Differentia

Tag: Entropie

Das #Jodeldiplom der Wissenschaft

Ich möchte vermuten, dass der Finanzdruck, der in den Universitäten auf die Wissenschaft ausgeübt wird, eine notwendige Rosskur ist, die gebraucht wird, um die Wissenschaften von ihren selbst gemachten Zwängen zu befreien. Selbstgemacht sind ihre Zwänge, da es nicht an Mitteln der aufgeklärten Verstandesfähigkeit und des Mutes fehlt, sich ihrer zu bedienen. Es fehlt auch nicht an Intelligenz und Geduld; es gibt keinen Mangel an kritischer Humankompetenz und keine Defizite eines allgemeinen Vertrauens in Menschenvermögen (erkennen, wissen, handeln). Es gibt auch keinen Mangel an Moral, Fleiß, Engagement, Integrität, Kreativität und was immer sonst noch für alle Wissensproduktion unverzichtbar ist.

Der strukturelle Mangel der Wissenschaft besteht darin, dass sie keinen Mangel mehr kennt, erkennbar daran, dass von der Wissenschaft Mangelfiktionen (P. Sloterdijk) inflationär hergestellt werden können. Es gibt in der Wissenschaft einen Überfluss an Mangelfiktionen, ein gigantisches Ausmaß an wissbarem Nichtwissen, das jeden Tag unverdrossen vergrößert wird, empirisch feststellbar an dem unüberschaubaren Output von Texten aller Art, von welchem niemand mehr treffsicher sagen kann, was das Wissenschaftliche oder Nichtwissenschaftliche an diesen Texten ist, weil nämlich diese Frage mit jeder Publikation immer schon beantwortet ist. Wissenschaftlichkeit ist für die Wissenschaft, ähnlich wie Kunst für die Kunst oder Geld für die Banken, inkommunikabel geworden, weil alles Entscheidende in dieser Hinsicht immer schon entschieden ist. Kunst ist alles, was ein Künstler macht, Geld ist alles, was eine Bank macht, Wissenschaft ist alles, was ein Wissenschaftler macht. Wissenschaftlichkeit hat sich in Entropie aufgelöst. (Und nebenbei: Auch Reputation ist keineswegs zum Hauptcode der Wissenschaft geworden.)

Das Problem, für das die moderne Wissenschaft Lösungen produziert hat, ist infolge der Ausdifferenzierung von Lösungen verschwunden und übrig gelieben sind die Strukturen des routinierten Umgangs mit diesen Lösungen. Diese Lösungen sind die Menge aller Verfahren, Methoden, Institutionen, Regelwerke, Vorschriften, Standardisierungen, Verhaltensweisen, Gebräuche, geschriebene und nicht geschriebene Ordnungen, kurz: Dispositive (M. Foucault), welche nur noch ein Hindernis kennen, nämlich eines, das mit keiner bekannten Wissenschaft, mit keiner erprobten Methode, mit keiner finanzierbaren Forschung aus dem Weg geräumt werden kann, nämlich die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft.

Was ist passiert? Es ist passiert, dass die Wissenschaft auf dem erfolgreichen Weg ihrer Ausdifferenzierung die Erfahrungsbedingungen geändert hat durch die sie fortsetzbar ist oder eben auch nicht. Sie hat sich der Katastrophe ihrer eigenen Entropie ausgesetzt und kann jetzt nur noch eines tun, nämlich Kontrollzwänge der Organisation verwalten und zwar mit ihren eigenen, selbst produzierten Lösungen, welche ich, wenn auch polemisch, aber nicht unzutreffenderweise als Jodeldiplome (Loriot) bezeichne. Denn, bei aller Kompetenz, die man freilich jedem Wissenschaftler ganz pauschal zuschreiben kann, kann ein jeder eigentlich nur das, was jeder andere auch kann: den Betrieb fortsetzen ohne dabei an die Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaft überhaupt denken zu müssen, weil diese Frage nämlich abgeschafft wurde. Dies ist ablesbar an der  Selbstbeschreibung, die sich als „Freiheit der Wissenschaft“ ausgibt und welche das legitime Recht darstellt, dieser Frage aus dem Wege zu gehen, sie nicht beantworten zu müssen und zwar deshalb, weil man sie als immer schon beantwortet auffassen darf.

Und da eine Belehrung darüber, dass sich darin ein Irrtum verbirgt, nicht kommunikabel ist, bleibt nur die finanzielle Deprimierung als letztes und vorerst einziges Mittel, um auf diesen Irrtum aufmerksam zu machen. Ob es sich bei um das beste Mittel handelt, mag man gern bezweifeln, aber um solche Zweifel zu formulieren reicht die Kompetenz des Jodeldiploms jederzeit aus.

Die Anfälligkeit für #Entropie und der Verbleib der Unschuldsunterstellung

Noch ein Zusatz und Nachtrag zur Diskussion im SozBlog zu der Frage einer Schuld/Unschuld-Differenz in Sachen Interkommunikation.

Die Internetkommunikation allgemein ist auf eine enorme Vermehrung von Entropie angelegt. Das konnte bereits in der Anfangszeit der populären Akzeptanz des Internets bemerkt werden als diese Mailinglisten betrieben wurden und fällt verstärkt im sog. Web 2.0 auf.

Von keiner Stelle aus lässt sich eine eindeutige Zuordnung von Kommunikationen auf Adressen feststellen, weil niemand Mehrfachbeteiligung verhindern oder ausschließen kann; und die Kommunikationen selbst können die Möglichkeit einer solchen Mehrfachbeteiligung gar nicht ignorieren, sondern müssen im Gegenteil diese Möglichkeitstatsache beinahe notwendig unter Beobachtung stellen und selektiv behandeln. Das heißt: es ist unter diesen Bedingungen auch eine soziale Funktion der Kommunikation diese Trollerei zu betreiben um feststellen zu können, dass niemand etwas dagegen machen und, dass diese Tr0llerei niemand herstellen kann, weil die Bedingungen für die Anschlussfindung enorm voraussetzungsreich und höchst unwahrscheinlich sind.

Jede Adresse, die an einem „many-to-many“- Verbreitungsverfahren beteiligt ist, kann jederzeit unter den Verdacht gestellt werden, mehrfach pseudonym beteiligt zu sein. Jeder Versuch, dies zu leugnen, also Eigenexklusivität durch Leugnung dieses Sachverhaltes zu behaupten, bestätigt nur den Verdacht des Gegenteils. Wer Pseudonymität unter der Bedingung der Anonymität nicht mitreflektiert, wer auf der Behauptung beharren will und sie auf dem Wege eines „many-to-many“- Verbreitungsverfahren bekannt gibt, authentisch, ehrlich, moralisch und lediglich individuell an der Kommunikation beteiligt zu sein, macht gerade auf die Möglichkeit des Gegenteils aufmerksam, die aus diesem Grunde die Kommunikation weiter befeuern kann, indem Verdächtigungen die Runde machen. Diese Verdächtigungen haben keine andere Ursache als die ihrer faktischen Kommunikablität und können jede Adresse infizieren, auch die Adressen derjenigen, die sich für ehrlich ausgeben, authentisch, anständig, unschuldig, kompetent, moralisch integer oder souverän. Jede Adresse kann unter den Verdacht geraten, mehrfach beteiligt zu sein. Diese Verdacht ist jedoch nur kommunikativ relevant und unter diesen Umständen auch wahrscheinlich und muss sich viral durchsetzen, um die soziale Funktion der Interkommunikation erkennbar zu machen.

Die soziale Funktion ist gerade das vollständige Zerreißen solcher Illusionen von Identität, Authentizität, Originalität, Individualität und Moralität. Letztere vor allem wird gerade durch die Anonymität sicher gestellt. Und dem Maße, wie dieses Zerreißen und Zerrütten  Immunreaktionen gegen die Kommunikaiton hervoruft, eskaliert Trollkommunikation, die insbesondere dann, wenn die Ergebnisse nicht mehr sehr geschmackvoll sind, die Frage nach der Schuld aufkommen lassen, ohne, dass auf diese Weise die Verhältnisse geklärt werden könnten. Es geht ja nicht mehr, weil die Kommunikation durch Freigabe aller so entstehenden Möglichkeiten schon alle relevanten Tatsachen geschaffen hat.

Wie könnte man darauf reagieren? Mein Vorschlag lautet, indem provokativ behauptet wird, niemand könne unschuldig sein oder bleiben, also auch nicht derjenige, der diesen Vorschlag macht. Denn es kann ja sein, dass derjenige, der diesen Vorschlag bringt, auch mehrfach beteiligt ist. Welche Konsequenz könnte daraus gezogen werden, wenn jeder Beteiligte den Verdacht der Mehrfachbeteiligung auf sich selbst bezieht, statt ihn zu leugnen? Wenn von jeder Adressen zugegeben würde, dass Mehrfachbeteiligung für jede Adresse möglich ist! Die Antwort könnte lauten: man findet niemanden mehr, der schuldig ist!
Aber eben dies geschieht nicht, also das, was als Möglichkeitstatsache selbst schon eine Tatsachenmöglichkeit geworden ist, wird für den Fortgang der Kommunikation selektiv ignoriert.

So kann man anschließend beobachten, wie darauf reagiert wird, wer und warum diese Möglichkeit ablehnt, also den virulenten Selbstverdacht durch Ignorieren verstärkt und wer stattdessen anfängt über Motive von Menschen nachzudenken, wenn ums trollen geht, statt den Informationsverlust selbst zu reflektieren.

So könnte eine soziale Funktion des Internets die Entropievermehrung sein, um auf diesem Wege das Problem der Beobachtung der Kommunikation durch Kommunikation ihrer Beobachtung kommunizierbar zu machen.