Differentia

Tag: Immanuel Kant

Reflektionstheorie: Ethik und Moral

Wie könnte man Moral und Ethik sonst noch unterscheiden?
Moral wäre zum Beispiel eine Form (die Einheit der Unterscheidung von gut und böse), die in der Kommunikation angesteuert werden kann, um die Bedingungen der Möglichkeit für die Achtung oder Ächtung von Personen mitzukommunzieren. Moral wäre in diesem Sinn immer nur Moral-im-Vollzug.
Ethik im klassisch-philosophischen Sinn, wie etwa der Kantsche Imperativ kommuniziert die Bedingungen der Möglichkeit für die Aktualisierung von Moral. Solche Ethik beobachtet immer noch mit der gut/böse-Unterscheidung und vollzieht das re-entry der Unterscheidung in der Regel in der gut-Seite. Luhmann selbst nennt an irgendeiner Stelle als Gegenbeispiel ja die Ethik von de Sade, der das re-entry der Unterscheidung konsequent in die böse-Seite vollzieht. Es scheint so, dass dies für eine Art von Ethik zutrifft, die von einer moralischen Kommunikation zur Akzeptanzsteigerung generiert wurde. Das zu Kants Zeiten revolutionäre an seiner Ethik war das Einziehen einer doppelten Beobachtung in Gestalt eines Prüfungsverfahrens: des kategorischen Imperativs.
1. Bevor Du handelst, beobachte, welche Maxime (Handlungsgrundsatz) dein Handeln leitet.
2. Bevor du nach dieser Maxime handelst, beobachte außerdem, ob Du zugleich, also ohne Selbstwiderspruch wollen kannst, dass diese Maxime allgemeines Gesetz werde.
Hier wird also eine Selbstbeobachtung noch einmal beobachtet. Könnte man von einer Beobachtung zweiter Ordnung und damit von einer Ethik zweiter Ordnung sprechen?
Eine Ethik als Reflexionstheorie der Moral formuliert dann die Bedingungen der Möglichkeit für den Einsatz der gut/böse-Unterscheidung auf dieser Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung. Damit setzt sie die Unterscheidung  – im Gegensatz zur traditionellen Ethik – kontingent, das heisst: sie setzt sie in Differenz zu andern möglichen Unterscheidungen und formuliert keine Präferenz für die eine oder andere Seite der Unterscheidung von gut und böse.

Erfahrung und die Formen der Erfahrung

Kant unterscheidet zwischen Erfahrung und den Formen der Erfahrung, die ihrerseits nicht empirisch zugänglich sind, sondern in der Reflexion auf ihre Vorbedingungen erschlossen werden. Die Erfahrung als solche ist der Erfahrung nicht zugänglich. Dem entgegen ist Luhmann zufolge Beobachtung immer eine empirisch beobachtbare Operation.
Entsprechend unterscheidet Luhmann nicht zwischen einer empirischen und einer transzendentalen Ebene. Beobachtung im Sinn von „Unterscheiden und Bezeichnen“ umfasst nicht nur Kants Erfahrung, sondern auch die Überlegungen über ihre Vorbedingungen. Diese Begriffsfassung führt aber dazu, dass die Transzendentaltheorie nicht mehr als alternativer theoretischer Ansatz, sondern eher als Missverständnis erscheint: Kant meinte zwar, er betrachte nicht-empirische Vorbedingungen der Erfahrung, aber diese Betrachtung war selbst eine Beobachtung, und das heißt Empirie.