Differentia

Tag: Fukushima

Die Theodizee der Technologie

Die Theodizee der christlichen Theologie ist ein von der Soziologie vernachlässigtes, aber durch die moderne Gesellschaft nicht vollständig verschwundenes Problem. Das Theodizeeproblem behandelt die Frage der göttlichen Gerechtigkeit, die durch die Beobachtung des Bösen entsteht und die Frage aufwirft, wie das Böse in die Welt kommt, obwohl sie doch durch einen gütigen Gott geschaffen wurde. Dieses Problem ist so alt wie die christliche Theologie selbst und hat immer wieder Phasen einer intensiven Behandlung erlebt, die sich durch unterschiedliche Problembetrachtungen und Lösungsvermutungen auszeichneten. Einer der letzten Lösungsvorschläge, welcher in einer sehr langen und komplizierten Kette von Wiederbelebungen durch die immergleiche Ergebnislosigkeit steht, besagt, dass Gott mit Erschaffung der Welt auch den freien Willen und damit die Möglichkeit erschaffen hat, dass sich Menschen auch gegen Gott und damit gegen das Gute entscheiden können. Das Böse wäre damit eine Menschentat, wodurch aber zugleich zugestanden werden müsste, dass Gott nicht allmächtig ist und damit nicht die Welt erschaffen haben könnte.
Daran sieht man, dass dieser wie jede andere Vorschlag irgendwann in den Regress einer Paradoxie mündet, welcher nur dadurch beendet werden kann, dass eine andere Unterscheidung die Attraktvität des Problems rettet. Und wenn eine solche nicht mehr aufgefunden wird, scheint der Attraktor zu zerfallen. Tatsächlich verschwindet das Problem aber nicht einfach, sondern es sucht sich ein anderes Beobachtungsfeld, oder wird durch Modifikation eines Beobachtungsfeldes entlang anderer Differenzen strukturell aufgehoben. Aufgehoben heißt hier tatsächlich: konserviert und für die Nachwelt unter veränderten Bedingungen wieder der Bearbeitung zur Verfügung gestellt.
In dieser Hinsicht könnte man vermuten, dass das theologische Theodizeeproblem ersetzt wurde durch die Frage nach der Ethik einer Technologie, welche bei einer Analyse eine nicht ganz identische, aber auch nicht gänzlich verschiedene Problemsituation erkennen lässt. Ganz allgemein könnte man das Problemfeld einer Theodizee der modernen Technologie so beschreiben:
Technik zeichnet sich dadurch aus, dass sie weder gut noch böse ist. Allein durch den menschlichen Willen kann sie für gute oder böse Zwecke verwendet werden. Entsprechend kann Technik niemals versagen; es versagt allein der Mensch. Menschliches Versagen trägt allein die Verantwortung für das Leid, welches durch Technik zustande kommt, sei das Versagen ein moralisches oder ein nur ein unangepasstes Denken und Verhalten gegenüber den logischen und widerspruchsfreien Möglichkeiten, die sich aus der Verwendung von Technik notwendig ergeben. Daraus resultiert die Vermutung, dass alle Defizite, die infolge des Technikgebrauchs entstehen, auf eine aussichtsreiche Zukunft verlegt werden können, in welcher Menschen durch den Gebrauch von Technik einen Selbstverbesserungsprozess durchlaufen haben werden und entsprechende Effekte es ihnen schließlich ermöglichen, mit Technik sachgerecht und verantwortlich umzugehen.
Es ist gar nicht abwegig, wenn man behaupten möchte, dass damit gleichsam ein modernes Glaubensbekenntnis formuliert wäre, dass dem ehemaligen Glauben an einen allmächtigen und gütigen Gott in nichts nachsteht; wenn auch wie gesagt die Bedingung für die Akzeptanz eines solchen Bekenntnisses kontingent sind.
Prüft man nun dieses so formulierte Glaubensbekenntis, so dürfte es kaum überraschen, wenn man feststellt, dass man sich damit wie weiland die Theologie in unentwirrbare Widersprüche verwickelt. Und die Frage darf gestellt werden, woher diese Widersprüche kommen, wenn man sie nicht einfach tautologisch auf eine mangelnde menschliche Vernunft zurechnen kann, die einen Selbsterfahrungsprozess des richtigen Technikgebrauchs noch nicht abgeschlossen hat.
Zunächst schon die Annahme, dass Technik weder gut noch böse ist, zeigt an, dass die Reise in den Widersinn nicht aufzuhalten ist, wird doch diese Annahme flankiert durch die Annahme, dass Technik von Menschen ersonnen wird. Das heißt folglich, dass sie entweder nicht zweckgerichtet ersonnen würde, sondern irgendwie rein zufällig durch Menschen zustande kommt, was gewiss niemand akzeptieren würde. Oder Technik entsteht zweckgerichtet durch Menschen, dann sind Zwecke immer schon im Spiel noch bevor Technik entwickelte wurde. Dann aber kann man nicht mehr behaupten, der Ge- oder Missbrauch von Technik entstünde erst nachträglich und ohne moralische Implikationen. Wenn aber moralische Implikationen schon immer im Spiel sind, dann kann man nicht einfach behaupten, Technik sei weder gut noch böse, weil sie stets unter Berücksichtigung moralischer Implikationen entwickelt werden kann. Wer das leugnet, leugnet zugleich jeden Rationalitätscharater der Techniker, weil Technik dann niemals zweckgerichtet durch Menschen entwickelbar wäre. Man könnte aber dagegen halten und sagen, dass die Entwicklung von Technik zwar von Zwecken bedingt ist, aber niemals von moralischen; ausgerechnet im technischen Erfindungsakt durch Menschen, die ja sonst immer irgendwie moralisch motiviert sind, seien Menschen niemals moralisch bewegt, weil sich aus der Betrachtung von Gleichungen und Formeln niemals irgendwelche moralischen Variablen ableiten ließen. Die Mathematik kennt keine Moral und damit auch nicht der Mathematiker, der ja auch die Mathematik erfindet. Das wiederum hätte zur Folge, dass man für Erfinder und Mathematiker eine Sonderanthropologie formulieren müsste, derzufolge Mathematiker mehrfach gespaltene Idenitäten sind, deren Urgrund irgendwie mit der Natur eines mathematischen Menschen vermittelt wäre und sich von der Natur anderer Menschen unterscheiden würde. Ein mathematischer Mensch wäre gleichsam ein Hybridwesen, das sich aus einer mathematischen Humanidentiät und einer moralischen Humanidentiät zusammen setzen würde; ein Unterschied, der von Mathematikern in absolut jedem Moment vollständig beherrscht werden kann.
Nun, man braucht diesen Gedanken nicht weiter zu führen um sagen zu können, dass all dies, insbesondere, wenn man von groben Abwegigkeiten absieht, wohl kaum in widerspruchsfreie Überlegungen überführt werden kann. Allerdings wäre der nächste Versuch, der gewiss jederzeit möglich bleibt, eben dies zu versuchen, ein Indikator für die Attraktivität des Problems, das seine zugrundeliegenden Prämissen nicht fallen lassen kann, welche lauten: Technik wird erstens von Menschen erfunden und zweitens ist sie nichts Moralisches.
Unter Berücksichtigung dieser Beobachtung erscheint dann das alte Theodizeeproblem gar nicht mehr als so abwegig wie ein angeblich aufgeklärter Beobachter meinen möchte.
Ein alteuropäischer Theologe hätte sich niemals durch das Argument belehren lassen können, dass es weder einen gütigen Gott gibt, noch, dass derselbe die Welt nicht erschaffen hätte. Zwar lassen alle Paradoxien, die sich aus dem Theodizeeproblem ergeben, kaum einen anderen Schluss zu als den, die Herkunft des Poblems auf etwas anderes zuzurechnen als auf die Attributierbarkeit und Wirksamkeit eines Gottes; allein, woher hätte die Theologie einen plausiblen Ersatz nehmen können? Wie könnte man leugnen, was man annehmen muss, um die Realität einer Welt zu verstehen, die sich durch solche Unterschiede auszeichnet, die durch genau diese Unterschiede entsteht? Wir haben es also mit der folgenreichen Wirkmächtigkeit von Beobachtungssystemen zu tun, die ihre Unterscheidungen anhand ihrer Unterscheidungen überprüfen und sich notwendig, um der beständigen Paradoxierung der Argumentation zu entgehen, auf Glaubensbekenntisse als Ausgangs- und Endpunkt aller Argumentation stützen müssen. Ähliches auch für ein modernes System der Technologie anzunehmen würde man mit der gleichen Selbstverständlichkeit zurück weisen, mit der man ehedem einen Atheismus zurück gewiesen hat.
Der Selbstbeschreibung nach besteht eine jede Technologie nicht in Glaubenswahrheiten, sondern in einer Mathematik aller möglichen Überprüfbarkeiten. Alles Übel, Defizitäre, alle Schäden und Traumatisierungen kommen der Selbstbeschreibung nach von woanders her. Aber der Hinweis auf die logische Unhaltbarkeit aller anderweitigen Zurechnungen wird von einem Technologiesystem auf zweierlei Weise zurück gewiesen. Nämlich erstens als Leugnung (und der variierten Wiederholung der gleichen Argumente) und zweitens als Kritik. Denn auch alle Technikkritik besteht aus Operationen innerhalb eines technologischen Systems, welche prinzipiell nichts anderes tut als alles Defizitäre auf eine systeminterne Umwelt zuzurechnen. Technikkritik ist nur die andere und sich genauso selbst legitimierende Seite einer Unterscheidungsroutine, die Hoffnungen wie Ängste an den Technikgebrauch knüpft und alle Erwartungen und Enttäuschungen auf menschengemachte und menschengewollte Wirklichkeit zurechnet.
Aller Irrtum und alles Versagen ist dementsprechend immer nur Irrtum und Veragen einer Umwelt: Menschen, Erdschollen, Wetter. Aber weder die Technik, wenn sie richtig gebraucht, noch die Moral, wenn sie richtig verstanden wurde, könnten scheitern. Ein Beobachter, will er etwas anderes vermuten, muss aber immer sich selbst beobachten und alle Umweltdifferenzen vernachlässigen, weil diese nur Verwirrung stiften, ohne sich zugleich in die Dauerparadoxie zu verwickeln, die durch die Beobachtung von Unterscheidungen entsteht, die sich mit ihren eigenen Unterscheidungen beobachtet. Obendrein kommt noch die Schwierigkeit hinzu, solches zu leisten, je aufdringlicher und gefährlicher die Beobachtungsdefizite sind, die durch diese Beobachtung entstehen.
Das Glaubenbekenntis ist dann aber etwas, an dem man sich schadlos halten kann, wenn die Gefahr und die sie bedingende Überstressung nach einfachen und schnellen Auswegmöglichkeiten sucht.
Und die Annahme, dass solche Überstressung nur durch eine Hochtechnologie möglich wird, die apokalyptische Abgründe aufreisst und nicht mit der frührer Zeiten vergleichbar wäre, ist nur ein sehr geringfügiges Ausweichmanöver, das man sich leisten kann ohne sich darüber zu wundern.

Tantalosqualen – Die Paradoxie ist die Gefahr #Kernschmelze

Auch den Tantalos sah ich, mit schweren Qualen belastet.
Mitten im Teiche stand er, den Kinn von der Welle bespület,
Lechzte hinab vor Durst, und konnte zum Trinken nicht kommen.
Denn so oft sich der Greis hinbückte, die Zunge zu kühlen;
Schwand das versiegende Wasser hinweg, und rings um die Füße
Zeigte sich schwarzer Sand, getrocknet vom feindlichen Dämon.
Fruchtbare Bäume neigten um seine Scheitel die Zweige,
Voll balsamischer Birnen, Granaten und grüner Oliven,
Oder voll süßer Feigen und rötlichgesprenkelter Äpfel.
Aber sobald sich der Greis aufreckte, der Früchte zu pflücken;
Wirbelte plötzlich der Sturm sie empor zu den schattigen Wolken.
(Aus der Odyssee (11. Gesang, 582–592), nach Johann Heinrich Voß)

Das Versprechen der Atomenergie besteht darin, kostengünstig große Mengen Strom zu produzieren und damit dem Energiebedarf einer Wachstumswirtschaft eine beinahe nie versiegende Quelle zur Verfügung zu stellen. In Japan haben wir es gerade mit der Paradoxie zu tun, dass ein GAU in einem Atomkraftwerk durch Stromausfall passiert ist. Da sitzen Techniker auf einem riesigen Energiepotenzial, dessen Nutzen darin bestehen sollte, sehr schnell, sehr viel Strom zu produzieren und sehen sich nun damit konfrontiert, dass durch einen Stromausfall und durch die Nichtbeschaffung geeigneter Ersatztechnik, der Nutzen diese Energiepotenzials sich als unglaubliche Gefährdung heraus stellt. Der schlimmste aller Fälle. In einem Stromkraftwerk, in dem man auf alle Eventualitäten vorbereitet sein muss, entsteht das größte Problem dann, wenn der Strom ausfällt. Neben allen sonstigen Vorbehalten und Einwänden, die man gegen die Atomwirtschaft vorbringen kann, zeigt sich in dieser Paradoxie das größte Gefährdungspotenzial: dass man nämlich immer Strom braucht, um ein Stromkraftwerk gefahrlos betreiben zu können heißt, dass man ihn durch andere Kraftwerke, die keine solche Gefahren bergen, erzeugen muss. Die Kontrolle der Gefahr kann nur durch eine gefahrlose Stromquelle bewerkstelligt werden. Und das Verhängnis muss seinen Lauf nehmen, wenn geglaubt werden konnte, die Radioaktivität sei die zu beherschende Gefahr. Diese Paradoxie beschreibt aber den blinden Fleck, auf welchen aufmerksam zu machen übrigens auch Atomkraftgegner versäumt haben. Und man könnte vermuten, dass solche Hinweise ohnehin als unsachlich beiseite geschoben worden wären.
Wir haben es praktisch mit der Situation des Tantalos zu tun, einer Figur aus der griechischen Mythologie. Die oben angeführten Stelle aus Homer beschreibt die Situation eines Hilfsbedürftigen, dessen Qualen darin bestehen, dass er etwas Unerreichbares in einer Notlage beständig nahe vor sich sieht.