Differentia

Tag: empirische Forschung

Podcasts: Radio ohne Professionalitäts-Magie 6

zurück / Fortsetzung: Die Gegenstände der empirischen Forschung sind Menschen, Nutzer, Leser, Hörer oder Konsumenten, die verstreut im Raum massenmediale Kommunikationsangebote nutzen, indem sie eine Zeitung aufschlagen oder das Radio einschalten. Nirgendwo sind die Nutzer organisiert – sie sind die Masse des Mediums1, eine wabernde, inhomogene, mehr oder weniger chaotisch strukturierte Masse, die angeblich, damit die Gesellschaft etwas Genaueres darüber wissen kann, auf das Beobachtungsschema einer empirischen Forschung angewiesen ist, für die das selbe nicht gilt. Die Selbstbeschreibung empirischer Forschung besagt, dass Forscher ziel- und hypothesengeleitet Texte rezipieren und daran ihre Handlungen ausrichten, dass sie Erkenntnisinteressen haben, dass sie ihre Ergebnisse methodischen Kontrollverfahren unterziehen und sich in der Organisation der Universität der Kritik aussetzen. Wissenschaftler können angeblich etwas, dass jedes andere Individuum in der Masse nicht in gleicher Weise leisten kann. Die Masse handelt bedürfnisorientiert, die Wissenschaft handelt aufgrund von Selbstbeauftragung erkenntnisorientiert.
So wird zwar Selbstreferenz und damit die Beobachtung der Wissenschaft durch die Wissenschaft in der Selbstbeauftragung zugestanden, aber die Forschung muss sofort dafür sorgen, dass diese Selbstauftragung in Namen von etwas anderem geschieht, um damit der Selbstreferenz zu entkommen.

Die damit verbundenen Schwierigkeiten sind der Forschung lange und beinahe vollständig bekannt, insbesondere auch in Hinsicht auf die Fraglichkeit und die Gebrechlichkeit all dieser Konzepte, was sie nicht daran hindert, nach dem Schema zu verfahren, nach welchem sie immer verfährt, weshalb es nicht wundert, dass auch das Phänomen des Podcasting genauso behandelt wird und das, obwohl spätestens jetzt die Bedingungen ganz andere sind als diejenigen, die sich dadurch ergeben, dass sich Sender und Empfänger für einander ausschalten.
Denn mit dem Internet schalten sie sich für einander ein, bzw. das Internet leistet eine Ausschaltung der Ausschaltung und sorgt für eine Selbstorganisation von Faszination für diese Art der Kommunikation, die auf der empirischen Ebene nicht zuerst Motive, Interessen, Absichten oder Mitteilungsbedürfnisse erkennbar macht.
Die empirische Forschung ignoriert das einfach, indem sie ein ganz banales, ja primitives Manöver vollzieht. Für sie wird die Nutzung des Internets nun selbst zum Bedürfnisproblem der Masse, die jetzt nicht nur Sendungen empfängt, sondern selber welche sendet, indem massenweise Podcasts hergestellt werden.
Dass der empirische Forscher nun aber auch zuerst das Internet einschaltet um zu recherchieren, um Fragebögen zu verteilen und um anschließend in entsprechenden Podcasts über die Ergebnisse seiner Forschung zu berichten, nennt er hinsichtlich seines eigenen Handelns immer noch erkenntnis- und nicht bedürfnisorientiertes Handeln wie das der Masse der Nutzer. Er, der empirische Forscher, gehört angeblich nicht dazu, obwohl er doch selbst zur Ausschaltung der Ausschaltung beiträgt.

Man erkennt das Geburtstrauma der Wissenschaft wieder: das Genie, das sich aus der wilden, undifferenzierten Masse heraus hebt, indem es für die Selbstbeschreibung seines Handelns eine andere Differenz wählt als für die Beschreibung seines Gegenstandes.
Woher kommt das? Die Antwort lautet wohl: die Organisation der Universität, die als Machtapparat eine Art Zivilisierungsleistung erbringt, indem sie die Masse aussperrt und die wenigen Verbleibenden mit Zumutungen der Bürokratie überzieht, erschafft auf diesem Wege einen Adel der Selbstgenügsamkeit, der freilich, nachdem die Universität selber in den Zustand ihrer Vermassung übergegangen ist, verschüttet, aber nicht grundsätzlich abgeschafft wurde und nicht abgeschafft werden konnte. Denn Organisationen und die mit ihnen sich entwickelnden Strukturen widersetzen sich hartnäckig jeder Selbstabschaffung oder Selbstauflösung und lassen sich nur durch äußeren Druck und nur durch einen enorm hohen äußeren Druck auf den gesellschaftlichen Lernprozess der schöpferischen Zerstörung ein.

Fortsetzung

1 Dazu Ausführlicher bei Bartz, Christina: MassenMedium Fernsehen. Die Semantik der Masse in der Medienbeschreibung. Bielefeld 2007.

 

Podcasts: Radio ohne Professionalitäts-Magie 5

https://twitter.com/kusanowsky/status/650778584215367680

zurück / Fortsetzung: Wenn sich Medienwissenschaftler oder irgendwelche Kommunikationsforscher selbst damit beauftragen würden, etwas über Podcasting wissen zu wollen, dann würden sie mehrheitlich eine ganz bekannte Routine abspulen: sie würden erst über Motive für Handlungen von Sendern um Empfängern spekulieren, würden über Habitualisierungskonzepte, über Nutzungsprofile, Aneignungsweisen und Interessen fantasieren und würden dann durch irgendwelche empirischen Erhebungsmethoden herausfinden wollen, ob und wie sie sich in ihren Spekulationen geirrt haben.
Das Interessante an dieser empirischen Forschung ist, dass die zugrunde liegende Theorie, egal zu welchen Ergebnissen irgendeine Studie kommt, immer verifiziert wird. Die Theorie besagt, kurzgefasst: durch Motive von Menschen kommt es zu Handlungen, durch Handlungen zu Kommunikation, durch Kommunikation kommt es zu Mustern des Verhaltens, kommt es zu Nutzungs- und Rezeptionsgewohnheiten, kommt es zu Risiken der Nutzung, kommt es zu Verwicklungen und Problemen, kommt es zu Informationssituationen, kommt es zu Absichten, die dann wieder auf handelnde Subjekte zurückwirken und Handlungen irgendwelcher Art hervorrufen.

Die Theorie empirischer Forschung, die durch keine empirische Forschung widerlegt werden kann, lautet: erkenntnisfähige Subjekte reichern durch Massenmedien ihr Wissen über die Welt an, was sie zu Handlungen bringt, die dann kritisiert werden können, wodurch entsprechende gesellschaftliche Lernprozesse geschehen.1
Zugegeben ist das eine sehr verkürzte Zusammenfassung der Theorie empirischer Forschung, aber auch eine längere und ausführlichere Betrachtung inklusive aller damit verbundenen Differenzierungen würde zu keinem anderen Ergebnis kommen. Jede Art von empirischer Forschung hat die einfache Möglichkeit, sich gegen die theoretischen Grundlagen ihrer Forschung indifferent zu verhalten, weil nämlich die Wissenschaft als Richterin in eigener Sache von sich selbst behaupten darf, die entscheidende Bedingung der Möglichkeit empirischen Wissens bereits geklärt zu haben; und wo sich dies empirisch nicht bestätigen lässt, wird einfach nur auf eine mangelnde Aufgeklärtheit der anderen als zu beseitigendes Defizit hingewiesen.

Da nun diese Art des Zeitvertreibs in letzten 50 Jahren fleißig eingeübt wurde, kann man voraus sehen, zu welcher theoretischen Neuerung diese Forschung kommen würde, wenn sie sich nun mit Podcasting beschäftigen wollte. Die Ergebnisse werden keine anderen sein als diejenigen, die man aus der empirischen Erforschung von Massenmedien bereits kennt. Denn egal, ob Zeitungen und Romane, ob Comics, Computerspiele oder ob Filme erforscht werden, die Ergebnisse sind, da die ersten und letzten Wahrheiten immer nur bestätigt werden, in ihren Grundzügen bekannt. Die erste Wahrheit lautet: handelnde Subjekte verursachen Kommunikation. Die letzte Wahrheit lautet: über die objektiven Ergebnisse subjektiven Handelns kann man berechtigterweise verschiedener Meinung sein. Mehr als das gibt es nicht zu wissen, alles andere ist die Sorge um Stellen, um Formulare, um Forschungsgelder, um Verlängerung von Publikationslisten und das Betreiben von Positionskämpfen im Machtapparat der Universität.
Das ist polemisch, mag sein, aber es gibt keinen Grund, sich darüber zu empören. Denn wenn ich feststelle, dass die empirische Forschung, egal ob die von Kommunikationswissenschaftlern, von Medienwissenschaftlern, von Pädagogen oder Soziologen schon seit geraumer Zeit im Wachkoma2 liegt, so ich sage ich nur etwas, das schon lange keine Sensation mehr ist und darum auch nicht mehr diskutiert werden kann. Denn auch die Kritik an dieser Forschung hat das Stadium des Wachkomas längst erreicht.

Deshalb möchte ich diese Kritik gar nicht vertiefen, sondern auf einen Punkt aufmerksam machen, der in der empirischen Forschung wenig beachtet wird und dort eigentlich auch nicht verstehbar gemacht werden kann.
Es geht dabei um Wissensproduktion, von welcher – soweit sie wissenschaftlich geschieht – bereits bekannt ist, dass sie durch Selbstbeauftragung der Wissenschaft entsteht und darum für sie nicht weiter irritabel ist, weil nämlich die Wissenschaft darin ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit und nicht selten ihren Stolz wiedererkennt: sie bestimmt eigenständig, welche Gegenstände der Forschung in Frage kommen und welche nicht.
Dass für den Gegenstand der Forschung etwas Ähnliches gelten mag, dass also auch der Gegenstand der Forschung in gesellschaftliche Zusammenhänge der Wissensproduktion eingebunden ist und ebenfalls selbstbeauftragend und damit selbstreferenziell operiert, kann die empirische Forschung aufgrund ihrer theoretischen Festlegung nicht erkennen. Für die Forschung ist das Individuum theoretisch auf Bedürfnisbefriedigung und auf mehr oder weniger ideosynkratische Aneignungsweisen festgelegt; das Individuum ist eine Nachfrageinstanz, deren Handlungskontingenz nur darin besteht, zwischen verschiedenen Angeboten zu wählen. Das Individuum handelt in der Masse angeblich bedürfnisorientiert, was für einen empirischen Forscher nicht gilt: der Forscher handelt erkenntnisorientiert, behauptet er und kann es behaupten, weil auch für ihn der Konsument, der dagegen Einspruch erheben könnte, in der Wissenschaft ausgeschaltet ist.

Diese Ausschaltung ist eine wichtige Bedingung dafür, dass auch die Wissenschaft ihre eigene Professionalitäts-Magie ausbilden kann.

Fortsetzung

1 Mandl, Heinz: Wissen und Handeln: Eine theoretische Standortbestimmung. In, ders. u.a. (Hg.): Bericht über den 40. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in München. Göttingen 1997, ab S. 8.

2 Wachkoma bezeichnet hier eine reaktionslose Wachheit, die man in sozialen Verhältnissen überall dort findet, wo die Folgen von Handlungen immer vorhersehbar sind. Zwar ereignen sich Reaktionen, aber man weiß schon, welche Reaktionen darauf folgen. Die Folge ist die Folgenlosigkeit der Kommunikation.