Differentia

Tag: Enigmatische Spiele

Das enigmatische Spiel der Wissenschaft 2

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Eines der bis heute wirksamsten enigmatischen Spiele der Wissenschaft ist das Problem der Intelligenz. Intelligenz wird seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrundert als das wichtigste Merkmal menschliche Kompetenz betrachtet. Seit dieser Zeit, also etwa mit den Forschungen von Alfred Binet, der angeblich den ersten Intelligenztest entwickelt hat (1), wird dieses Problem in der Forschung differenziert. Die größten Anstrengungen richten sich dabei immer noch auf die Frage nach dem „Was“ der Intelligenz und auf die Frage ihrer Meßbarkeit.
Wer sich einen groben Überblick darüber verschaffen möchte, mag sich die Gliederung des entsprechenden Wikipedia-Artikels anschauen. Allein die Länge, die Unterteilung in 14 Gliederungsabschnitte und die Systematisierung in bis zu 4 Gliederungsebenen gibt schon deshalb einen beachtlichen Eindruck davon, da man ja gerade für einen Lexikonartikel davon ausgehen muss, dass er die Komplexität schon sehr reduziert hat. Das heißt, dass der ganze Diskurs um die Frage nach dem „Was“ der Intelligenz und ihrer Meßbarkeit noch mal um ein Vielfaches größer sein muss, größer jedenfalls als durch eine beliebige Dokumentation dargestellt werden kann.

Daraus folgt folgt die Einsicht, dass einerseits über Intelligenz sehr viel gewusst wird, aber andererseits nichts, das einen Forscher davon abhalten könnten, die Frage nach der Intelligenz noch einmal zu stellen. Im Gegenteil. Der Output an Forschungsergebnissen steigt unvermindert an. Und durch die Fortschritte in der Computertechnologie, was den Anstieg der Rechnerleistung angeht, durch die bessere Erschließbarkeit einer Quanität an Datensätzen und durch die Ausdehung der Forschung auf beinahe alle Wissenschaftsgebiete dürfte die Quelle für dieses enigmatische Spiel nicht so schnell versiegen.

Intelligenz als Forschungsproblem bleibt also relevant und zwar erstens, weil darüber viel gewusst wird und zweitens, weil nicht gewusst wird wie diese Ratespiel zuende geführt werden könnte. Die Forschung ist größtenteils damit beschäftigt, dieses Nichtwissen zu rechtfertigen, was ihr offensichtlich spielend gelingt. Der Output geht weiter.

Das deutet darauf hin, dass gerade die epistemologische Ratlosigkeit hinsichtlich dieses Problems die Forschung gar nicht behindert, sondern befeuert. Die epistemololgische Ratlosigkeit ergibt sich daraus, dass man das Problem der besseren Meßbarkeit von Intelligenz dadurch lösen könnte, dass man einen Test auf seine Selbstreferenzfähigkeit testet. Man könnte sagen: wenn die Annahme lautet, dass es kompetente Menschen sind, die die Forschung betreiben, also auch die Erforschung der Intelligenz, und Kompetenz sich aus Intelligenz ergibt, dann ist derjenige Intelligenztest der beste, der von seinen eigenen Erfindern bestanden wird. Man könnte sagen: nur die intelligentesten Forscher können auch den intelligentesten Intelligenztest konzipieren. Sollte sich aber heraus stellen, dass andere Forscher, die die Aussagefähigkeit eines bestimmten Intelligenztestes bestreiten, aufgrund dieses Inteliggenztestes als intelligenter erscheinen als diejenigen, die seine bessere Aussagefähigkeit betonen, dann kann dieser Intelligenztest nicht der beste sein.

So müsste jeder Intelligenztest auf seiner Erfinder angewendet werden und darf prinzipiell nicht konsquenzenlos bleiben, wenn sich herausstellt, dass die Erfinder aufgrund ihres eigenen Inteligenztests nicht ausreichend intelligent sind.

Ein Konzept dieser Art ist für die Forschung nicht akzeptabel. Epistemologisch kann das Forschungsproblem nicht gelöst werden, auch dann nicht, wenn ein epistemologisches Konzept empirisch überprüfbare Ergenisse erzielen könnte, und zwar deshalb, weil es auch in diesem Fall keine widerspruchsfreien Antworten geben kann.

Fortsetzung

(1) Funke, Joachim unnd Bianca Vaterrodt-Plünnecke: Was ist Intelligenz? München 1998, S. 18.

Das enigmatische Spiel der Wissenschaft 1

Die Wissenschaftsgeschichte kann sehr viel darüber berichten, zu welchen Zeitpunkten oder in welchem Zeiträumen und an welchen Orten, zu welchen Anlässen bestimmte Probleme aufgetaucht sind, wer diejenigen waren, die sich damit beschäftigt hatten, mit welchen Methoden sie versucht haben, diese Probleme zu erforschen und zu welchen Ergebnisse sie dabei gekommen sind.
Der allergrößte Teil aller Wissenschaftsgeschichtsschreibung begnügt sich damit, historische Differenzierungen hinsichtlich des „Was“ der Probleme und ihre Abfolge, der Methoden und der Ergebnisse zu liefern. Dazu gehören auch differenzierte Ausführungen hinsichtlich der jeweiligen Personen und Zuordnungen von Ideen, Ansätzen, Theorien und manchmal, leider viel zu selten, werden auch Sackgassen der Forschung thematisiert.
Das bekannteste Beispiel ist der Begriff des „Äthers“ in der Pyhsik (1). Dabei handelte es sich um die Annahme einer Substanz, die als Medium dafür sorgte, dass sich Licht ausbreiten konnte. Liest man diesen Wikipedia-Artikel zu diesem Thema so bekommt man eine Vorstellung davon, welche Klimmzüge eine Wissenschaft machen muss und offensichtlich auch machen kann, bevor erkannt wird, dass sie sich auf einen Holzweg eingelassen hat. Leider werden dann aber, sobald entsprechende Irrtümer erkannt werden, diese Dinge in der Rumpelkammer der Wissenschaftsgeschichte verstaut, gleich so, als gehörten die Irrwege, Umwege und hartnäckigen Blockademaßnahmen zur Rettung von Hypothesen gar nicht zum Geschäft. Skeptisch betrachtet könnte man sich aber gar nicht vorstellen, wie Wissenschaft zustande kommen könnte, wenn sie nicht irgendwelche enigmatischen Spiele anfinge. Dass damit anfangen wird, ist bekannt, aber nur selten wird erforscht und berichtet, warum und zu welchem Zeitpunkten bestimmte Probleme auftauchen und relevant werden oder eben auch an Relevanz verlieren.

Eines dieser enigmatischen Spiele, das seine Relevanz, wenigstens in der Wissenschaft eingebüßt hat, aber als ideologisches Residuum bis heute diskutierbar bleibt, ist die Physiognomie. Irgendwann im 18. Jahrhundert tauchte die Frage auf, ob zur Verbesserung der Menschenkenntnis die äußere Erscheinung von Menschen Auskunft darüber geben könnte, mit wem man es zu tun hat und auf welche Fähigkeiten der Anblick von Menschen schließen lasse.
Die Wissenschaftgeschichte kann enorm viele Einzelheiten über das „Was“ dieses Diskurses ermitteln, nur selten aber wird erklärt wie und warum dieses Problem entstand ist und warum nicht schon vorher. Die Geschichtsschreibung erklärt meist immer nur das „Was“ des Problems, aber nicht das „Problem des Problems“, hier in dem Fall: warum wurde der Anblick von Menschen etwa ab dem 18. Jahrhundert problematisiert, wenn doch eigentlich nichts so normal ist wie der Anblick von Menschen? Und warum wurde das Problem des Problems bis in den Rassismus geführt bis man erkennen konnte, dass das alles unhaltbar ist und das, obwohl die Einwände gegen die Physiognomie zu gleicher Zeit entstanden sind wie sie selbst.
Eine Wissenschaftsgeschichtsschreibung hat es immer noch sehr schwer solche Fragen zu beantworten, solange sie sich, wenn auch inzwischen auf hohem Niveau differenziert, auf eine positivistische Quellenkritik festlegt. Denn eine positivistische Quellenkritik verlangt ja, die Selbstauskunft der Quellen zu studieren und nicht die Gründe dafür, diese Quellen überhaupt zu erschließen. Denn die Gründe verweisen ihrerseits auf Probleme von Problemen, über die die Wissenschaft selbst aufgrund ihrer eigenen Normalitätserfahrung nur selten gut informiert ist. Die Wissenschaft beschreibt sich selbst als normal, als selbstverständlich, als irgendwie „natürlich“. Und über die Grenze solcher Unterscheidungen hinweg erkennt sie dann, wie seltsam und kurios, wie abwegig und bizarr ihre Geschichte ist.

Würde man die Betrachtungweise umkehren, würde man also annehmen, dass Wissenschaft selbst das kuriose Phänomen ist, so kann man sich über die Vielzahl der Abwegigkeiten gar nicht mehr wundern. Und vielleicht könnte man ohne Übertreibung sogar behaupten, dass die Wissenschaft selbst ein enigmatisches Spiel ist.

Fortsetzung

(1) Reiner Ruffing: Kleines Lexikon wissenschaftlicher Irrtümer. Gütersloh 2011, Stichwort Äther S. 29–31