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Tag: Galilei

Kritik war ein Machtkonzept 3 #galilei #wissenschaftsgeschichte

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Liest man aufmerksam die beeindruckende Biographie von James Reston über Galilei, so wird man feststellen, dass keine der landläufig bekannten Wahrheiten über die historischen Zusammenhänge zutreffen. Weder hatte Galilei versucht, gegen die katholische Kirche zu opponieren – das Gegenteil war der Fall – noch war der Kirche daran gelegen, diese neue Wissenschaft zu bekämpfen. Weder war Galilei ein moderner Wissenschaftler, noch waren die Verhältnisse in irgendeiner Weise für irgendwen überschaubar. Niemand hatte irgendetwas im Griff, schon gar nicht die Kurie. Man kann sich das Gefüge der Verwirrungen um den Prozess gegen Galilei gar nicht kompliziert genug vorstellen.

Galileo Galilei war ein Katholik, der eine beinahe kindliche Frömmgkeit übte, dem nichts mehr am Herzen lag als Verdienste um sein Seelenheil; die Kurientheologen interessierten sich für Physik, Astronomie und Mathematik größtenteils gar nicht und ihnen war nur schwer beizubringen, was daran brisant sein sollte. Entweder waren die Theologen in Italien und Europa von den neuen Möglichkeiten dieser Wissenschaft sehr fasziniert und haben sich selbst an solchen Forschungen beteiligt, oder sie waren nicht infomiert und wollten sich auch gar nicht darum kümmern. Die Konfliktlinien verliefen nicht entlang der Akzeptanz oder Ablehnung einer neuen Wissenschaft, sondern innerhalb des italienischen wie europäischen Katholizismus selbst, entlang patrotischer Gesinnungen und entlang von Bekenntnissen, weil die Reformation eine Virulenz von Verdächtigungen freigesetzt hatte, die allen ziemlich aufs Gemüt drückte. Auch hatte sich herum gesprochen, dass Anklagen wegen Ketzerei höchst riskant geworden waren, weil der Ketzerverdacht schnell auch auf diejenigen fallen konnte, die ihn aussprachen. So war nicht nur Ketzerei ein Problem, sondern längst auch die Ketzerverfolgung, was ein entscheidender Grund dafür war, dass diese Ketzerverfolgungen bald aufhörten.

Wenn man die Provokation verstehen will, die mit dem Galileischen Wirken verbunden waren, so dürfte man sich kaum einer gängigen Auffassung anschließen können. Die Provokation bestand keinesfalls in der kopernikanische Hypothese. Denn diese Hypothese war alles andere als provokativ. Im Gegenteil. Man würde gar nicht übertreiben, wenn man sie als affirmativ bezeichnen würde. Die Gründe dafür lagen in der zivilisatorischen Vertrauensproblematik.

Astronomen und Mathematiker waren Gelehrte zweiten oder sogar dritten Ranges, Außenseiter, sie genossen das, was man eine „Narrenfreiheit“ nennen könnte, welche übrigens durchaus die prototypische Figuration einer späteren Wertfreiheit der Wissenschaft sein könnte. Die mathematische Spekulation erschien dieser Gelehrsamkeit das Ergebnis eines Spiels von gedanklichen Möglichkeiten, welche allein dem Menschenvermögen entsprangen und außerhalb dieses Vermögens keinerlei Relevanz besaßen, also keinerlei Wahrheit verbürgten. Mathematische Hypothesen hatten Spielcharakter und waren allein geknüpft an das Vermögen von Menschen, dem nicht zu trauen war. So dienten diese mathematische Spekulation der Affirmation dieses zivilisatorischen Misstrauens, weil ihre Ergebnisse ja zeigten, wie belanglos sie waren, womit wiederum nachdrücklich evident werden konnte, dass Menschenvermögen höchst unzuverlässig war. Das erklärt auch weshalb diese Gelehrsamkeit keine empirischen Forschungsmethoden entwickeln konnte. Der mittelalterliche Gelehrte hätte erstaunt gefragt, was man denn damit beweisen wolle, wem man sich seines eigenen Verstandes bediente. Es zeige sich doch, dass dabei nur Spielerei im besten Sinne und im schlechtesten Wahnsinn heraus komme. Und um dies evident zu machen, wurden diese Mathematik ales legitimes, aber relevanzloses Wissen gebraucht.

Dies galt noch allgemein als Galilei in Venedig zuerst Professor wurde. Er war so schlecht besoldet, dass er kaum genug Geld zum Überleben hatte. Wichtig ist: Galilei war kein Theologe und war als Mathematiker eine Laie wie jeder andere auch. Auch wird berichtet wie verstört Galilei zunächst auf die Kunde der kopernikanischen Hypothese reagiert hatte. Er konnte sich das zuerst gar nicht vorstellen und im Kreise von Kollegen fand er kaum jemanden, mit dem er darüber reden konnte, weil dies entweder niemand verstanden hatte oder es ihnen egal war.

(Fortsetzung folgt)

Kritik war ein Machtkonzept 2 #kopernikus #galilei #reformation

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Galilei hatte schon als Student gelernt, der aristotelischen Tradition der Gelehrsamkeit mit Skepsis zu begegnen. Diese Skepsis war seit der späten Renaissance bereits verbreitet. Diese Skepsis fand sich zwar schon bei Kopernikus, allerdings war seine Skepsis nicht gegen die Tradition gerichtet, sondern war noch in ihr eingebettet. Kopernikus fand eine unglaubliche Komplexität astronomischer Schriften vor, die sich im Laufe von 1.000 Jahren und mehr angehäuft hatte, Schriften, die immer von der Annahme ausgingen, dass die Erde in sich ruhte und der Mittelpunkt des Universums war, eine Annahme, deren Gegenteil bereits bei Claudius Ptolemäus erwogen, aber aufgrund ihrer mangelnden Erklärbarkeit verworfen wurde.
Entsprechend mussten alle Himmelsbeobachtungen, sofern sie überhaupt angestellt wurden, mit der Annahme der Geozentrik vereinbart werden, was dazu führte, dass die Astronomen ganz willkürliche, widerlogische, völlig verzerrte Hypothesen zur Rettung dieser Phänomene erfanden, woraus sich immer mehr Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten ergaben, die wiederum nach dem selben Verfahren rettungsbedürftige Schlussfolgerungen nach sich zogen. Jede Gelehrtengeneration hatte dazu beigetragen, das ptolemäische Weltbild durch hypothetisch-geometrische Spekulation immer komplizierter zu gestalten.

Kopernikus konnte damit nicht einverstanden sein, und zwar aufgrund einer Annahme, die sich selbst aus der Tradition ergab. Kopernikus war von einer neuplatonischen Vorstellung inspiriert, derzufolge Gott die Welt harmonisch geschaffen habe. Die Ergebnisse des Studiums der überlieferten astronomischen Schriften konnte aber mit dieser Annahme nicht vereinbart werden. Und da nun Gott sich nicht irren kann, musste das „Menschenwerk“, also das Schrifttum, die kanonisierte Literatur überprüft und revidiert werden. Für Kopernikus war dieses Vorhaben aber selbst wenig spektakulär und zwar deshalb, weil er genau die gleichen methodischen Verfahrensweise seiner Vorgänger übernahm, nämlich: die hypothetische Spekulation zur Rettung der Phänomene. Für Kopernikus kam die Frage auf, ob nicht die Welt viel einfacher und harmonischer verstehbar wäre, wenn man das Weltbild umkehrt und annimmt, dass sich die Erde und die Planeten um die Sonne drehten. Im modernen Sinne hatte er dafür keine Beweise und Beweise hätten ihn auch gar nicht interessiert. Schon gar nicht hätte er Himmelsbeobachtungen angestellt, weil solche Beobachtungen aufgrund des mangelnden Vertrauens in Menschenvermögen gar nicht aussagekräftig waren. Es war allein die hypothetisch-geometrische Spekulation, die keinerlei Wahrheitsreferenz behauptete. Und insofern war die sog. kopernikanisch Wende völlig unverdächtig, weil normal und gewöhnlich.

Aus diesem Grunde war die Schrift „De Revolutionibus Orbium Coelestium“ (Über die Umschwünge der himmlischen Kreise) zum Zeitpunkt der Veröffentlichung völlig bedeutungslos und verstaubte etwa hundert Jahre lang in den Bücherkisten. Zwar wurden darüber vereinzelt Meinungen geäußert, aber im ganzen zuckte man mit den Schultern, weil es sich um eine gewöhnliche mathematisch-astronomische Spekulation handelte.

Wichtig ist, dass es Kopernikus niemals eingefallen wäre, sich gegen die Tradition nach Maßgabe eines eigenen Menschenvermögens zu wenden. Kopernikus war ein konventioneller mittelalterlicher Gelehrte, der kein Vertrauen in sein kritisches Menschenvermögen ausgebildet hatte. Für ihn galt selbstverständlich die Wahrheit der Tradition, aber diese Wahrheit schloss nicht die Spekulation aus, sondern ließ sie jederzeit zu. Und nur von dieser Möglicheit hatte Kopernikus Gebrauch gemacht. Zwar waren die Ergebnisse beachtlich, aber wenig brisant, was auch daran lag, dass gleichzeitig eine ganz andere brisante Angelegenheit auffiel. Dabei handelte es sich um die Reformation. Und übrigens: für Martin Luther könnte man etwas ähnliches argumentieren, dass nämlich auch er ein mittelalterlicher Gelehrte war, dessen Bemühungen darin bestanden, den Päpsten Verrrat an eben dieser Tradition vorzuwerfen. Ein wichtiger Grund für diesen hahnebüchenen Diskussionen der Reformationszeit bestand auch darin, dass schon proto-moderne Verfahrensweisen erprobt wurden („Diskurse“), ohne dass dafür ausreichende Bedingungen empirisch feststellbar waren. Die Menschen litten unter beständigen Minderwertigkeitsempfindungen, weil sie noch nicht lernen konnten, ihrem Menschenvermögen zu vertrauen. Dieses Vertrauen wurde erst seit dem entwickelt.

Wie auch immer: als Galilei später von der kopernikanischen Schrift Kenntnis bekam, hatten sich die Verhältnisse schon geändert, aber niemand hatte das bemerkt.

Fortsetzung