Differentia

Tag: Epistemologie

Epistemologische Erschöpfung 3

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Irgendein unbekannter Google-Troll hatte vor nicht allzu langer Zeit geschrieben:

Metascherze sind Zeichen epistemologischer Verzweiflung.

Ich glaube eher, dass der Ausdruck „Metascherz“ ein Zeichen für epistemologische Erschöpfung ist, weil er auf Ideenarmut verweist. Man nimmt ein Wort, das semantisch so uneindeutig ist, dass gerade durch diesen Unterschied innerhalb eines imposanten Kontextes der Eindruck entsteht, es könnte damit etwas Genaueres bezeichnet worden sein, über dessen Bedeutung sofort Unklarheit und in der Folge weiterer Informationsbedarf  entsteht. Und sobald die kritische Diskussion anläuft verhärtet sich diese Ideenarmut zum allgemeinen Ankerpunkt des Diskurses, so dass man vermuten kann, dass etwas Bestimmtes gemeint sein könnte allein deshalb, weil jeder diese Kontingenzformel benutzt.

Eine solche Diskursstrategie erkennt besonders an der Verwendung von Anglizismen. Sie bedeuten in dem meisten Fällen nicht viel und nur darum kann man sie bedeutungsvoll verwenden, weil sie auf einen Unterschied aufmerksam machen, dessen Relevanz sich nur durch seine inflationäre Verwendung ergibt, sobald informationsbedürftige Anschlussfindungen verbreitet werden.  Alle reden dann darüber, und dann ist es relevant, wie semantisch arm diese Verschiebung auch immer sein mag.

Beispiel: die „post-privacy- Diskussion. Es geht um nichts anderes als um ein Thema, das seit 150 Jahren scheitert. Aber wenn man einen Anglizismus wählt, kann man auf einen Unterschied aufmerksam machen und dann darf die Diskussion noch einmal scheitern, weil sie auf diese Weise noch nicht gescheitert ist. Dazu zählt ganz allgemein die Verwendung von Prä- und Suffixen oder die Erfindung von „Ismen“ aller Art.  Auf die Diskussion über die Frage was Privatheit ist, was aus ihr wird, wie ihr Verhältnis zu anderen Seinsbereichen bestellt ist, folgt bei indifferentem Ergebnis eine post-privacy-Diskussion, auf die eine trans-privacy-Diskussion folgt. Und bald wird dann von einer neo-privacy die Rede sein dürfen oder von einer meta- oder mega-privacy. Diese Vermutung ist gar nicht so abwegig, wenn man darauf achtet, dass inzwischen sogar von einer Mega-Öffentlichkeit geredet werden kann.

Diese Diskussionen können nur funktionieren, weil sie selbst so etwas wie „Metascherze“ darstellen, um das Scheitern der Diskussionen aushalten zu können; weil sie also Absurditäten dadurch unterdrücken, dass sie ungeniert und ungehindert geäußert und verbreitet werden.

Epistemologische Erschöpfung 2

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Der amerikanische Evolutionsbiologie Gerald Crabtree hat in dem wissenschaftlichen Fachaufsatz „Our fragile intellect“ die These aufgestellt und begründet, dass „der Mensch“ – wer oder was immer das ist – im Laufe der Evolution seine intellektuellen Fähigkeiten einbüßt. Angeblich, so die These, habe der Mensch, dieses seltsame anthropogene Phantom (Bezeichnung von mir) seinen intellektuellen Höhepunkt längst überschritten und steuere dem Verfall entgegen, der entsteht, weil durch die soziale Entwicklung der Selektionsdruck zur Auslese besserer intelligenter Eigenschaften nachlasse.

Bei Spiegel-Online wird diese Angelegenheit folgendermaßen kommentiert: „Crabtree stellt in dem Aufsatz die These auf, dass die Menschen bereits vor Jahrtausenden ihren intellektuellen Zenit erreicht hatten. Mit der Entwicklung eines sesshaften Lebensstils und verbesserten Überlebensbedingungen ging es langsam bergab. Denn seitdem konnten sich Mutationen im Erbgut ansammeln, die den Intellekt beeinträchtigen. Es ist eine steile These; der Forscher von der Stanford University stellt auch klar, dass er möglicherweise total falsch liegt.“
Und – am Schluss des Artikel heißt es ganz hübsch: „Selbst wenn die genetische Basis für den Intellekt des Einzelnen erstaunlich anfällig sei, so sei das intellektuelle Fundament der Gesellschaft stabil, schreibt deshalb auch der Wissenschaftler. Schließlich macht dies es heute möglich, solche Thesen überhaupt aufzustellen, zu veröffentlichen und sie mit passenden Experimenten zu überprüfen.“

Es handelt sich also um die nächste Variante des Lügner-Paradoxons: Wie beurteilt man die Aussage eines Menschen, der sagt, dass alle Menschen Dummköpfe sind?

Erstaunlich ist, dass dieser erkenntnistheoretische Selbstbezug gar nicht zu der Einsicht führt, dass diese Evolutionsbiologie längst am Rad dreht, sondern, im Gegenteil: sie fängt einfach an, auf der Basis ihrer Forschungsdaten, gewonnen aus Spekulationen über das menschliche Erbgut, etwas zu beurteilen, dass auf der Basis eben dieser Daten gar nicht mehr beurteilbar ist, hier: das intellektuelle Fundament der Gesellschaft. Denn wollte man behaupten, dass das Erbgut irgendwie verdorben wäre, dann kann doch daraus nicht der Schluss gezogen werden, dass das intellektuelle Fundament der Gesellschaft stabil geblieben sei. Wie kann man das wissen, wenn man das Erbgut beurteilt? (Nur, weil ich feststelle, dass es hier regnet, kann ich daraus nicht den Schluss ziehen, dass woanders die Sonne scheint. Ich könnte zwar wissen, dass woanders die Sonne scheint, aber nicht deshalb, weil sie es hier nicht tut.)
Wenn man das aber wissen kann, dann nicht durch Beurteilung des Erbguts. Aber woher kommen die wissenschaftlich verlässlichen Daten, die Auskunft darüber geben, dass das intellektuelle Fundament der Gesellschaft stabil ist?

Die Antwort könnte lauten: die Biologie hat darüber keine wissenschaftlich verlässlichen Daten. Diese Behauptung ist daher reine biologische Astrologie, wie auch die gegenteilige Behauptung. Da aber diese Einsicht ausgeschlossen ist, weil sie zeigen könnte, dass diese Art der Evolutionsbiologie unwissenschaftlich ist, rettet die Biologie ihre Wissenschaftlichkeit dadurch, dass sie die Möglichkeit des Irrtums einräumt und für die Erforschung der Quelle des Irrtums möglicherweise einfach weiteren Forschungsbedarf behauptet, der sich dann gleichwohl wieder um das Erbgut kümmern muss.

Drei Dinge sind auf jeden Fall erreicht: Verlängerung der Publikationsliste, eine kritische Diskussion und ein Grund, um den nächsten Antrag für die Bereitstellung weitere Forschungsmittel zu stellen.