführung von Selbstreflexivität.