Differentia

Tag: Hasskommunikation

Das Schlimme an dieser Hasskommunikation ist …

Das Schlimme an dieser Hasskommunikation des Netzes ist gar nicht der Ausdruck des Hasses selbst. Hass zwischen Menschen gibt es seit sie sprechen können. Und daran wird sich in aller Zukunft gar nichts ändern. Nur die Art und Weise, wie die Austragung von solchen Empfindlichkeiten zwischen Menschen der gesellschaftlichen Selbstregulation unterzogen wird, ändert sich erheblich. Und immer sind Anfangsprobleme der Änderung von Regultationsentwürfen Probleme von Anfängern. Immer ist der Stein, kaum, dass er oben angekommen ist, schon wieder den Hang herunter gerollt; und immer muss der deprimierend wirkende Neuanfang gesucht und versucht werden.
Ein Fortschritt wird immer nur von Anfängern, von Stümpern, von Dilettanten geleistet. Die Fortgeschrittenen sind dann nur die Erben von Erfahrungen, deren Problemhorizont in der Krümmung der Gesellschaft, in ihrer Vergangenheit entschwunden ist. Die Fortgeschrittenen bekommen zwar Erfahrungen und damit die Struktur ihrer Ordnungsfähigkeit nur geschenkt, aber sie können damit kaum etwas anfangen, es sei denn, sie fangen etwas anderes an.
Das heißt, es wird gar nichts dazu lernt, es wird immer nur um- und neugelernt, weil die Verhältnisse sich neu sortieren, in den Handlungen und ihre Erfahrbarkeit ordnungsfähig sind oder auch nicht. Das Schlimme ist also gar nicht der Hass selbst, sondern die Schmerzen, die es macht, sich von alten, bequemen und liebgewonnen Betrachtungsweisen zu lösen.

Eben dies kann man oben an dieser Durchsage ablesen. Sie ist in aller Unschuld ein gut funktionierender Aufruf, den Hass fortzusetzen, ohne Rücksicht auf Verluste. Es wird darin ein Befehl ausgesprochen, den keiner ausführen kann. Der Befehl lautet, Konformität zu wählen, also eigenwillig das zu tun, was ein anderer will. Das geht nicht.
In autoritären Verhältnissen ist ein solcher Befehl überflüssig, weil Konformität durch Gehorsam mit Gewalt durchgesetzt wird. Es mag zwar in autoritären Verhältnissen einen Aufruf zum Gehorsam geben, aber ablehnen kann man nicht oder nur schwer. In autoritären Verhältnissen wird im Zweifelsfall durchgegriffen und erst dann werden die Folgen reflektiert. Wenn aber eine Struktur des autoritären Handelns vollständig trivialisiert ist, wenn jeder mit dem Recht ausgestattet ist, Befehle auszusprechen, dann hat keiner mehr eine Gehorsamspflicht.
Im Zweifelsfall kommt es dann eher zur Reflexion, nicht zur Folgehandlung, weshalb Handlung dann nicht mehr als etwas erscheint, das durchsetzungsfähig ist. Denn auch Reflexion äußert sich in Handlung, die in der Ignoranz von Befehlen ihre Reflexivität zeigt. Das Folgehandeln wird in der Reflexion von Handlungsfolgen umgedreht. Das heißt: es ereignet sich eine Struktur, die Reflexität ordnet, nicht Gehorsam. Und wenn diese Struktur nun auch in einer many-to-many-Kommunikation ihre eigene Semantik durchhalten will, steigert sich die Reflexivität bis an eine obere Grenze ihrer Durchhaltefähigkeit. In der empirischen Entfaltung zeigt sich das als Belastung, Beschwerung oder, allgemein formuliert: als Traumatisierung dieser Struktur. Und dann ist es eine Frage der Zeit, die verstreichen muss, bis diese Traumatisierungsversuche ihre Kapazitäten erschöpft haben.

Es geht bei dieser Hasskommunikation also zu wie beim Schnapstrinken: Einer geht noch, einer geht noch rein …

 

Vom Haß

Nun kenn‘ ich beide Triebe
Und sag‘ euch’s mit Verlaß:
So süß fast als die Liebe
Und heißer ist der Haß.

Felix Dahn

Hass ist ein sehr gutes Konzept. Zur deadlock-Situation massenmedialer Kommunikation

 

Bei Spiegelonline wird jetzt eine Marktlücke genutzt, die schon seit längerer Zeit offen war. Es geht dabei um Counterspeech: Es geht darum, Leserbriefe an Leser zu schreiben, die sich nicht an die redaktionellen Vorgaben des Verlags halten und stattdessen irgendetwas schreiben, das eine Kolumnistin gar nicht lesen will, aber lesen muss, weil es sich dabei um ihr tägliches Brot handelt, weshalb sie an ihren unbekannten Leser etwas schreibt, das sie lieber nicht geschrieben hätte. Sie ist also das Opfer eines unmenschlichen Hasses, um so mehr, da das Zeilenhonorar des Verlags nicht überdurchschnittlich großzügig ist. Wie man weiß.

Man erkennt sofort, welches Unrecht dieser Kolumnistin widerfährt. Und, aber: das Maß an Betroffenheit kann allerdings das Zeilenhonorar nicht übersteigen. Das wäre unverhältnismäßig. Und unverhältnismäßig wäre es obendrein, solch ein Ungemach mit Spott zu überschütten, sind wir doch alle das unschuldige Opfer von Umständen, die sich keiner ausgesucht hat. Von irgendetwas muss der Mensch sich ernähren. Warum nicht vom Hass der anderen?

Tatsächlich haben wir es mit einer massenmedialen deadlock-Situation zu tun. Schriftliche Kommunikation braucht Schreiber und Leser: niemand schreibt etwas, wenn niemand etwas liest, und wenn niemand etwas liest, schreibt niemand etwas. Massenmedien lösen das Problem der Anschlussfindung durch adressenlos gerichtete Verbreitung von Dokumentkopien an ein abwesendes Publikum, wodurch es wahrscheinlich wird, dass dennoch gelesen wird, obwohl niemand zuvor weiß, was geschrieben wurde; und dass dennoch geschrieben wird, ohne dass man zuvor wüsste, ob gelesen wird. Es geschieht dennoch. Nun können Leser und Schreiber ihr Handeln sehr unterschiedlich rechtfertigen. Der Schreiber rechtfertigt sich durch die Nennung seines Namens, also in dem er im verbreiteten Dokument seinen Namen als Adresse einfügt und sich damit auf das ansprechbar macht, was er geschrieben hat. Der Leser kann anonym verbleiben und muss darum sein Handeln nicht rechtfertigen, und weil er dies auch nicht kann, ist sein Handeln schon deshalb gerechtfertigt, weil er für niemanden ansprechbar ist. Denn das Publikum verbleibt stumm, es hat keine Möglichkeit, sich selbst zu publizieren.

Soweit entspricht dieser Zusammenhang dem konventionellen massenmedialen Übungssystem.

Jetzt aber ändert sich etwas. Durch Internet wird nun das Publikum publiziert, während gleichzeitig die Verlage ihr Business as usual verteidigen. Jetzt entsteht die deadlock-Situation, die besagt, dass Leser und Schreiber, weil sie für einander nun pseudonym erscheinen, sehr unterschiedlich auf das massenhafte Aufkommen von Dokumentkopien reagieren. Die Kolumnistin, die ihr Business as usal verteidigt, schreibt immer noch für ein anonymes, unadressierbares Publikum, aber das Publikum schreibt nun zurück, und, ohne seine Anonymität aufzuheben, kann es seine Dokumente genau adressieren und muss dabei keine Rücksicht auf redaktionelle Vorgaben einhalten. Das sich selbst publizierende Publikum hat keinen Verlag. Der einzelne Schreiber muss nicht einmal Rücksicht auf sich selbst nehmen. Diese Konstellation macht, wenn die Kommunikation von Persuasion weiterhin attraktiv bleiben sollte, Hasskommunikation wahrscheinlich. Denn gelingende Persuasion verlangt strenge Voraussetzungen der Zurückhaltung von Einspruchsmöglichkeiten gegen die Unhaltbarkeit persuasiver Zumutungen. Fallen diese Voraussetzungen weg, zerfällt die ganze Kommunikation in Unhaltbarkeiten. Der Indikator dafür ist die Kommunikation von Hass. Sie ist die Hyperbolisierung, zu der es kommen muss, wenn die deadlock-Situation einrastet: jeder kann sich nun für sein Schreiben jederzeit verantworten, weil es nämlich egal ist, was gelesen wurde. Denn was auch immer gelesen wurde, lesen kann man nur, was geschrieben steht. Und darüber gibt es keine klare Meinung. Gilt auch für Hasskommentare.

Deshalb ist dieser Hass ein sehr gutes Konzept, das eine Lernsituation provoziert. Das konventionelle Übungssystem der Massenmedien trollt sich selbst, wenn Business as usual die letzte große Pflicht ist, die ein gehorsamer Mensch beachten soll. Und solange der Umsatz stimmt, gibt es keinen Grund daran etwas zu ändern.