Differentia

Tag: Copy-and-Paste

Etwas über Zitate und Plagiate

In einem Kommentar zu dem zurück liegenden Artikel: copy and paste – eine Lösung für das Problem des Plagiierens hatte @strOmgeist folgendes geschrieben:

„Die Antwort auf das Problem kann also nicht lauten: Wenn alles Zitat schon ist, brauchen wir nicht(s) mehr zu zitieren. Ohne die Technik des Zitierens wäre eine Assoziologie nicht die Lösung, sondern notwendig selber Teil des Problems.“

Dieser Einwand ist gegenstandslos, weil er empirielos Gewissheit über ein „was-wäre-wenn-Spiel“ erwägt ohne das Spiel spielen zu wollen, weil man angeblich schon wüsste, wie es geht, bzw. wie es ausgeht.
Nun werden wir niemals eine Klarheit darüber gewinnen, was Zitate sind und warum es sie gibt. Übrigens ist diese Unklarheit eigentlich nur das Ergebnis eines Textgebrauchs, der sich durch eine beinhahe inflationäre Verwendung von Zitaten auszeichnet und nun dieses Inflationsphänomen auf der Ebene des Dokuments nicht mehr transparent machen kann. Was ist schon ein Zitat? Was ist ein Plagiat? Das wird nicht ausdiskutiert, sondern wissenschaftlich entschieden und die Entscheidung wird mit Staatsgewalt exekutiert. Gewiss ist Widerspruch jederzeit zulässig, aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass Widerspruch zu einer anderen Entscheidung in einer bestimmten Sache führt, sondern allenfalls zu einer anderen Entscheidung in einer anderen Sache.

Also geschieht es weiter, wobei man nur feststellt, dass der so betriebene Textgebrauch nicht erklärt, sondern nur gerechtfertigt wird. Eine Rechtfertigungsvariante ist die Ablehnung einer anderen Betrachtungsweise, welche gleichwohl in definitorischer Hinsicht ähnliche Unklarheiten aufweist. Denn es gilt auch für eine assoziologische Methode die nicht gut zu beantwortende Frage: Was ist schon ein Zitat? Man könnte dieses Scheitern nun zum Anlass nehmen, Zurückweisung zu signalisieren, sich also nicht oder nur von Widerspruch beeindrucken zu lassen.
Tatsächlich würde ich als Argument etwas anderes vorschlagen: eine assoziologische Methode hätte weder ein Problem mit dem Plagiieren, noch mit dem Zitieren, weil beides in der Transparenz auffällig ist und merkwürdig wird. Vielleicht käme man auf einen weiter führenden Gedanken, wenn man danach fragt, wie die Transparenzvernichtung, die dem faustischen Habitus angewachsen ist, zustande kommt.
Ich vermute, die Vernichtung von Transparenz entsteht durch die Verfolgung der Anweisung: Beobachte des Habitus! Also: beurteile die Fähigkeiten und das Vermögen des anderen, seine Kompetenz, seine Rhetorik, sein Auftreten, seinen Stil. Der Versuch, die individuelle Originalität und Authentizität unter Beweis zu stellen, tritt auf Komplexität und der Kontingenz von Selektionen. Wer könnte unter diesen Bedingungen den Prüfungsanforderungen im Alltag bestehen? Wer kann Authentizität, Originalität, Individualität nachweisen? Demjenigen, dem es gelingt, ohne es freilich selbst zu merken, so zu manipulieren, dass dies vor allem die entscheidenden Personen merken, nämlich diejenigen, denen dies genauso gut gelingt. („Des Kaisers neue Kleider“). Die Manipulation entsteht durch ein Beobachtungsschema, nach welchem Aufmerksamkeit für Aufmerksamkeit differenziert wird: „Mit scharfem Blick, nach Kennerweise, seh ich zuerst mal nach dem Preise, und bei genauerer Betrachtung steigt mit dem Preise auch die Achtung“ (Maler Klecksel, Wilhelm Busch).
Die Habitusbeobachtung vergleicht korrelierende Unwahrscheinlichkeiten mit einander (ein buntes Bild, eine geschmackvolle Galerie in guter Lage, viel Publikum) um damit vom Habitus solcher Beobachtungsleistungen abzulenken. Würde diese Ablenkung nicht gelingen, träte die Paradoxie hervor, dass man den Geschmack der anderen nicht erkennt, weil er mit dem eigenen identisch ist. Der Habitus, überflüssig zu ergänzen: die Beobachtung des Habitus, liefert damit eine Vermeidungsstruktur, die eine solche Paradoxie der Beobachtung entzieht, sie gar nicht erst aufkommen lässt, oder, wenn doch, sie durch Derivation (Vilfredo Pareto: „Scheinlogik)“ in die Struktur hineinzukopieren, um sie zu retten. Auf diese Weise verifziert sich gleichsam gratis als Zugabe die Struktur und stabilisiert sich. Intransparanz wird aber erst dann zu einem Risiko, wenn die Habitusbeobachtung nicht mehr verlässlich funktioniert; erst dann kann offenbar werden, was vorher durch das gelingende Manipulationsverhalten aussortiert wurde.
Das gleiche gilt auch für die Beobachtung von Texten, wenn sie auf habituelle Stilmerkmale untersucht und auf ihre Aufmerksameitsaufmerksamkeit beurteilt werden: kontextinvariante Verwendung von Fremdwörtern, Satzbau, Textführung, Kontext und Referenzen usw. Auch hier werden korrelierende Unwahrscheinlichkeiten verglichen und mit bereits angereicherten Erfahrungen kombiniert, was reflexiv dazu führt, dass auch Versuche der Durchkreuzung solcher Beobachtungsstrukturen selbst schon gemacksbildend funktionieren und damit habitualisiert sind. Auch hier muß der Habitus der Beobachtung mit der paradoxierenden Beobachtung des Habitus vermieden werden, um den Text verstehen zu können. Denn bewusstseinsmäßiges Verstehen heißt ja nicht, Buchstabenkombinationen zu verfolgen. Das macht nur ein Rechner, weshalb ein Rechner den Sinn eines Textes nicht versteht. Auch im Fall der habitualisierten Texterfassung ist das Subjekt der Selbstmanipulation unterworfen, aber es muss alles daran setzen, dass dies nicht bemerkt wird, oder wenn doch, so muss es auf Sanktionierung schon vorbereitet sein, um das Risiko des Scheiterns aus dem Wege zu gehen. Wem dies gelingt, kommt weiter, wem nicht – wie K. T. z. G. – ist bestenfalls nur ein Stümper, der an der Vermeidungsstruktur scheitert. Der Stümper erscheint dann als jemand, der „verbotener Weise“ manipuliert hat, wohingegen alle anderern dies berechtigterweise betreiben, weil die Manipulation erfolgreich der Beobachtung entzogen ist.

Gewiss sollte man nicht übersehen, dass die kulturhistorischen Leistungen des transzendentalen Vermeidungsirrtums höchst beindruckend sind, aber die Leistungsfähigkeit hat auch eine Kapazitätsgrenze.
Eine Assoziologie wäre dann möglich, wenn dieser Vermeidungsirrtum nicht mehr vermieden werden muss, sondern als Regel zur Beurteilung von Ordnungsmustern wechselseitig zugestanden werden kann, wenn man also nicht mehr vermeiden muss, als Manipulierter und Manipulator beobachtet zu werden.

Assoziologie und kritische Methode

Stefan Schulz schreibt bei den Sozialtheoristen

Gelingende Assoziologie dagegen lässt diese Rücksichten fast alle fallen. Kein Dank für vorhergehende Beiträge, keine Beachtung des Uninteressanten, keine Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten. Man setzt einfach eine Unterhaltung fort, ohne sich rückzuversichern, was man verstanden hat. Man führt ein Gespräch einfach fort. Im besten Sinne bestätigt sich durch diese fortlaufende Rosinenpickerei das bekannte Luhmann-Zitat, dass nur die Kommunikation kommuniziert und alles Weitere nur als Bedingung, also inhaltlich eigentlich nicht, zu berücksichtigen sei. Jeder nimmt teil und niemand interessiert sich für die Qualität von Argumenten. Man hat sich so weit wie möglich von der Idee verabschiedet, einen Konsens anzustreben. Wozu auch?

Die Assoziologie, über die ich nachdenke, entspricht den Überlegungen von Stefan Schulz. Übrigens habe ich ihm meine Überlegungen dazu noch nie persönlich und kompakt mittgeteilt. Stefan hat sie sich selbst zusammengereimt aus verschiedenen verstreuten Einzelteilen. Ich hatte es vermieden, eine längere Abhandlung darüber zu schreiben, weil sie erstens kaum jemand lesen würde, und zweitens, wenn doch, so würden diejenigen auch nicht sofort mit einem „Heureka, ich hab’s verstanden“ durch die Gegend laufen.

Eine Assoziologie wäre nur der Ersatz für die trivial gewordene „kritische Methode“. Das Diskutieren der Internet-Schreiberei ist nämlich dämlich geworden, weil die Fortsetzung der Diskussionen zeigt, dass man ein Gegenüber nicht mehr mit Argumenten entmutigen kann, weil es kein Gegenüber mehr gibt. Beobachten kann man dies bei Wikipedia. Die Kapazitätsgrenzen der sinnhaften Bewältigung liegen nur noch in der nervlichen Belastbarkeit der Autoren, woraus sich die Regel ergibt, dass die empfindlicheren Naturen zuerst den Kampf um Gottes letzte Offenbarung aufzugeben bereit sind. Alle anderen setzten sich durch, welche dann definieren dürfen, was relevant und was neutral formuliert ist.
Eine Assoziologie wäre Wikipedia ohne edit wars. Man würde nur Notizen, Fragemente an einander reihen, durch copy and paste übernehmen, womöglich einfach umschreiben, und die Unterschiede zur Beobachtung anderen vorlegen; man würde Texte ergänzen, kürzen, kombinieren und beobachten wo man interessante Adressen findet, die brauchbare Elemente beisteuern und wie sich nach und nach längere Texte durch dieses Verfahren bilden. Jeder schreibt seine eigene „Wikipedia“ und überlässt die eigenen Texte vorbehaltlos den anderen für „copy and paste“.

Der wichtigste Einwand dürfte sein, dass auf diese Weise nur Plagiate zustände kämen. Dieser Einwand ist gegenstandslos. Es ist andersherum: nur so können wirksam Plagiate aussortiert werden, weil alle Texte allen zur Verfügung stehen. Es wird keine Transparenz dadurch vernichtet, dass die Kombination von Elementen in einem sozial unzugänglichen Raum vorgenommen wird. Das schließt nicht aus, dass jeder auch einen privaten Zettelkasten führt; im Gegenteil, ohne einen solchen dürfte es nicht gehen. Vielmehr wird die Textmagie öffentlich zugänglich gemacht, was die Differenzierungsleistung beschleunigt und intensiviert, indem man mit Nichtinformiertsein eher rechnen muss als mit Informiertsein. Damit unterläuft man den akdemischen Bluff, indem man ihn umkehrt: etwa für den Fall, man bekäme den Vorwurf entgegengebracht, man habe unkritisch dieses oder jenes von einem anderen übernommen, so bedankt man sich für den Hinweis zur Herstellung und Erweiterung der Transparenz, oder auch nur: man guckt ob’s stimmt, und korrigiert kommentarlos das Notwendige, oder auch nicht. Adressen, die in Verdacht geraten, ständig dummes Zeug unterzumischen, werden nicht mit Vorwürfen und Maßregelungen bedrängt, sondern einfach nicht mehr verfolgt.

Wichtig: natürlich hat auch jede Transparenz ihre Grenzen, aber die wären auf der nächsten Beobachtungsebene nach dem gleichen Verfahren zu erkunden.

Das Verfahren wäre methodisch kontrollierte Rosinenpickerei. Man nimmt nur, was man braucht, alles andere lässt man rücksichtslos weg. Oder schaut, ob andere etwas besseres damit anfangen können. Warum soll man sich den Irrsinn anderer zu eigen machen, indem man ihn diskutiert? Man würde sich nur mit Irrsinn beschäftigen, da der Irrsinn der anderen nicht mehr entmutigt werden kann. (In der Regel führt das zur Selbstentmutigung.)
Für den akademischen Gebrauch und zur Besänftigung einer Bürokratie, die sich für Wissenschaft nicht interessiert, käme noch der Gebrauch einer Plagiatssoftware hinzu. Hausarbeiten, Examensarbeiten, die so entstehen, müssten vor Abgabe geprüft werden. (Prinzip: gibt dem Kaiser, was des Kaisers ist…)

Investitionen fallen nicht an: Überall, in Blogs, Foren, Wikis können Notizen veröffentlicht und per Twitter verbreitet werden.