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Tag: Gutenberg-Galaxy

Die Kommerzialisierung des Genies 1

„Wir alle, die wir uns auf irgendeine Weise mit der Wissenschaft, die man in diesem Zusammenhang Literatur nennen kann, beschäftigen, wachsen auf in dem Gedanken, daß die Betriebsamkeit mit derselben ein Glück sei, ein Vorteil, eine ehrenvolle Auszeichnung unseres gebildeten und philosophischen Zeitalters … – aber gerade jene Betriebsamkeit des literarischen Marktes hat es ertötet, verkehrt und herabgewürdigt, so daß der Geist davon verflogen ist …“
Johann Gottlieb Fichte: Über das Wesen des Gelehrten und seine Erscheinungen im Gebiete der Freiheit. 10. Vorlesung (1805). Zit. nach Rietzschel: Gelehrsamkeit, S. 39f. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens, Band 30. 1988.

Die Bourgeoisie … hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande … unbarmherzig zerrissen, und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose „baare Zahlung.“ Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmuth in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwerth aufgelöst, und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die Eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.
Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Thätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.
Aus: Karl Marx, Manifest der Kommunistischen Partei (1848)

Die Ungeniertheit, mit der Blogger ein Flattr-Button auf ihrem Blog anbieten steht nicht zufällig neben dem, seit einigen Jahren auch in Europa beobachtbaren Engagement von zahlreichen jungen Erwachsenen, sich in TV-Casting-Shows als Super-Talent anzubieten, sei es als Sänger oder Model. Seit drei Jahrzehnten schon jammern Lektoren und Literatur-Agenten über waschkörbeweise anfallende Manuskriptzusendungen. Kein Professor hat bis heute ein brauchbares Konzept zur Bewältigung der Probleme, die durch die Massenuniversität entstehen. Der einzige Ausweg scheint schon wohl immer nur die Forderung nach mehr Geld zu sein, eine Forderung, die zwar ganz leicht erhoben, aber nicht genauso leicht erfüllt werden kann. Konzertveranstalter aller Größenordnungen werden mit Demo-CD zugeschmissen, Kunstgalerien finden immer weniger Ausreden, um den nicht endenwollenden Strom von Künstlern abzuwimmeln. Aber nicht nur auf dem künstlerisch-musischen Gebiet, auch auf dem Gebiet der Technik macht sich die Beobachtung von genialem Engagement bemerkbar. Patentamtsbeamte bemerken die ständig ansteigenen Patentanmeldungen, wohl wissend, dass nur weniges von dem, was da in Bastlerstuben entwickelt wurde, bei Konzernen auf Interesse stößt. Ich selbst erinnere mich daran, dass es bereits ab Mitte der 90er Jahre unter Magister-Absolventen üblich wurde, die eigene Magisterarbeit für viel Geld drucken zu lassen, um in einer Bewerbung mit einer Publikation zu glänzen; dies in der bescheidenen Annahme, man könne damit gegen seine Konkurrenten, die ja die eigenen Kommilitonen waren, einen Stich machen; bescheiden deshalb, da ja auch die Konkurrenten des Konkurrenten den gleichen fragwürdigen Optimismus zeigten.
Der Erfindungsreichtum der Masse ist schier unbegrenzt; und seitdem es Internet gibt, will sich dieses Massenphänomen des Genies überfall durchsetzen; freilich, und ganz skrupellos und ungeniert: für Geld; und übrigens spielt der Einwand der Unwahrscheinlichkeit eines gelingenden Geschäfts kaum eine Rolle; so wenig wie der Einwand gegen das Lottospielen bei Lottospielern verfängt: es gibt immer genügend Einzelfälle, die zeigen, dass es dennoch klappen könnte. Der Massenoutput von genialen Leistungen, für die keine Nachfrage besteht, geht unverdrossen weiter.
Man denke einmal daran, wie es möglich werden konnte, dass Druckereien mit dem „Book on Demand“-Verfahren gute Geschäfte machen konnten. Das liegt daran, dass das Geschäftskonzpet die Druckkosten für namenlose, aber engagierte Autoren auf weniger hundert Euro senken konnte, da diese Autoren vorher die Bereitschaft hatten, für tausend Euro und mehr Verlagen Geld zu bieten, um ihr eigenes Wort gedruckt zu finden. Seitdem die Druckkosten für BoD sogar von Hartz IV-Beziehern aufgebracht werden können, kennen die Genies überhaupt keine Zurückhaltung mehr. Das Genie hat nicht nur die selbstverständliche Bereitschaft, sich zu verkaufen; es hat sogar nichts dagegen, sich als Genie zu kaufen (sic!).
Die kulturhistorisch interessante Frage ist, was eigentlich in den letzen 200 Jahren passiert ist um nicht nur die Skrupel des Genies gegen seine Vermarktung (Fichte) umschlagen zu lassen in die Notwendigkeit, sich dieser Vermarktung zu unterwerfen (Marx), sondern auch eine Entwicklung einzuleiten, die eine Selbstunterwerfung des Genies in Aussicht stellt. Diese Selbstunterwerfung bedeutet ja, dass das Genie die Bereitschaft zeigt, sich durch eine Geldzahlung den Nimbus des Genies zu erkaufen, unabhängig davon, ob dies sozial aufmerksamkeitsrelevant wird. Man schreibt als namenloser Autor ganz engagiert einen Roman, lässt ihn für viel Geld drucken und verbleibt anschließend genauso anonym und unbemerkt wie vorher, weil diesen Roman keiner lesen kann. Man hätte das auch kostenlos haben können, aber das Genie kann damit niemals einverstanden sein. Das gilt für den Literaten genauso wie für den Techniker. Das Genie muss sich bedingunglos offenbaren; es kann auf das niedere Motiv des Mammons keine Rücksicht nehmen. Wie? Sollte sich also in den letzen ca. 200 Jahren nichts verändert haben? Sollte sich der bürgerliche Geniekult, wie er seinen Höhepunkt im 18. Jahrundert fand, durch die unvermeidliche Kommerzialisierung nur trivialisiert haben, ohne dabei an seiner Güte zu verlieren?
Fortsetzung

Autor und Werk als Ergebnis des Typographeums

Für die Frage nach der Beschaffenheit der Empirieform einer Gesellschaft, die sich nicht mehr auf den Wahrheitswert der Dokumentform verlassen muss, liegt die Überlegung nahe, einen Zusammenhang zwischen der Durchsetzung eines jeweils neuartigen Verbreitungsmediums und einer diesem Verbreitungsmedium zugeordneten primären Empirieform anzunehmen, die einerseits die Autopoiesis einklammert, andererseits gerade dadurch als Treibstoff der autopoietischen Prozesse fungiert. Dieser Zusammenhang ergibt sich aus der katalysatorischen Wirkung, die die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern innerhalb der kulturellen Evolution ausübte. Diese Wirkung kann man beispielhaft an der Durchsetzung der typographischen Informationsverarbeitung im Europa des 15. und 16. Jahrhunderts beobachten. (*) Als Schlüsseltechnologie hatte der Buchdruck maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung neuzeitlicher Autor-, Werk- und Leserkonzeptionen.
Der Ablauf der drucktechnischen Informationstransformation mitsamt seinen Konsequenzen für die literarische Kommunikation der Neuzeit kann als Transformationsmechanismus verstanden werden, die eine Eingabe in eine Ausgabe umwandelt. Das Typographeum hat eine feste Eingabe- und Ausgabestelle: An der Eingabestelle das Manuskript des Autors, das in den Satz verwandelt wird, der im Druck als Negativform dient; an der Ausgabestelle die im Druckvorgang hergestellte Positivform auf Papier. Das macht deutlich, wie sich die drucktechnische Herstellung auf eine mehrfache Spiegelung von Mustern – vom Entwurf der Letter bis zum fertigen Ausdruck – zurückführen lässt, die eine Multiplikationspyramide in Gang setzt. Für das Manuskript bedeutet dies, dass ein Unikat durch Umwandlung in ein Druckwerk in vielfachen textidentischen Exemplaren verbreitet wird. Die Druckkultur hat dadurch die Massenkommunikation geschaffen, für die charakteristisch ist, dass sie ein Beobachtungsschema erzeugt, durch welches die Annahme plausibel wird, eine identische Botschaft sei von einem Sender an viele Empfänger, ein disperses Publikum, übermittelt worden. (*)
Diese grundlegend veränderten Kommunikationsverhältnisse führten im Laufe des 18. Jahrhunderts schließlich zu einem Auseinandertreten der Rollen von Autor und Leser sowie zu einer Trennung von Archivierung und Distribution: Als Speichermedium dient das Printprodukt, als Distributionsmedium fungierte der Buchhandel. Hat der Text letztendlich alle Korrekturschleifen der typographischen Informationsverarbeitung durchlaufen, so erscheint er in seiner endgültigen Form als Ganzheit und und erweckt den Anschein als sei er ein für allemal fixiert und unveränderlich. Eben diesen Prozess hat Karl Marx allgemein auf die Beschreibung der Warenform angewendet. Die Umwandlung eines Manuskripts in identische, drucktechnisch vervielfältigte Exemplare bedingt die Vorstellung des Autors als individuellem Schöpfer seines Werks, wobei der Begriff ‚Werk‘ den ein für allemal in seinen Grenzen zu anderen Texten und seiner Binnenstruktur festgestellten Text bezeichnet. Durch den Autorwillen, der wiederum aus anderen Dokumenten hervorgeht, die nach einem ähnlichen Verfahren herstellt werden, legitimiert er sich in seiner jeweiligen Form und erhält Authentizität.
Diese Koppelung des Autor- und Werkbegriffs funktionierte vor allem deshalb relativ reibungslos, da die Möglichkeiten eines unautorisierten Eingreifens in die Textstruktur im Ablauf der drucktechnischen Informationsverarbeitung sehr gering sind. Textverändernde Manipulationen müssten dabei in letzter Instanz von den Drucksetzern vorgenommen werden – eine Möglichkeit, wie sie beispielsweise von E.T.A. Hoffmann in der Herausgeberfiktion zu den Lebensansichten des Katers Murr treffend ironisiert wird:

Wahr ist es endlich, daß Autoren ihre kühnsten Gedanken, die außerordentlichsten Wendungen oft ihren gütigen Setzern verdanken, die dem Aufschwunge der Ideen nachhelfen durch sogenannte Druckfehler. So sprach z.B. der Herausgeber im zweiten Teile seiner „Nachtstücke“ Pag.326 von geräumigen Bosketts, die in einem Garten befindlich. Das war dem Setzer nicht genial genug, er setzte daher das Wörtlein Bosketts um in das Wörtlein Kasketts. (*)

Die so beschriebenen Konventionen der Druckkultur verdeutlichen bereits, dass Vorstellungen über literarische Grundkategorien in engem Zusammenhang mit den medialen Rahmenbedingungen zu sehen sind. Und gleiches dürfte dann auch für den Fall gelten, wenn sich diese medialen Rahmenbedingungen für die Herstellung von Anschlusssicherheit durch das Internet ändern.