Differentia

Tag: Industrialisierung

Eine Weltsprache – eine Fremdsprache für alle 4

zurück / Fortsetzung: Eine Plansprache wie Esperanto ist das typische Produkt einer Gesellschaft, die durch Organisation Verwicklung in Kommunikation (und damit die Irritation über ihre Probleme) herstellt und durch Massenmedien die Entwicklung von Lösungen in Aussicht stellt. Esperanto ist das Werk eines Autors, der sich mit den Ergebnissen seiner Arbeit an ein anonymes Publikum richtet, indem er zuerst privat studiert und dann öffentlich lehrt. Er publiziert seine Arbeit um auf diese Weise Anhängerschaft für eine gute Idee zu aquirieren, nämlich: die Beförderung des Weltfriedens durch eine gemeinsame Sprache für alle Menschen.

Dass ein solcher Versuch von Anfang an als utopisches Anliegen konzipiert war, ist niemals unbemerkt geblieben. Und es fällt sehr leicht, es naserümpfend beiseite zu legen, wenn man realistisch die Möglichkeit der Unerreichbarkeit einschätzt. Interessant bleibt aber doch, dass so etwas gewagt wurde.

Entstanden ist dieser Versuch in der Spätzeit der Industrialisierung, in der jeder andere Art von Größenwahn durchaus beliebt gewesen ist. Wer den Fortschritt empirisch bemerkt, kann nicht so leicht erkennen, was durch ihn verhindert wird, weshalb es für utopische Konzepte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine beeindruckende Konjunktur gab. Eine Weltverbesserungsidee nach der anderen machte die Runde. Wenn man die Bevölkerungsentwicklung planen kann, den Raum, die Landschaft, den Staat, die Wirtschaft, ja, die ganze Zukunft, warum nicht auch Sprache? Weshalb Esperanto in seiner Gestaltung angepaßt ist auf Rationalität: einfach und schnell zu lernen, um Kommunikationsprobleme zu vermeiden, die durch ungeplante, gleichsam natürliche Sprachen ganz leicht entstehen, was nicht selten sehr unangenehme Konflikte erzeugt.

Am Projekt einer solchen Plansprache kann man sehr gut ablesen, wie die moderne Gesellschaft Kommunikation, obgleich sie eine uralte Sache ist, als Problem in Erfahrung gebracht hat und was sie unternommen hat um das Problem zu lösen, nämlich: Vermeidung des Problemerfahrungsprozesses, besser gesagt: durch Vermeidung der Einsicht, dass die Gesellschaft ihre Probleme selbst erzeugt, wenn sie dies nicht verhindern kann, und Lösungen erst dann bereitstellt, sobald die Probleme selbst vermieden werden können. Eben dies gilt für Esperanto. Esperanto war keine Lösung für ein Problem, sondern ein Problem für eine Lösung. Die Lösung  war massenmediale Kommunikation, das Problem war: Persuasion auch dann zu versuchen, wenn die Erfolgswahrscheinlichkeit gering ist.

Die Frage, die mich anschließend am meisten beschäftigt, lautet dann, ob man davon etwas lernen kann.

Fortsetzung

„Ich verstehe nur Stuttgart 21…“

Mit der Durchsetzung der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, also etwa in dem Zeitraum, in dem eine funktional differenzierte Gesellschaft anfing, sich auf die Zeit nach ihrer industriellen Produktionsweise umzustellen, war die Eisenbahn das wichtigste Verkehrs- und Transportmittel, nicht nur zum Transport ziviler Güter und Personen. „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“ – das galt auch für die Eisenbahn: Verpflegung, Kriegsgerät, Truppen – alles wurde mit der Bahn an die Front gebracht. In der umgekehrten Richtung kamen mit ihr die Soldaten zum Heimaturlaub oder bei ernsthafter Verletzung wieder zurück nach Hause. Wohl aus diesem Grunde wurde im Ersten Weltkrieg für Soldaten der Bahnhof zum Sinnbild für die Heimat, je sehnlicher, umso länger der aussichtslose Krieg dauerte. Und als schließlich jede Spur der anfänglichen Kriegsbegeisterung der Hoffnung gewichen war, dass der Krieg ein baldiges Ende finden möge, wurde oftmals in Gesprächen, die sich nicht um das dringlichste Thema drehten, mit den Worten „Ich verstehe nur Bahnhof“ auf das verwiesen, was man am sehnlichsten begehrte: Frieden. Was auch hieß: Entmilitarisierung des Verkehrs.
Der heutige Stuttgarter Hauptbahnhof wurde von 1914 bis 1928 erbaut. Das heißt, er wurde entweder zu spät oder zu früh gebaut; zu spät, weil während des Krieges alle Mittel in der Fortsetzung eines aussichtslosen Krieges gebunden waren; zu früh, weil eine postindustrielle Konsumgesellschaft, für die der Standort des Hautbahnhofs im Umfeld der Königsstraße und der Klett-Passage ideal geeignet war, noch lange auf sich warten lassen musste. Als die Entmilitarisierung des Verkehrs schließlich zur Alltagserfahrung wurde, als wirre Werbeplakte schließlich kaum noch erkennen ließen, wofür eigentlich geworben wurde, als der Verkehr dichter und immer lauter wurde wurde, musste die Bedeutung einer bekannten Redeweise uminterpretiert werden, weil der Bahnhofslärm eine ganz andere Art von Friedensehnsucht stimulierte: „Ich verstehe nur Bahnhof“ war damit eher ein Vorwurf ob der unzumutbaren Verhältnisse, denen sich Menschen an einem Ort wie dem Stuttgarter Hauptbahnhof aussetzen mussten.
Der Ablöseprozess von einer Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft bringt es für eine Zwischenzeit mit sich, dass permanent ein Wachstum geschaffen muss, um Bedürfnisse zu befriedigen, die schon lange keiner mehr hat. Dazu zählt sicher auch das Bauprojekt Stuttgart 21. Dass es nicht länger Zweck der Wirtschaft ist, Bedürfnisse zu befriedigen, ist eine Einsicht, die aber erst dann in einer Wissensgesellschaft zum allgemeinen Kenntnisstand gehört wird, wenn sie sich längst wieder auf etwas anderes vorbereiten muss. Wenn also die belanglose Wirtschaftswahrheit, derzufolge ein Verhältnis von Angebot und Nachfrage den Preis regelt, abgewimmelt werden kann mit dem Hinweis: „ich verstehe nur Bahnhof“, dann wird man sicher sein können, dass Historiker rückblickend über den Bürgerprotest in Stuttgart formulieren werden: „Ja, ja, Wachstum… – ich verstehe nur Stuttgart 21.“
 

Ehemaliger „Stuttgarter Centralbahnhof“ 1913. Foto: Wikipedia