Differentia

Tag: Copy-and-Paste

E pluribus unum – Aus vielem eines

„E pluribus unum“, „Aus vielem eines“ – wenn auch sehr verkürzt, so könnte man mit diesen altlateinischen Worten ein Copy-and-Paste-Verfahren charakterisieren. Aus verschiedenen Schriftdokumenten wird etwas anderes zusammengesetzt und neu verbreitet; ein uraltes Verfahren, das in mittelalterlichen Kloster-Skriptorien geübt wurde, wenn es darum ging, aus überlieferten Schriften Kompilationen anzufertigen. Dies geschah, um aus überlieferten Texten verstreut vorhandene Auszüge zum Zweck der Übersicht in einem Band zusammenzustellen. Witzig ist, dass in der Folge der Erfindungskunst eines spätmittelalterlichen Trägers des Namens Gutenberg mit dieser Praxis Schluss gemacht wurde, bzw. gemacht werden sollte; und dass nun ein anderer Träger dieses Namens damit auffällt, dass an dieser alten Praxis bald wieder angeschlossen werden könnte.
Die Verbreitung des Gutenbergschen Druckverfahrens von Schriften ging einher mit einem ganz anderen Verständnis von Schrift. Die Tradition einer stratifizierten Gesellschaft, deren Ursprung in der Überwindung einer tribalen Gesellschaftsform lag, hatte mit der Fähigkeit zu lesen und zu schreiben eine unglaubliche Lösung für ein Problem gefunden, mit welchem analphabete Gesellschaften niemals zurecht kamen, nämlich die Komplikationen, die sich durch Irrtum ergaben. Analphabete Gesellschaften hatten ständig mit Irrtümern zu tun, konnten damit aber nichts anfangen, hatten keine Erklärung dafür, da für sie die Wiederholung in Form von Ritualen diejenige Praxis war, durch welche Kontinuität gesichert wurde. Alle Welterfahrung war durch Rituale determiniert. Unvereinbarkeiten, wenn sie auffielen, Widersprüche, Fehlleistungen, Verschiebungen – all das war analphabeten Gesellschaften nicht erklärlich, entsprechend blieb solchen Populationen nur die „Zellteilung“, weil nur so das Risiko von Konflikten gemindert werden konnte. So verbreiteten und differenzierten sich in der Bronzezeit über einen großen Raum Sprachfamilien.
Aber mit der Erfindung von Schrift wurde alles anders. Durch Vergleich von Schriftvarianten wurden nunmehr Unterschiede beobachtbar und Irrtümer erklärbar. Mit Einübung und Erforschung der Möglichkeiten, die sich aus dem Schriftgebrauch ergaben, entwickelte sich ein Formbildungsprozess, der seinen ersten Höhepunkt in der platonischen und aristotelischen Metaphysik und seinen letzten im Christentum fand. Insbesondere die Findung von Regeln des richtigen Schließens, der Syllogistik, lässt die Annahme plausibel werden, dass Irrtümer grundsätzlich ausgeschlossen werden könnten. Damit enstand ein Weltverhältnis, das in einem monumentalischen Beobachtungsschema kondensierte: es entstand die Annahme ewiger Wahrheiten. Wahrheit war, weil Irrtümer erklärbar und damit als vermeidbar in Aussicht kamen, dasjenige, auf das es ankam; Abweichungen, die entstanden, obwohl die Regeln des richtigen Schließens eingehalten wurden, galten schon in der euklidischen Geometrie als unerklärliche, okkulte, als skandalöse Phänomene. Dies betraf zum Beispiel die Entdeckung irrtationaler Zahlen, ein Problem, für ein monumentalisches Beobachtungsschema keine Erklärung fand. Dies monumentalische Beobachtungsschema kulminierte in der Ausbreitung des europäischen Christentums: Wahrheit war göttliche Wahrheit und alle Abweichung Teufelswerk.
Mit der Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft wurde dieses monumentalische Beobachtungsschema überwunden, weil seine Inkonsistenzen bald auf ein andere Weise zusammengebracht werden konnten. Die Empirieform des Monuments wurde ersetzt durch die Empirieform des Dokuments, womit ein weitreichender Horizont an Möglichkeiten aufbrach und sich prosperierend entfaltete. Das Interessante ist, dass auch die Empirieform des Dokuments nicht nur Lösungen für zurückliegende Probleme lieferte, nämlich für die Statthaftigkeit von Abweichung, sofern Wahrheit beweisbar ist, sondern sich wiederum ein Problem einhandelte, das eigentlich durch die Dokumentform ausgeschlossen werden sollte. Wenn Wahrheit nicht monumental, apriori gegeben ist, sondern Ergebnis von Überprüfung sein kann, so entsteht wie von selbst die Beobachtbarkeit von Manipulation als zu vermeidendes Skandalon. Man könnte auch sagen, das Skandalon des Irrtums für die Empirieform des Rituals wurde ersetzt durch Abweichung für die Empirieform des Monuments und dieses durch Manipulation für die Empirieform des Dokuments. Evolutionstheoretisch interessant sind dabei die Umkehrungen eines Medium- und Form-Verhältnisses; und man könnte annehmen, dass ein solcher Umkehrungsprozess, verstanden als soziokulturelle Metanoia in der Evolution von Gesellschaft, ohne neue Verbreitungsmedien nicht zu machen ist. Verbreitungsmedien infomieren über einen solchen Prozess, aber gleichzeitig und umgekehrt sind Umorientierungen Voraussetzung für Verbreitungsmedien. Denn auch das Verbreitungsmedium muss, noch bevor es etwas verbreiten kann, wenigstens sich selbst verbreitet haben. Revolutionen können so niemals in ein Kausalverhältnis gebracht werden. Verbreitungsmedien revolutionieren im Laufe ihres Evolutionsprozesses die historisch situierten Wahrnehmungsweisen und Erfahrungsgrundlagen ebenso wie gesellschaftliche Strukturen; und mit ihnen auch die Bereiche jenes verzeitlichten Wissens von Revolutionen als eruptiver historischer Bewegung; ein Konstrukt das der Moderne als Dauerprojekt irreversibler Selbsttranszendierung eingeschrieben scheint. Insbesondere für die Überprüfung von Unterscheidungsroutinen, wie sie mit der funktionalen Differenzierung entstanden sind, stellen sich Fragen nach der Funktion von Normen und Symbolen und deren integrativer Leistungen für den Aufbau und die Stabilität sozialer Ordnung auf eine gänzlich andere Weise. Denn schon längst sind nicht mehr Bestandsbedingungen Gegenstand differenzierter Überlegungen. Vielmehr findet man eine Verschiebung der Fokussierung von Prozessen der Stabilisierung sozialer Ordnungsmuster hin zur Beschreibung der Fragilität sozialer Strukturen, zur Dynamik und Performanz von Transformationen und Zerrüttungen. Von der Annahme einer durch Kommunikationen sich vollziehenden Strukturierung der sozialen Welt ausgehend erscheinen besonders neue Verbreitungsmedien eine spezifische Funktion in der Kommunikation von Revolutionen zu erhalten, da sie keine Vorläufer haben, jedenfalls auf keine direkten Traditionsbestände zurück verweisen können, um sich zu legitimieren. Die Entwicklung des Internets geschieht in dieser Hinsicht dämonisch und kommt auf diese Weise als revolutionäre Errungenschaft zu Bewusstsein. Allenfalls könnte man noch behaupten, dass dies in der Geschichte der europäischen Kulturentwicklung der Normalfall ist, dessen dämonische Kraftentfaltung sich auf den Buchdruck genauso anwenden ließe wie auf die Einführung der Fotografie.
„E pluribus unum“, „Aus vielem eines“ – man könnte auch sagen, so unterschiedlich die Bedingungen auch sind, die sich im Evolutionsprpozess verschieben, so normal ist all das schon immer gewesen. Und insofern sind die Irritationen über die Praktikabilität eines Copy-and-paste-Verfahrens höchst aufschlussreich zu verfolgen. (weiter)
Siehe dazu auch Dirk Baecker: Ist die Moderne unsere Antike?
oder
Monumente – Dokumente – Performate. Zur Frage von Überlebenschancen kultureller Artefakte

Das Dokument – Rückblick auf eine Form. Teil 2

vorhergehende Folge

Will man über die Frage nachdenken, was das Internet eigentlich ist, so würde man schnell zu Definitionsverfahren greifen, die genutzt wurden, um das Internet entsehen lassen zu können. So könnte es also naheliegen, das Internet als dezentrale Vernetzungsweise dokumentarischer Bezugseinheiten zu verstehen. Aber damit würde man die einmal gewonnene Definition nur erweitern, ohne zu bemerken, dass mit der Entfaltung des Internets Strukturen entstehen, die für die Beteiligten überraschend sind, weil übersehen wird, was durch den Erfahrungsprozess begonnen hat sich zu verändern. Kaum hat man nämlich eine brauchbare Definition für das gefunden, was man als Dokument bezeichnen möchte, passiert es, dass sich beinahe gleichzeitig neue Entwicklungen anbahnten, die jede Zurückrechnung auf Kausalität abschneiden. Das hängt in erster Linie mit latenten Strukturen zusammen, die zweierlei Verwandlungsroutinen ermöglichen, nämlich: Probleme in Lösungen und Lösungen in Probleme zu überführen. Die Latenz entsprechender Strukturen besteht in der asymmetrischen Gleichzeitigkeit, mit der beides von Unwahrscheinlichkeit in Erwartbarkeit transformiert wird. In Hinsicht auf die zukünftige Entwicklung entsteht dadurch einiges an Verwirrung, zurückblickend ergeben sich aber Effekte für eine Theoriebildung, weil jetzt ein Beobachtungsschema erkennbar wird, das unter veränderten Bedingungen entsteht und mit welchem analysiert werden kann, was vor dieser Veränderung nicht oder nur schwer erkennbar war. Da aber diese Bedingungen einer noch offenen Entwicklung unterliegen, ist gleichzeitig auch gesagt, dass es prinzipiell unklar bleibt, wie sich all das in den latenten Möglichkeiten einer Systemgegenwart abspielen kann.

Seitdem nun das Internet seine Relevanz durchgesetzt hat, werden zwei Fragen behandelbar, die eine je eigene Spezifik der Modalität ihrer Kontingenz entfalten. Erstens: was könnte daraus zukünftig resultieren? Und zweitens: was ist in der Vergangenheit passiert? Eine dritte, hier nicht verfolgte Frage ist, wie man virulente kommerzielle Degressionstendenzen erklärt, mit denen versucht wird, sich anbahnende Copy-and-Paste-Konzeptionen für ein neues künstlerische Schaffen zu blockieren. Mag man auch Versuchen, eine Leistungsschutzrecht durchzusetzen, mit großer Skepsis gegenüberstehen, so führt im Prinzip kein Weg daran vorbei, auch solche Versuche in ein Erklärungsschema der Systementwicklung zu integrieren. Bleiben wir aber zunächst nur bei dem, was beobachtbar wird, wenn sich ein wissenschaftliches Definitionsverfahren für den Gegenstand „Dokument“ in dem Augenblick bewähren kann, indem es im Anschluss unbrauchbar wird. Das hängt zunächst mit seinem Erfolg zusammen, da sich die Verhältnisse erstens deshalb, aber nicht nur deshalb, und zweitens trotzdem ändern, obwohl das Verfahren Kontingenz erheblich einschränken kann. In der Folge geht es dann darum, Systemstrategien der Anpassung einer Konsistenzprüfung zu unterziehen. Ist das Internet nur eine Docuverse wie es von Ted Nelson konzipiert wurde? Wie schon gesagt: damit könnte man anfangen und die Erscheinungsweise des Internets in einen Zusammenhang mit Verbreitungsmedien stellen. Versucht man dies und beachtet man obendrein, dass sich diese Anfangsüberlegungen selbst zuerst durch das Internet verbreiteten, dann stellt man fest, dass das Internet als Verbreitungsmedium etwas anderes zulässig macht als das, was durch die Erzeugung von Dokumenten strukturell determiniert wird.

Grafische Darstellung einiger weniger Seiten im World Wide Web. Bild: Wikipedia

Fortsetzung