Differentia

Tag: Interaktionstheorie

„Mensch-ärgere-dich-nicht“. Interaktionssysteme als Kommunikation unter Anwesenden 3/5

Aus gängigen theoretischen Annahmen wissen wir, dass Interaktionssysteme dadurch zustande kommen, dass die Beteiligten ihr Verhalten durch wechselseitige Wahrnehmung der Anwesenheit aufeinander einrichten. Dazu gehört auch die Wahrnehmung der eigenen Anwesenheit. Interaktionssysteme erzwingen damit eine Art undifferenzierte Inklusion, weil im Prinzip nichts der Aufmerksamkeit der Beteiligten entzogen werden kann. Die Blicke der Anwesenden kleben gleichsam auf der Situation. Mit der Anwesenheit ist zugleich das Selektionsprinzip benannt, das die Wechselseitigkeiten auf ihre Anschlussfähigkeit hin organisiert; es zieht damit zugleich eine Systemgrenze, die darin besteht, dass man nur mit Anwesenden, aber nicht über sie, nicht mit Abwesenden, sondern nur über sie reden kann. Das hat eine starke strukturelle Einschränkung dieser Kommunikationssysteme zu folge. Interaktionssysteme bleiben meist auf eine Komplexität reduziert, die in ihrer Entfaltung sehr eng an die Bedingungen ihrer Umwelt geknüpft ist. Diese Systeme zeichnen sich daher durch eine geringe strukturelle Elastizität aus und erfordern eine Synchronisation von Handlungssequenzen, die ein strenges Regelschema von Abläufen notwendig macht: Erst würfeln, dann ziehen, erst dann ist der nächste an der Reihe und so weiter.
Interessant ist nun die Annahme, dass es für solche Interaktionssysteme jeweils ein spezifisches „Typenprogramm“ gibt, ein Begriff, der allerdings nur schlecht mit „Thema“ übersetzt werden kann, da Interaktionssysteme Handlungen produzieren, von welchen nicht immer eindeutig erkennbar ist, ob sie etwas mit jeweiligen Thema zu tun haben. Ein Typenprogramm legt aber relativ eindeutig fest, was zur jeweils ablaufendenden Kommunikation gehört und sortiert alles andere auch dann, wenn es sich als anschlussfähig erweisen könnte, als nicht dazugehörend aus. Man könnte auch sagen, beim Typenprogramm handelt es sich um die „ungeschriebenen“ Regeln der jeweiligen Interaktionssituation, die erkennen lassen, ob das Geschehen so weiter gehen kann oder nicht. Typenpgromme koodinieren die Koordination von Handlungen. Im Falle von „Mensch-ärgere-dich-nicht“ gilt das selbe Typenprogramm wie für alle anderen Brettspielsituationen. Durch die Festlegung auf die Spielregeln wird die Interaktiossituation definiert und läßt nur wenig Abweichung zu.
Wichtig ist nun aber, dass eine Situation im selben Augenblick nicht nur einmal definiert werden kann, sondern mehrmals. Das heißt, dass gleichzeitig auch noch andere Typenprogramme ablaufen können, ohne, dass sich damit die Interaktionen gegenseitig in ihrem Ablauf stören. Man spielt etwa „Mensch-ärgere-dich-nicht“ und thematisiert beim Spielen zugleich Dinge des alltäglichen Geschehens. Dadurch kann es aber zu verwickelten Irritationen kommen, die für die Funktionsweise strukturell gekoppelter Systeme von entscheidender Bedeutung sind.

Foto: Schmidtspiele

Foto: Schmidtspiele

„Mensch-ärgere-dich-nicht“ Psychosomatik oder Effekte struktureller Koppelung? 1/5

Bei der Lektüre systemtheoretischer Literatur kann man den Eindruck gewinnen, dass die Systemtheorie bei der Analyse von Interaktionssystemen nicht sehr viel zu bieten hat, von Ausnahmen abgesehen. Das hat erstens damit zu tun, dass zwar Beiträge zu einer Theorie der Interaktion geliefert, aber noch keine übersichtliche Theorie der Interaktion formuliert wurden. Ein zweiter Grund scheint darin zu liegen, dass man sich insbesondere für die Ebenen Gesellschaft und Organisation interessiert und dabei vor allem für den freilich sofort ins Auge springenden Aspekt der Semantik. Interaktion interessiert dann insofern, als sich in ihr symptomatisch fungierende Strukturen dieser Ebenen zeigen, wie man dies etwa an Codes oder Programmen und an Semantik über Interaktion erschließbare Formen der primären sozialen Differenzierung und dergleichen mehr ablesen kann. Tatsächlich aber ist das Vorhaben einer Interaktionstheorie damit nicht erledigt, insbesondere dann nicht, wenn man bemerkt, was woanders als Lücke zurück bleibt.

Bei wissenschaftlichen Forschungen über das Zusammenwirken von psychischen, sozialen und biologischen Faktoren handelt es sich um einen Fragenkomplex, der in der philosophischen Tradition mit dem sogenannten „Leib-Seele“ bezeichnet wurde. Die Kontroversen zwischen „Psychikern“ und „Somatikern“ haben bis heute keine weiterführenden Ergebnisse erzielt. Behaupten die einen eine qualitative Eigenständigkeit der geistigen Sphäre, so beharren die anderen auf einen Reduktionismus, der alle Geistigkeit auf neuronale Aktivität  zurückzuführen gedenkt. Die moderne Hinforschung postuliert aber nicht nur ein neuronales Substrat für alle Vorgänge des Fühlens und Denkens, überhaupt schein ihr alles „Geistige“ selbst nur als neuronale Funktion in Erscheinung zu treten, womit zugleich geistige Wirkungen auf organische Zusammenhänge gar nicht vorkommen können. Andersherum fordern sogenannte „Psychiker“ die Anerkenntnis „geistiger“ Zusammenhänge. Wenn sie auch nicht leugen, dass damit immer auch neuronale Funktionen verbunden sind, so bestehen sie doch auf eine Sphäre, deren Realität durch nichts anderes bezeugt werden kann als durch die variantenreiche Wiederholung derselben Behauptungen. Aber über die Bedingungen der Möglichkeit von „Geistigkeit“ kann damit nicht viel gesagt werden, es sei denn man zieht sich zurück auf eine transzendentalphilosopische Tradition des Argumentierens, die aber auch die veränderten Bedingungen ihrer Akzeptabilität kaum noch überschauen kann.

Man könnte daher auf den Verdacht kommen, dass es sich bei diesen unlösbaren Streitfragen Unterscheidungsroutinen handelt, also um sozial konditionierte Programme, deren Formen das auschließen, was durch diese Formen selbst eingeschlossen wird. Das heißt: die konträren Positionen können eigentlich nicht sagen, worüber sie reden, solange sie nicht sagen können, wie und wodurch Gegenstand ihrer Theorien und Theorien ihres Gegenstandes überhaupt in Erscheinung treten. Das bringt uns auf den Gedanken, dass man systemtheoretisch mit diesem Problemfall besser zurecht kommt, wenn man annimmt, dass organische, psychische und soziale Systeme, die sich gegenseitig zur Umwelt haben, durch strukturelle Koppelung sich gegenseitig irritieren. Zu erklären wäre außerdem, wie durch auszubildende Irritationsroutinen diese Koppelungen strukturerwartend wirken und damit für die Systeme zugleich Anlässe für Blockierungen und Entblockierungen von Systemfunktionen liefern.

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