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Tag: Freiheit

Einschließung und Inhaftierung. Warum es #Stalking gibt 2

zurück / Fortsetzung: Eine, wenn auch keine vollständige, so doch weiterführende Erklärung könnte mit der Überlegung beginnen, dass der Grund in den spezifischen gesellschaftlichen Voraussetzungen liegt, durch die dieses Stalking gelingt. Stalking gelingt nicht, weil der Täter etwas vor hat, sondern weil es berechtigterweise nichts oder kaum etwas gibt, das ihn an irgendwas hindern könnte; etwas, das man nicht oder nur sehr, sehr schwer herstellen kann, wenn man meint, das Problem schon zu kennen; eine Schwierigkeit, die wegfallen würde, könnte man erkennen, dass das Problem selbst etwas schwieriger zu verstehen ist.
Die gesellschaftlichen Voraussetzungen bestehen nämlich selbst in Hindernissen und Blockaden vielfältiger Art, die sich in der modernen Lebensführung darin bemerkbar machen, dass die Menschen, um an Gesellschaft und den Freiheiten, die sie ermöglicht, teilnehmen zu können, beinahe überall eingeschlossen und inhaftiert sein müssen. Diese Hindernisse und Blockaden nenne ich etwas abstrakter: Vermeidungsstrukuren der Beobachtbarkeit von Gesellschaft, die eingerichtet sein müssen, damit Gesellschaft handelnde Subjekte beobachten kann, denen es nur aufgrund dieser Vermeidungsstrukturen gelingt, miteinander relativ sicher, gefahrlos und gewaltfrei in Kontakt zu treten und Gesellschaft zu erleben. Die Soziologie nennt das Inklusion.

Einen Stalker fasse ich in dieser Hinsicht auf als einen tüchtigen soziologischen Feldforscher, dessen Arbeit darin besteht, diese Vermeidungsstrukturen aufzudecken, indem er die Wege ihrer sozial organisierten und legitimierten Umgehung wiederum blockiert, wodurch sie sich gleichsam entzünden, was bedeutet, dass der Stalker mit seinem Handeln gerade diese Einschließung und Inhaftierung aufdeckt, sie bemerkbar und sichtbar macht und damit Erfolg haben kann und immer einen relativ guten Erfolg haben wird, solange auf diese Aufdeckung sozial mit fortgesetzten Versuchen reagiert wird, diese Aufdeckungsleistung wiederum zu vertuschen, zu unterdrücken, abzuwehren, also sie wiederum zu verdecken, wenn also versucht wird, etwas dagegen zu machen, wenn versucht wird, diese Stalking-Kommunikation zu vermeiden.
Man übersieht in diesem Fall nämlich, dass auch der Stalker in sozialer Einschließung und Inhaftierung lebt und liefert ihm damit die Möglichkeit, die Vermeidungsstrukuren zu seinem Vorteil zu nutzen. Wenn man aber auf Abwehr verzichtet, kann man feststellen, dass dann Einschließung und Inhaftierung für den Stalker ein sehr viel größerer Nachteil sind als es zunächst den Anschein hat.

Die Einschließung und Inhaftierung zeigt sich durch das Leben in unzugänglichen Wohnungen, Büros oder Werkstätten, die nur Vertraute, Mitglieder, Mitarbeiter oder sonstige Berechtigte betreten dürfen. Sie zeigt sich durch die Trennung von Haushalt und Unternehmung, durch Einschließungsmilieus (Foucault) vielerlei Art wie z.B Kitas, Schulen, Krankenhäuser, Pflegeheimen, Geschäfte, Banken, Behörden und alle anderen Einrichtungen, die im Falle ihrer Zuständigkeit aufgesucht werden dürfen und verlassen werden müssen, sobald ein Aufenthaltrecht oder -notwendigkeit erlischt.
Neben zahlreichen explizit rechtlicht geregelten oder auch nur der gesellschaftlichen Gewohnheit und Konvention entspringenden Vermeidungsstrukturen ergibt sich Einschließung und Inhaftierung auch durch eine Vielzahl an Versorgungsnetzen, die gebraucht werden, um diese Vermeidungsstrukuren wieder zu umgehen. Dazu zählen Straßen, Parkplätze, Bahnhöfe, Bushaltestellen, Strom-, Wasser-, Kanal- und Telefonnetz, Müllabfuhr, nicht zu vergessen der Zahlungsverkehr, die Post und andere Empfangsvorrichtungen für massenmediale Angebote.
Dass diese Netze Einschließung und Inhaftierung bewirken, stellt man im Katastrophenfall ganz leicht fest. Zum Beispiel, wenn die Müllarbeiter streiken. wohin mit dem Müll? Zum Beispiel bei Stromausfall im Winter, wenn es abends dunkel ist. Plötzlich geht nichts mehr, man kann nichts machen, weil für alle anderen der Strom ebenfalls ausgefallen ist. Oder wenn man sich in einer fremden Gegend aufhält und einem das Portemonnaie und Telefon mit allem was dazu gehört abhanden kommt. In solchen Fällen liegt man wie ein Käfer auf dem Rücken. Niemand hat ein Schloß verriegelt, aber man erlebt plötzlich die Gefangenschaft der Vermeidungsstrukuren der Gesellschaft. Das handelnde und autonome Subjekt, das sich gerade noch von seinem besonderen Leistungsvermögen beeindrucken lassen konnte, steht nun da und erfährt aufdringlich, was Gesellschaft ist: ein unwahrscheinliches Zufallsprodukt der sozialen Selbstorganisation. Es darf nach wie vor glauben, wünschen und fordern, andere mögen nun dafür zuständig sein, die Katastrophe abzuwenden, wenn denn diese Forderung überhaupt wen erreicht. Aber es gilt, dass diese Vermeidungsstrukuren für alle anderen genauso funktionieren: wenn alles gut läuft, dann ist alles gut. Wenn nicht, dann nicht.
Der Unterschied von Einschließung und Inhaftierung zur Form der Gefangenschaft im Gefängnis ist der, dass Gefängnisgefangenschaft einerseits in der Form der Einschließung und Inhaftierung selbst eingeschlossen ist, diese Art der Einschließung und Inhaftierung aber anderseits Handlungsfreiheit ausschließt. Gefängnisgefangenschaft ist nur der Ausnahmefall des Normalfalls von Einschließung und Inhaftierung. Der Normalfall  schließt Handlungsfreiheit genauso ein, wie er alles einschließt, das zur Bewältigung des Alltags von Bedeutung ist. Das ist wichtig, wenn es darum geht, einen Stalker zu verstehen.

Fortsetzung

 

Einschließung und Inhaftierung. Warum es #Stalking gibt 1

Warum gibt es Stalking? Die Frage könnte man denkbar einfach beantworten: übel gesinnte Mitbürger, vielleicht auch psychisch ungesunde Teilnehmer der Gesellschaft, lassen sich auf eine nähere Beziehung zu anderen Mitbürgern und Teilnehmern des gesellschaftlichen Miteinanders, für welche die Annahme einer üblen Gesinnung oder psychopathologischen Deformierung nicht gilt, ein, verwickeln sich in unauflösbare Beziehungsprobleme, können dann aufgrund ihrer psychischen Disposition das Ende der Beziehung nicht akzeptieren und betreiben hartnäckige Nachstellungen, von denen man weiß, dass dies für die davon Betroffenen zu einer erheblichen Einschränkung ihres gewöhnlichen Alltagslebens führt, weshalb solche Konflikte mit dem Mittel der Strafgesetzgebung vernünftig geregelt werden sollten, damit man sie juristisch leicht bereinigen kann.

Dieses Stalking, seine so erklärte Herkunft und bevorzugte Behandlung, fügt sich ein in die bekannte gesellschaftliche Praxis ihrer Selbstbeschreibung, demzufolge Subjekte sich durch ihr Handeln in Kommunikation verstricken, die dann, wenn sich ganz unerfreuliche Entwicklungen ergeben, versuchen, sich durch Handlung daraus zu befreien und welche schließlich, wenn sie merken, dass dies gar nicht so einfach gelingt, nach einer übergeordneten Gewaltinstanz rufen, die selbverständlich Partei für die unschuldigen und wehrlosen Opfer ergreifen soll. Und wird festgestellt, dass dies auch nicht so einfach ist, werden Berater aller Art ausgesucht, Rechtsanwälte, Ärzte, Sozialarbeiter oder Freunde, die für viel oder wenig Geld Betroffenheit spenden oder eine Art von Hilfe anbieten, deren Ergebnis meistens nur darin besteht, dass das alles auch nicht ausreicht, dieses Stalking und seine üblen Folgen aus der Welt zu schaffen. Flankiert wird das ganze durch massenmediale Berichterstattung, deren Hauptmerkmal darin besteht, den Opfern Betroffenheit zu bekunden und den Tätern defizitäre Charaktereigenschaften zuzuschreiben.

Auch das ist keine geeignete Lösung für das Problem. Aber egal. Auf diese Weise kann jedenfalls glaubhaft werden, dass mindestens das Problem schon bekannt sei: der Täter stellt es her und das Opfer erleidet es. Wenn auch sonst alles sehr kompliziert ist, ausgerechnet für die Erklärung der Herkunft des Problems gilt das nicht, weshalb man logisch an die Lösung die gleichen Erwartungen richten könnte: es soll alles ganz einfach sein! Dass alle Erfahrung eigentlich dafür spricht, dass, wenn die Lösung nicht leicht zu finden, dann auch das Problem vielleicht ein anderes ist, kann deshalb nicht so leicht akzeptabel sein, weil diese Erfahrung nicht so leicht akzeptabel ist. Der Simplikativ ist der Normalfall der Gesellschaft.

Versuchen wir also eine andere, durchaus kompliziertere Erklärung für die Herkunft des Problems, die vielleicht die Möglichkeit eröffnet, dass das Problem leichter zu lösen ist als es zunächst scheint.

Fortsetzung

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