Differentia

Tag: Dokumentschema

Datenunsicherheit @christorpheus @professorbunsen

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Datenunsicherheit entsteht nicht erst dadurch, dass im Datenverkehr, bzw. beim Datentransfer irgendwer irgendwelche Regeln verletzt. Das ist ähnlich wie im Straßenverkehr. Die Unsicherheit entsteht schon, sobald man am Straßenverkehr teilnimmt, nicht erst, wenn man Verkehrsregeln ignoriert. Bereits die Teilnahme am Straßenverkehr stellt hinreichende Bedingungen her, die dafür sorgen, dass Unsicherheit entsteht. Wobei sich die Unsicherheit im Straßenverkehr vornehmlich durch die physikalischen Einwirkungen auf den leicht verletzbaren Körper ergibt, insbesondere dann, wenn die Wucht von Zusammenstößen durch den Körper nicht mehr aufgefangen werden kann.

Beim Datenverkehr kommt die Unsicherheit dadurch zustande, dass die Weiterverwendung von Daten oder Datensätzen nicht exklusiv funktioniert, gar nicht exklusiv gewährleistet ist und nicht gewährleistet werden kann. Solange das operative Substrat eines Datenverkehrs aber im Warentausch bestanden hatte, kann die Verfügung über bestimmte Objekte Exklusivität, bzw. die Information über Exklusivität, hinreichend sicher stellen. Damit wird zwar nicht die Exklusivität von Information generell sichergestellt, aber darauf kommt es unter dieser Bedingung auch gar nicht an. Es kommt unter Bedingungen eines Warenverkehrs nur darauf an, Haftbarmachung und Sanktionsrechte zu garantieren, wodurch sich normative Verfahrensregelungen ergeben.
Wer Waren unrechtmäßig produziert, bewegt oder darüber verfügt, kann nicht dauerhaft anonym bleiben, sondern macht sich ab einer bestimmten Schwelle der Wahrscheinlichkeit für andere auf einem Markt erreichbar und kann sich nicht der Haftbarmachung und Sanktion entziehen. Exkludierend wirkt nicht die Verbreitung von Information, sondern die Verfügung über das Warensubstrat der Information, das selbst nur eine Information ist. Und mit dieser spezifischen Exklusionsleistung wird zugleich ein theoretisches Verständnis, ein soziales Wissen exkludiert, das plausibel machen könnte, dass Unsicherheiten nicht durch Handlung, bzw. Handlungsintention entsteht. So kommt eine Weltsicht zustande, die besagt, dass Waren Informationen enthalten oder speichern, dass mit einem Warentransfer Informationen transferiert würden. Tatsächlich werden auf diese Weise nur bestimmte Informationen kommuniziert und zwar nur solche, die die Plausibilität der Auffassung garantieren, dass Informationen transferiert oder transportiert würden.  So kommt schließlich auch die Auffassung zustande, man könne mit Waren zugleich Wissen weiter geben, man könne Wissen haben, senden, empfangen, speichern, abrufen, löschen – all dies verplausiblisiert sich allein durch Strukturen der Verfügung über Waren und durch ihre rechtlich flankierte Exkludierungsfunktion zuzüglich aller sich daran anhängenden Verkomplizierungen, Ausnahmen und dergleichen. Tatsächlich erhärtet sich auf diese Weise nur ein Ausnahemfall zur strukturbildenden Regel. Weil und solange Warentausch als Regelbildungskonvention gelingt, gelingt es auch, einen Ausnahmefall zur Regel zu erheben.
Solange die Verwendung eines Warensubstrates diese Exklusionsleistung und damit zugleich Vermeidungsstrukturen anders gearteter Empirie garantiert (und sich diese Garantie funktional ausdifferenziert entwickelte) verhärtete sich eine bestimmte, nur auf diese Struktur angepasste soziale Organisation von Fremdreferenz, die ich als Dokumentform bezeichne, welche zugleich ein Schema für die Behandlung von Empirie liefert, das dafür sorgt, dass alle abweichende Erfahrung schwer oder gar nicht kommuniziert werden kann.

Was wäre nun aber, wenn das Warensubstrat für die Kommunikation von Information nicht mehr die Regel ist, sondern die Ausnahme? Was wäre, wenn nun offenbar, wenn aufgedeckt wird, was durch die funktional garantierte Vermeidungsstruktur des Warenverkehrs immer exkludiert wurde: Dass Information generell nicht exklusiv behandelt, nicht exklusiv kommuniziert werden kann? Dass Information jede Exklusivität unterläuft, weil Information nicht übergeben, abgerufen, gesendet, empfangen, gespeichert oder vernichtet werden kann. Information kann nicht exklusiv kommuniziert werden. In dem Augenblick, wo Kommunikation von Information nicht mehr notwendig ein Warensubstrat zur Regel hat, zeigt sich die entropiesteigernde Wirkung. Jetzt wird erkennbar, dass man über Information gar nicht verfügen kann. Jetzt wird erkennbar, was ehedem schon immer die Kommunikation angetrieben, was aber nicht in gleichem Maße theoretisch gefasst werden konnte, dass nämlich Verwirrung nicht der zu vermeidende Fall, sondern der unvermeidliche Normalfall ist. Solange das Regelschema sich aus der Behandlung der Dokumentform ergab, ergaben sich immer Differenzen der Rechtfertigungsfähigkeit von Verfügungsmöglichkeiten über diese Dokumente und ihrer Interpretation. Was aber, wenn durch Transaktionskosteneinsparung auf digitaler Operationsbasis keine Dokumente mehr gebraucht werden?

Jetzt dämmert ganz langsam der Normalfall, aber nur ganz langsam kann gelernt werden, auf den Normalfall normal zu reagieren, nämlich indem gelernt wird, dass die Verwirrung für die Kommunikation gar kein Problem, sondern eine Lösung ist. Gleichwohl können damit die funktional garantierten Vermeidungsstrukturen der Gesellschaft nicht mehr mit Ausschließlichkeit garantiert werden.

Aber dass muss ja auch nicht sein, es kann ja auch anders gehen. Da aber niemand so einfach sagen kann wie es geht – woher sollte jemand dies wissen? – bildet die Steigerung von Verwirrung, die Kontrolle der Urteilsbildung durch Verwirrung statt durch Zweifel, die provokative Form ordnender Differenzierung.

Google Street View – Zur Unterscheidung von Dokumentation und Simulation des Raumes 2

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Ein interessanter Einwand gegen die Vorbehalte, die Google Street View entgegengebracht werden, lautet: Es ändert sich durch Google nichts. Der öffentliche Raum wird fotografisch dokumentiert und öffentlich zugänglich gemacht. Der Einwand dagegen, dass durch Verknüpfung von Daten, also mit der Zusammenführung von Daten, die man verschiedenen Internetquellen entnehmen kann, Profile erzeugt werden, die sich dem Zugriff derjenigen entziehen, die so profiliert werden, wird gekontert mit dem Gegeneinwand, dass das entweder schon vorher möglich war oder  – alternativ, wo die schnelle Verfügbarkeit von Zusammenführungsmöglichkeiten als Unterschied ins Auge springt – es wird auf die Verantwortlichkeit jedes einzelnen für seine Daten verwiesen. Man wäre damit selber Schuld, wenn man Daten von sich preis gäbe, die sonst niemanden etwas angingen. Wollte man sich auf dieses Argument einlassen und deshalb darauf bestehen, die eigene Hausansicht kaschiert zu wissen, um relevante Daten nicht preiszugeben, kommt der Einwand retour, dass man seine Hausansicht ja ohnehin schon öffentlich zugänglich macht, man also durch digitale Kaschierung nur verhindere, was man analog nicht verhindern kann. Und so dürfte die Diskussion munter weiter gehen, indem legitime Selektionen mit anderen legitimen Selektionen konfrontiert und im Fortgang der Diskussion miteinander in der Weise verrechnet werden, dass ein Diskurs entsteht, der prinzipiell eine unentscheidbare Problemsituation erschafft. Alle Beteiligten tragen ihre Argumente mit großer Gewissheit vor, der Gesamteindruck aber zeugt von erheblicher Unischerheit und Ungewissheit. Woher kommt’s? Damit sind zwei Fragen gestellt.
Erstens: Woher kommt die Gewissheit aller Beteiligten, die darin besteht, mit ihren Argumenten punkten zu können? Wodurch werden die Beteiligten ermutigt, der Diskussion gewachsen zu sein? Und zweitens: Wie entsteht der Eindruck der Ungewissheit und Unklarheit darüber, was durch Google Street View und aller anderen zeitgleichen digitalen Erfindungen in naher Zukunft in Erscheinung treten wird?

 

Ermutigt wird die Diskussion – so die hier vertretene These, die ihrerseits darauf hin beobachtbar ist, auf Strukturen der Ermutigung angepasst zu sein – durch historisch angelieferte und strukturell distributierte Erfahrungsmomente, die sich auf kondensiertes Wissen um die Behandelbarkeit von Dokumenten aller Art beziehen: das, wovon man wissen kann, ist angeblich irgendwo festgehalten, abgespeichert und durch ein Referenzsystem, das den gleichen Reproduktionsbedingungen unterliegt, wiederauffindbar und beurteilbar. Das gilt für einen Zeitungsartikel genauso wie für ein Werbeplakat, für eine Fernsehsendung genauso wie für ein Schulzeugnis; für Wirtschaftsstatistiken, Kinofilme und Computerspiele, sogar für ein Gespräch unter Nachbarn, wenn daraus Zeugenaussagen für einen Gerichtsprozess abgeleitet werden könnten. Die Systeme haben durch entsprechende Kommunikationen gelernt, sich auf den dokumentarischen Charakter ihrer Realitätskonstruktionen zu verlassen. Entsprechend gilt als real, was real nachweisbar ist. Der Versuch, diese Art der Realitätsgewissheit durch prinzipielle Bezweifelung dieses Sachverhaltes zu unterlaufen – niemand könne angeblich sagen, was real ist – macht vom selbem Beobachtungsschema Gebrauch: Zu behaupten, nicht mehr sagen zu können, was real ist, wird dadurch genauso ermutigt wie das Gegenteil, weil für beide Positionen jederzeit genügend Dokumente durch Herbeiziehung erzeugt werden können, die sowohl die eine wie die andere Position verfizieren. Die Dokumentstruktur determiniert die Kommunikation. Und sofern die Kommunikation noch genügend Kapazitäten freigeben kann, um neue Dokumente herauszugeben und zu verbreiten, auch solche, in denen etwas ganz anderes behauptet wird – dass nämlich alle Kommunikation keinesfalls dokumentierbar sei – kann dieses Wechselspiel selbstimmunisierend immer weiter gehen.
Sofern nun die Erscheinungsformen, die das Internet hervorbringt, unter dem Dokumentschema betrachtet wird, sofern man also behaupten möchte, das Internet sei nur ein Massenmedium, das massenweise Dokumente verbreitet, kann man tatsächlich nicht gut erkennen, was denn eigentlich der Grund für all die Irritationen über Google ist, hat man doch mit Massenmedien lange Erfahrungen: Auf einem Bildschrim auf dem Schreibtisch ist nichts anderes zu sehen als die massenhaft verbreitete fotografische Komplettdokumentation des öffentlichen Raumes: die Simulation eines stehenden Bildes für einen stehenden, einen sich nicht bewegenden Betrachter, der sich durch dieses Bild virtuell hindurch bewegen kann.

Fortsetzung