Differentia

Tag: Diskriminierung

Geschlechtergerechte Sprache, eine Beschäftigung für Hamsterradbenutzer 2

was bisher geschah / Fortsetzung:

Die Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit ist ein Manöver in einem Konkurrenzspiel um Lebenschancen. Es gibt keinen Geschlechterkonflikt. Was passiert ist eine Konkurrenz um Lebenschancen, von welchen man einerseits weiß, dass sie ungleich verteilt sind, aber andererseits ergibt sich, dass sie immer nur ungleich verteilt werden können, weil die Sphäre des Sozialen – das ist die soziale Welt des gelingenden Miteinanders trotz aller Unterschiede – nur darum Gründe für ein Gelingen findet, weil sie Unterschiede benötigt, um Unterschiede sichtbar, kenntlich und verstehbar zu machen. Dazu gehören auch Geschlechterunterschiede.
Ansprüche an Gerechtigkeit, gleichviel zunächst, woran sich das Ungerechtigkeitsempfinden knüpfen mag, sind darum gar nicht dazu geeignet, die Ungleichheiten von Lebenschancen aus der Welt zu schaffen, sondern eignen sich bestens, um neue Lebensschancen zu eröffnen und um ihre Erfüllung auf die Probe zu stellen. Deshalb dürfen alle Ansprüche an Gerechtigkeit jederzeit geäußert werden, aber nur die wenigsten haben eine Aussicht darauf, Lebenschancen zu eröffnen.

Man denke zum Beispiel an einen Anspruch auf Gerechtigkeit in Sachen Schönheit, Intelligenz, Friedfertigkeit, Hilfsbereitschaft, Aggressivität oder Konformität. In jederlei Hinsicht wird man sehr viele Ungleichheiten verteilt finden, aber niemand wird so einfach plausibel machen, dass es eine Schönheitsgerechtigkeit geben sollte. Das liegt nicht daran, dass es keine Chance gibt, den Unterschied von Schönheit und Hässlichkeit genau zu bestimmen, denn das gelingt beim Unterschied von Männlichkeit und Weiblichkeit auch nur sehr schlecht. Vielmehr liegt das daran, dass der Unterschied von Schönheit und Hässlichkeit nur schwer sozial diskriminierungsfähig ist. Zwar gibt es für Schönheit und Hässlichkeit ikonographische Symbolisierungsstrategien, die Unterschiede erkennen lassen und die zugeordnet werden können, aber gesellschaftliche Diskriminierung, also Trennung und Abscheidung von Unterschieden verlangt immer auch Zusammenführung, Täuschung, Irrtum und Verwechselung, damit das Programm des Sichtbarmachens von Unterschieden und Zuordnung dieser Unterschiede für die Nutzung von Lebenschancen gelingen kann. Die Tatsache, dass die einen schön sind, könnte nur dann Lebenschancen eröffnen, wenn die Tatsache, dass andere hässlich sind, dazu führen würde, dass sie keine haben. Dass es solche Ordnungsweisen nicht gibt, hängt nicht mit fehlenden Definitionskritierien zusammen. Vielmehr ist es andersherum: weil es keine soziale Ordnung gibt, die Schönheit und Hässlichkeit diskriminiert, also trennt und zusammenführt, können keine Definitionskriterien gefunden und wiedererkennbar benutzt werden.

Um noch etwas bei diesem Beispiel zu bleiben: es gibt schöne Frauen, von denen man sagen kann, dass sie, weil sie schön sind, bessere Chancen haben, eine Karriere als Mannequin zu machen als Frauen, die weniger schön sind. Aber es ist kaum möglich, einen Mangel an Schönheitsgerechtigkeit so zu formulieren, dass daraus auch für diejenigen, die weniger schön sind, eine Chance entstünde, als Mannequin eine Karriere zu machen. Es gibt niemanden, den man auf diese Ungerechtigkeit ansprechen könnte. Das selbe gilt für eine Intelligenzgerechtigkeit. Die Tatsache, dass ich nicht so intelligent bin wie andere, qualifiziert mich nicht dazu, die gleichen Chancen wie die Intelligenteren anmelden zu können.

Man sieht, dass die Gründe für bessere Chancen weniger darauf zurück zu führen sind, dass die Schönen schön sind, sondern darauf, dass spezielle Berufskarrieren durch Märkte geordnet werden können, durch welche schöne Menschen zualler erst als solche erscheinen und von welchem man dann sagen kann: Man sieht doch, dass sie schön sind. – Gewiss: ist es gelungen Schönheit sichtbar zu machen, dann kann man sie auch sehen und zuordnen. Daraus wiederum ziehen viele junge Mädchen den Schluss, dass sie, weil sie schön sind, eine Karriere als Mannequin machen könnten, und dann feststellen, dass das meistens gar nicht geht. Andere junge Leute, die gut schreiben können, neigen zum selben Irrtum und meinen, sie könnten, weil sie gut schreiben können, eine Karriere als Literat machen. Stimmt aber nicht. Die Intelligenten sind nicht deshalb intelligent, nur weil sie intelligent, die Fleißigen sind nicht fleißig, nur weil sie fleißig und die Bösen sind nicht böse, nur weil sie böse sind. Die sichtbar gewordene Eigenschaft hat nicht sich selbst zur entscheidenden Voraussetzung ihrer sozialen Ordnungsfähigkeit.
Eine irgendwie erkennbare besondere Eigenschaft oder Fähigkeit oder jedes andere Merkmal ist noch nicht der entscheidende Grund dafür, dass Ordnung durch Diskriminierung gelingt. Sondern: erst durch Trennung, Täuschung, Irrtum, Zusammenführung und Verbindung, also erst durch Diskriminierung gelingt Ordnung, die dann erst Chancenmerkmale beobachtbar, erkennbar macht und die diese Merkmale dann auch ordnungsfähig macht. Gewiss muss man, will man Fußballspieler werden, eine entsprechende Begabung mitbringen. Aber nur, weil man eine solche hat, heißt das nicht, dass man auch Fußballspieler wird.

Beim Geschlechterunterschied funktioniert diese soziale Diskriminierungsfähigkeit jedoch sehr gut. Und zwar so gut, dass nicht wegen der Diskriminierung Lebenschancen verschlossen, sondern gerade wegen ihr eröffnet werden.

Fortsetzung

 

 

Hyperbolisierung: Die Diskriminierungsstrategie genderneutraler Sprache

An der Humboldt-Universität ist der Versuch auffällig geworden, sprachplanerisch diejenigen Unterschiede zu verwischen, zu verzerren oder zum Verschwinden zu bringen, die durch die Bemühung um diese Art der Sprachplanung aktualisiert und in Erinnerung gerufen werden. Dabei handelt es sich um sog. „feministisches Sprachhandeln“, durch das Geschlechterunterschiede auf dem Weg der Zerrüttung sprachlicher Konventionen wieder hergestellt werden. Geschlechterunterschiede werden auf diese Weise sozial reproduziert. Wie sollte es auch anders gehen? Unterschiede können nicht dadurch vermieden werden, dass sie kommunikativ zirkulieren.

Diese feministische Doktrin – in diesem Fall formuliert von Lann Hornscheidt – fällt dadurch auf, dass man leicht die Nerven verlieren möchte ob des Schwachsinns, der damit verbunden ist. Man muss sich das mal vorstellen: Die sprachliche Behandlung von wahrnehmbaren Unterschieden der Geschlechter soll durch andere Sprachkonventionen zerstört werden, weil mit der Versprachlichung solcher Wahrnehmungen angeblich irgendwelche Diskriminierungen verbunden seien, die sich auf das Erleben von Menschen nachteilig auswirken könnten und darum unterdrückt werden sollten.

Durch Sprache soll Wahrnehmung kontrolliert werden. Man erinnert sich an das Neusprech bei George Orwell und neigt zur Empörung, zur Ablehnung oder mindestens zum Kopfschütteln. Jedenfalls frisst es an den Nerven – und mir scheint, dass eben dies die Falle dieses sog. „feministischen Sprachhandelns“ ist.
Die Falle besteht darin, dass durch solche Versuche die Geschlechterunterschiede nicht aus der Welt geschafft werden, im Gegenteil: sie werden durch diese Art ihrer sprachlichen Behandlung in Erinnerung gerufen, sie werden prolongiert und weiter differenziert. Sie werden umso aufdringlicher der Wahrnehmung unterbreitet, je weniger es gelingt, den Zweck solchen Tuns zu erreichen.

Damit wird aber das nachteilige Erleben für Menschen genauso wenig aus der Welt geschafft wie es allein durch Wahrnehmung und Versprachlichung entsteht.  Sprache muss diskrimierend wirken, damit sich im Reproduktionszusammenhang von Kommunikation ihre soziale Wirksamkeit entfaltet, wobei gerade die vornehmste Wirksamkeit von Sprache eine Differenzierungsleistung von Sinn ist, die ohne Diskriminierung, also ohne Trennung zwischen Gemeintem und Andersgemeintem, gar nicht zustande käme. Entsprechend wirkt auch dieses „feministische Sprachhandeln“ diskriminierend, weil es sprachliche Zumutungen anbietet, die auf dem Wege der selbstwidersprüchlichen Verwendung der Anbieter ein Rätselraten darüber denjenigen überlässt, die sich ob dieses Blödsinns empören. Es wird mit diesem Versuch zwischen Akzeptanz und Ablehnung getrennt und getestet, ob sich eine geeignete Diskriminierungsstrategie finden lässt, die schließlich in eine Unvereinbarkeit von sprachlicher Wertschätzung mündet. Wenn dies geschieht, wäre der Normalfall, den Sprache immer erbringt, erreicht: Trennung zwischen denen, die so sprechen und denen, die anders sprechen. Das ist ganz normal.

Solange diese Trennung, diese Diskriminierungsleistung sozial nicht vollzogen ist, geht es nur darum, die Unerklärbarkeit des eigenen Erlebens von Benachteiligung bei Sprachgebrauch auch denjenigen zu überhändigen, die bislang dieses Erleben nicht geäußert haben. Wenn nachteiliges Erleben durch Sprachgebrauch, so könnte man die Maxime zusammenfassen, dann nicht nur für diejenigen, die dieses Erleben äußern, sondern auch für diejenigen, die das bislang nicht getan haben.

Und prompt geschieht dies. Emörung macht sich breit. Die Falle funktioniert. Es wird Diskriminierung geprobt. Aber das geht nur auf dem Wege der Hyperbolisierung, der Übertreibung, durch verstärkte Maßnahmen, eben diese Diskrimierungsleistung, die nur sozial erbracht werden kann, mitzuvollziehen, was eben heißt: entweder so sprechen oder anders.

Warum die Übertreibung? Die Übertreibung ist die notwendige Folge, weil auf dem Wege des Argumentierens diese Leistung sozial nicht so leicht vollzogen werden kann. Denn Sprache erzeugt ein Ja/Nein-Schema, das wunderbar geeignet ist, Kommunikationen zu koppeln, statt zu trennen. Entsprechend kann durch Argument oder Appell und durch Fortsetzung der Kommunikation eine Diskriminierung nicht so leicht vollzogen werden. Es kommt hinzu, dass Diskriminierung um so schwieriger wird, je weniger Möglickeiten die Beteiligten haben, Gewalt anzuwenden. Damit aber dennoch Diskrimierung möglich wird, muss sie irgendwie auf provokative Weise zustande kommen. Entsprechend wäre die Hyperbolisierung eine geeignete Strategie. Es wird übertrieben, es wird in den Schwachsinn getrieben und das mit soviel Nachdruck und Beharrlichkeit, dass man sich irgendwann einer Ordnungsfindung durch Trennung nicht mehr widersetzen möchte.

Aber ob dies tatsächlich geschehen wird bleibt immer fraglich, weil ja auch die Empörungsroutinen sich verstärken können. Sie können ebenfalls in die Übertreibung geführt werden. Und dann koppeln sich die Kommunikationen umso strenger. Und je strenger die Koppelung geschieht, umso weniger wird Diskrimnierung erreicht, was dann dazu führen muss, die Nervenbelastung der Menschen weiter zu steigern.

Die Hyperbolisierung ist gleichsam der Versuch, die Unhaltbarkeit des Geschehens durch verstärkte Autoimmunreaktionen zu belasten um zu testen, ob Diskriminierung und Ablösung nicht dennoch geschehen könnte.

Man kann nur hoffen, dass es in dieser Hinsicht bald zu einer Diskriminierung kommt. Und wenn nicht, dann ist ist es nur diese unhaltbare Kommunikation, die sich nachteilig auf das Erleben von Menschen auswirkt.

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