Differentia

Tag: Gedächtnis

Veränderung, Gedächtnis und Beobachtung

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Wie unser Körper eine räumliche Ausdehnung hat, so hat unser Bewusstsein in diesem Körper eine zeitliche Ausdehnung, bzw. Auflösung. Und auch wenn unser Körper eine räumliche Ausdehnung hat, so beobachten wir als Bewusstsein natürlich nicht „räumliche Ausdehnung“ von irgendwas im „da draussen“, und nicht einmal Ausdehnung in unserem Innen, wenn wir Welt beobachten. Was wir beobachten, das sind ausnahmslos Veränderungen an unserer eigenen Struktur. Die Grundlage unserer Wahrnehmung sind nicht Zustände (wie auch immer  kurzfristige Nichtveränderungen) an denen wir Welt (oder uns) ablesen, sondern es sind immer nur laufende Veränderungen, die wir beobachten können. Wir beobachten keine (am besten noch als eine Art eingefrorene Wirkzustände gespeicherten und abrufbaren) Zustände und vergleichen diese dann (Auch wenn das eine nützliche, wenn auch krass mechanistische und verbreitete Denkvereinfachung zu sein scheint); So wie wir auch nicht eine Melodie wahrnehmen könnten, wenn die einzelnen Töne nicht in unserem Gedächtnis „ineinanderwirken“ würden und so retrograd etwas über die Summe der Töne, bzw. irgendwelcher dazu korresponierenden Zustände, in uns provoziert würden. So liegen auch Objekten in unserem Erleben ähnliche Konstruktionregeln zu Grunde, wie Melodien. Sie können nur als konstant, oder sich verändernd (wieder-) erkannt werden, wenn wir Gedächtnis benutzen. Man könnte auch sagen: Ohne Gedächtnis keine Melodie, keine Beobachtung überhaupt; ein Gedächtnis, das uns in gewisser Weise diese Gleichzeitigkeiten des Ungleichzeitigen schafft, uns den Zusammenhang stiftet, den wir brauchen, um z.B. eine Melodie zu verstehen.

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Gedächtnis und Datenschutz

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Die Nachfrage nach klugen Argumenten scheint gegenwärtig genauso hoch zu sein wie die Möglichkeit welche zu liefern gering ist. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ist gegenwärtig in Sachen Web-Gedächtnis und Datenschutz enorm disruptiv strukturiert: Wache Beobachter in der Wissenschaft bemerken schon seit längerer Zeit, dass das Zitieren von Webseiten zu wissenschaftlichen Zwecken eigentlich nicht den von der Wissenschaft geforderten Bedingung entspricht, denn Dokumente müssen identisch und vorrätig bleiben, weil nur auf diese Weise Zitationen ihre fremdreferenzielle Aussagequaliät behalten können. Entsprechend müsse man sich etwas ausdenken, um die Referenzierbarkeit gegen das Verschwinden von Webseiten zu sichern. Als Vorschlag zur Lösung dient dieses Projekt. Auch der Staat will sehr viel wissen, da auch dort das Dokumentschema als Leitschema der Wissensorganisation etabliert ist. Insbesondere hinsichtlich eines Datenverkehrs, der schon länger zurück liegt, wird eine Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung geführt, deren pro und contra bei besonnener Betrachtung beinahe ins Nirwana führt. Mindestens aber verlangt der Staat nach Auskunft, um seinen Auftrag zum Schutz der Bürger vor Kriminellen aller Art sicherzustellen. Natürlich hat der Sinn dieses Verlangens auch seinen Widersinn, denn nach Maßgabe des gleichen Schutzauftrages des Staates kommt jüngst der Vorschlag, zum Zweck des Verbraucherschutzes Daten mit einem Verfallsdatum zu versehen, um ein Vergessen möglich zu machen. Und wer diese Widersprüchlichkeit zum Anlass nehmen möchte – wie mspro und andere dies tun – dem Staat nur mangelnde Vernunft zu attestieren, will sich mit den eigenen Vernunftsdefiziten nicht beschäftigen. Denn wo man auch hinschaut, Widerspruchsfreiheit ist nicht der Normalfall, sondern der höchst seltene Ausnahemfall, was man nur bemerken kann, wenn man sich mit mit der Demonstration der eigenen Vernunft etwas zurück hält. Zu Recht macht Kristian Köhntopp nämlich darauf aufmerksam, dass die Technologie des digitalen Radiergummis höchst widersprüchlich ist, weil sie genauso gut als Spionagemethode verwendet werden kann. Die Widersprüchlichkeit erstreckt also auch auf die Handhabung von Technik, welche keineswegs, wie etwa Nikals Luhmann annahm, das Problem von Konsens und Dissens substituiere, weil sie Reflexionen über ihre Herstellung- und Funktionsweise entbehrlich mache und darum wie keine andere Möglichkeit der Sinnproduktion Funktionalität garantiere. Sofern und solange sich die Funktionssysteme allerdings des Dokumentschemas bedienen und ihre Anschlussfähigkeit durch diese Form der Erfahrungsbildung garantieren können, scheint Technik tatsächlich als Aus- und Umweg gut geeignet zu sein. Aber man muss dabei berücksichtigen, dass auch soziale Systeme, die Technolgie entwickeln, ihre Anschlussfähigkeit durch das Dokumentschema sicher stellen müssen, weshalb es nicht weiter wundert, dass auch diese Systeme sich auf Paradoxien einlassen und damit Technologie als Treibstoff zur Entzündung von Konsens- und Dissensdiskussionen liefern.
Was ginge noch? Man könnte auf Erziehung und Bildung setzen und glaubhaft machen wollen, dass der kritische Umgang mit Datensätzen eigentlich schon von Historikern gut erprobt ist, weshalb entsprechende Kenntnisse in die allgemeine Bildung der Gesellschaft Eingang finden müssten. Um den Zirkel an dieser Stelle komplett zu machen, käme man dann wieder an den Anfang dieser Skizze zurück, denn auch die Zunft der Historiker verwendet das Dokumentschema und muss zur Sicherstellung der Referenzierbarkeit irgendwie sicherstellen, dass nichts gelöscht wird. Aber genau das wird ja problematisch, wie anfangs gezeigt.
Woher kommen denn all diese Ungereimtheiten nur? Denn der Umgang mit Dokumenten aller Art ist doch schon Alltagserfahrung einer nicht nur vollständig alphabetisierten, sondern auch zunehmend literalisierten Gesellschaft. Die Antwort könnte lauten, dass die Immunsysteme der Gesellschaft bislang gut gerüstet waren, um Beobachtungsdefizite durch Herstellung weiterer Beobachtungsdefizite zu kompensieren und zwar dadurch, dass auch Immunsysteme dasjenige Beobachtungschema verwendeten, das die Defizite erzeugt. Wenn dies zutreffen sollte, so könnte man daraus den Schluss ziehen, dass in dem Augenblick, in dem die Immunsysteme immer schlechter auf die Dispruptivität der Verhältnisse reagieren können, die Gesellschaft eigentlich ihre Probleme erst in Erfahrung bringt, und dies wohl deshalb, weil sich zugleich schon andere Beobachtungsschemata anbieten, die es erforderlich machen, die Sache ganz anders zu betrachten.

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