Differentia

Tag: Erkenntnis

Es geht nicht ohne, dass etwas kaputt geht

Wunschträume gehen nicht in Erfüllung; und Auswege gibt es nicht. Die Einsicht, dass das Leben grundlos erscheint, kommt für den modernen Menschen einer traumatischen Erfahrung gleich. Es gibt kein dahinter und kein davor, nichts Erreichbares, das nicht schon erreicht wäre; und nichts Unerreichbares, das unerreicht bliebe. Es ist dem Menschen immer alles schon bekannt, und zugleich muss er einsehen lernen, dass es noch eine unbesetze Stelle geben muss, die den Unterschied macht. Wie ist Unbekanntheit möglich? Wie kommt Nichtwissen zustande? Wie entsteht der Unterschied? Der moderne Mensch musste sich stets dazu aufgefordert fühlen, die Allmacht der Welt innerhalb seiner leicht verletzlichen Grenzen zu erforschen und musste – gegen alle irdischen Chancen – einsehen lernen, dass die Welt immer größer sei als er selbst. Heißt das nicht, dass er selbst auch immer größer sein könnte als er es sich vorstellen kann, ja darf? Da das Wissen um die Größe der Welt selbst nur eine weitere Unheimlichkeit ist, die auf einen Unterschied verweist. Wie? Dass er zur Allmächtigkeit fähig wäre? […] So ergibt sich für den modernen Menschen ein ganz großes Verbot: du darfst nicht für möglich halten, was man für möglich halten kann. Dieses Verbot ist seit Kant der Preis für alle Vernunft […] Und es stellt sich die skeptische Überlegung ein, dass sie nur zu retten wäre, wenn man Bereitschaft mitbringt, sie bedingungslos und grundlos fallen zu lassen.  Erst dann dürfte gelten: Du hast nur eine Chance, die du zweimal nutzen kannst.
Emil Volkers: Freiheit ohne Bekenntnis. Drei Essays. 3. Aufl. Frankfurt/M, London, Paris 1978, S. 45, 48 u. 51

Arthur Schopenhauer: Wille und Erkenntnis

Je mehr wir des Objekts uns bewußt sind, desto weniger des Subjekts: je mehr hingegen dieses das Bewußtseyn einnimmt, desto schwächer und unvollkommener ist unsere Anschauung der Außenwelt. Der zur reinen Objektivität der Anschauung erforderte Zustand hat theils bleibende Bedingungen, in der Vollkommenheit des Gehirns und der seiner Thätigkeit günstigen physiologischen Beschaffenheit überhaupt; theils vorübergehende, sofern derselbe begünstigt wird durch … Diese naturgemäßen Beförderungsmittel der cerebralen Nerventhätigkeit sind es vorzüglich, welche, freilich um so besser, je entwickelter und energischer überhaupt das Gehirn ist, bewirken, daß immer mehr das Objekt sich vom Subjekt ablöst, und endlich jenen Zustand der reinen Objektivität der Anschauung herbeiführen, welcher von selbst den Willen aus dem Bewußtseyn eliminirt und in welchem alle Dinge mit erhöhter Klarheit und Deutlichkeit vor uns stehn; so daß wir beinah bloß von ihnen wissen, und fast gar nicht von uns; also unser ganzes Bewußtseyn fast nichts weiter ist, als das Medium, dadurch das angeschaute Objekt in die Welt als Vorstellung eintritt. Zum reinen willenlosen Erkennen kommt es also, indem das Bewußtseyn anderer Dinge sich so hoch potenzirt, daß das Bewußtseyn vom eigenen Selbst verschwindet. Denn nur dann faßt man die Welt rein objektiv auf, wann man nicht mehr weiß, daß man dazu gehört; und alle Dinge stellen sich um so schöner dar, je mehr man sich bloß ihrer und je weniger man sich seiner selbst bewußt ist. – Da nun alles Leiden aus dem Willen, der das eigentliche Selbst ausmacht, hervorgeht; so ist, mit dem Zurücktreten dieser Seite des Bewußtseyns, zugleich alle Möglichkeit des Leidens aufgehoben, wodurch der Zustand der reinen Objektivität der Anschauung ein durchaus beglückender wird … Sobald hingegen das Bewußtseyn des eigenen Selbst, also die Subjektivität, d.i. der Wille, wieder das Uebergewicht erhält, tritt auch ein demselben angemessener Grad von Unbehagen oder Unruhe ein: von Unbehagen, sofern die Leiblichkeit (der Organismus, welcher an sich Wille ist) wieder fühlbar wird; von Unruhe, sofern der Wille, auf geistigem Wege, durch Wünsche, Affekte, Leidenschaften, Sorgen, das Bewußtseyn wieder erfüllt. Denn überall ist der Wille, als das Princip der Subjektivität, der Gegensatz, ja, Antagonist der Erkenntniß…

Arthur Schopenhauer: Vom reinen Subjekt des Erkennens. In: Die Welt als Wille und Vorstellung. Zürcher Ausgabe. Werke in zehn Bänden. Band 4, Zürich 1977, S. 436.