Differentia

Tag: Erratik

Paranoische Textinterpretation

In einem Artikel der NZZ wird über die Suche nach Phantomen in antiken Texten berichtet:

Ist in Vergils «Aeneis» die Signatur ihres Autors versteckt?
Seit geraumer Zeit ist die Suche nach versteckten Botschaften in antiken Texten zur Spielwiese entdeckungsfreudiger Philologen geworden, insbesondere hat die Suche nach Akrosticha, also nach sinnvollen Folgen von Anfangsbuchstaben in Verstexten, zu einer umfangreichen Fachliteratur mit teilweise kuriosen Methoden geführt, aber die Ausbeute ist trotz jahrzehntelangem Gelehrtenfleiss und immer komplizierteren Lesesystemen mager geblieben – und ebenso die Plausibilität der vermeintlichen Ergebnisse.

Die Diskreditierung psycho-somatischer Techniken

Im Verhältnis zu psychischen Systemen hängen alle Kommunikationsmedien davon ab, daß Selektionsmotive nicht kurzschlüssig allein im psychischen System gebildet werden, sondern auf dem Umweg über soziale Kommunikation zustandekommen (wie immer sie dann zur Annahme oder zur Ablehnung von Selektionsofferten disponieren). Diese Umwegigkeit der Motivbildung versteht sich bei anspruchsvolleren Übertragungsleistungen nicht mehr von selbst, sondern muß durch strategisch placierte Selbstbefriedigungsverbote unterstützt werden: In hochentwickelten Medien-Codes finden sich daher immer auch Symbole mit dieser Funktion: Verbote der direkt-gewaltsamen Zielverfolgung und Rechtsdurchsetzung; Diskreditierung jeder Selbstbefriedigung in Fragen der Sexualität und der Liebe; Abwertung und Benachteiligung ökonomischer Askese und Selbstgenügsamkeit; schließlich methodische Eliminierung aller rein subjektiven Evidenzen, introspektiv gewonnener Sicherheiten, unmittelbarer Wissensquellen (Kant 1796). Was dabei an psycho-somatischen Techniken mitdiskreditiert worden und unentwickelt geblieben ist, läßt sich schwer abschätzen. Die kulturelle Dominanz der Medien-Funktion hat Wissen und Überlieferungen in diesen Richtungen verkrüppeln lassen.

Luhmann, Niklas. (1974) : Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien, in: Soziologische Aufklärung (2005),  Band 2,  S.142-276.

Diese Stelle bezieht sich auf eine spezifische Organisation von Fremdreferenz moderner Sozialverhältnisse, die über Einziehung einer zweiten Beobachtungsebene die Vermeidung von Selbstreferenz garantieren, ausgedrückt mit dem Begriff der Vermeidungssstrukturen. Im Zitat bezieht sich das auf die Abschaffung der Rache, bzw. auf die Trennung von Recht und Gerechtigkeit, auf das Verbot von Masturbation und Geringschätzung von Eigenbrötlerei und auf das, was ich paranoisches Beobachten nennen würde:  „schließlich methodische Eliminierung aller rein subjektiven Evidenzen, introspektiv gewonnener Sicherheiten, unmittelbarer Wissensquellen …“

Was ich vermuten möchte ist, dass diese Diskreditierung nicht mehr durchhaltbar ist, weil die Form der Organisation von Fremdreferenz durch ihre Trivialisierung längst schon wieder in ein Medium zerfallen ist und Selbstreferenz nun nicht nur nicht mehr vermieden werden kann, sondern im Gegenteil sogar zur expressiven Stabilitätsbedingung hoch unwahrscheinlicher Anschlussmöglichkeiten wird.

@friiyo – das meinte ich als ich in Frankfurt davon gesprochen hatte, dass du als Journalist angefangen hast, dir selbst einen Leserbrief zu schreiben. Dein Einwand war berechtigt: der Folgenreichtum ist im individuellen Fall sehr gering. Wen interessiert dein Leserbrief an dich sebst? Aber: was wäre, wenn solche Fälle normal werden, wenn niemand mehr so einfach darauf verzichten kann, das eigene Zutun zum Gelingen der Kommuniktion unter anderen Voraussetzungen noch einmal zu thematisieren?

Und die dafür notwendigen Erfahrungsbedingungen werden mit diesen trivialen Internet-Diskussionen eingeübt.