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Tag: Bertolt Brecht

Podcasts: Radio ohne Professionalitäts-Magie 8

zurück / Fortsetzung: Wenn nun unter der Voraussetzung jahrzehntelanger Einübung von Routinen der Massenmedien diese Podcasts aufkommen, kann man, wenn man das Sender-Empfänger-Modell immer noch anlegen möchte, obwohl es keine theoretische und auch keine empirische Basis mehr hat, auf das, was man wahrnimmt, wenn man hört, was es in diesen Aufzeichnungen zu hören gibt, fast nur sinnvoll reagieren, indem man mit dem Kopf schüttelt. Amateurhafte Banalitäten ohne Ende! Und trotzdem ziehen diese Podcasts eine beachtliche Aufmerksamkeit auf sich. Wie kann man das erklären?

Der Grund ist weder in Mitteilungs- noch in Informationsbedürfnissen zu suchen, noch in anderen Notwendigkeiten irgendwelcher Art, weil empirisch irgendwelche Notwendigkeiten, Bedürfnisse oder andere Mangelerfahrungen gar nicht feststellbar sind. Das Gegenteil ist der Fall: diese Podcasts sind ein Überflussphänomen. Keines dieser Podcasts würde vermisst, wenn es ausbleiben, wenn es nicht aufgezeichnet und nicht zum Anhören bereit gestellt würde, denn niemand bestellt, niemand bezahlt sie und niemand erhält ein exklusives Nutzungsrecht. Man erkennt: es gibt nicht nur keinen Sender und keinen Empfänger, es gibt auch kein Angebot und keine Nachfrage mehr.
Wenn diese Podcasts aber dennoch angehört, kommentiert und kritisiert werden, dann haben diese Kommunikationen ebenfalls keinen Grund mehr außerhalb der bloßen Tatsache ihres Ablaufs.

Das bedeutet auch, dass es müßig wäre nach anderen Motivationsgründen zu fragen, die der Herstellung und Rezeption zugrunde liegen könnten, denn es liegen keinerlei primordialen Bindungen in der sozialen Welt vor, die es nahe legen könnten, sich mit so etwas zu befassen. Denn die Nichtbefassung bleibt vorhersehbar folgenlos, was übrigens für die Befassung mit Podcasts auch immer noch gelten mag. Aber niemand weiß so genau, ob das so bleiben wird.
Da nun Befassung aber dennoch geschieht, ergibt sich, dass man es eigentlich mit dem bislang nur schwer erkennbaren Normalfall von Kommunikation zu tun bekommt, der darin besteht, dass sie einfach anfängt, ohne, dass irgendjemand zuvor darüber reden könnte, warum sie anfängt oder anfangen sollte, denn in dem Fall hätte sie schon angefangen und lässt es darum nicht zu, von etwas anderem als ihrer bloßen Möglichkeit als entscheidende Bedingung ihrer Möglichkeit zu sprechen. Das heißt: es sind nicht handelnde Menschen, nicht sendende oder empfangende Hörer oder Nutzer, inklusive all ihrer unerkennbaren und unbewussten Motive, Interessen oder Absichten für ihr Handeln, die die entscheidende Bedingung für die Kommunikation sind. Vielmehr ist es diese Kommunikation selbst; sie hat sich selbst zur entscheidenden Voraussetzung und nicht etwa handelnde Menschen, die zwar auch eine Bedingung sind, aber aber keine entscheidende.

Und warum kann das erst jetzt plausibel werden? Und nicht etwa schon in der Zeit der ersten Einrichtung des Rundfunks, auf die Bertolt Brecht mit einer Theorie des Radios reagierte, indem er vorgeschlagen hatte, jedem Empfänger auch einen Sendeapparat an die Seite zu stellen, um daraus einen Kommunikationsapparat zu machen, der jedem die Möglichkeit eröffnet, an dieser Kommunikation teilzunehmen.
Der Grund dafür ist, dass auch Bertolt Brecht keine kommunikationstheoretische Fundierung formulieren konnte, die über die Annahme einer zugrundeliegenden Handlungsabsicht als Ursache für Kommunikation hinaus kam. Im Gegenteil. Gerade Bertolt Brecht war immer noch daran gelegen, die Interessen und Absichten von Menschen als entscheidende Bedingung der Möglichkeit von Kommunikation auszugeben. Und selbst wenn es mit Technik und Kapitalaufwand möglich gewesen wäre, diese Forderung von Brecht zu erfüllen, dann wäre immer noch nicht erkennbar geworden, was die Gesellschaft zusammenführt und in Ordnung bringt. Denn: ein Sende- und ein Empfangsapparat sind verschiedene Apparate, die nur beobachtbar machen, dass verschiedene Handlungen vorgenommen werden müssen, um sie zu bedienen. Auf diese Weise wird nur Handlung beobachtbar, aber nicht das, was dieser Beobachtungsleistung voraus geht, nämlich: die Kommunikation selbst.

Man kann vom Scheitern der Brechtschen Radiotheorie aber noch etwas lernen. Die etwa 100jährige Entwicklung hat nämlich gezeigt, was alles erst erbracht werden musste, welche massenmedialen Professionalisierungen und Standardisierungen erst vorgenommen und differenziert werden mussten, um auf diese Weise eine Welt erfahrbar zu machen, von welcher man nun wissen kann, dass es ohne Massenmedien gar nicht mehr geht. Und wenn nun erkennbar wird, dass mit dem Internet ein Massenmedium für Massenmedien entstanden ist, dann dürfte auch erkennbar werden, was damit für die Gesellschaft geleistet werden kann.
Jeder Nutzer schaltet mit der Einwahl in das Internet nicht etwa einen Sende- oder Empfangsapparat ein, sondern man schaltet diese Unterscheidung aus. Das Arrangement aus vernetzten Computern ist damit ein Dispositiv, das Ausschaltungen als Regelkonzept auswirft, insbesondere von solchen Ausschaltungen, die sich immer ereignet hatten, wenn ehedem ein Sende- oder Empfangsapparat eingeschaltet wurde. Auf diese Weise wurde immer nur eine Rücksichtnahme auf die anderen Beteiligten hergestellt. Es handelt sich also um eine gut erkennbare Vermeidungsstruktur, die nicht etwa Kommunikation vermieden hatte, sondern die Beobachtung ihrer entscheidenden Bedingung.

Das Internet als das Dispositiv eines Massenmediums für Massenmedien leistet die Ausschaltung der Ausschaltung, leistet nun den Verzicht auf jene Rücksichtnahme, dazu gehört auch die Ausschaltung der Annahme, dass etwas anderes als Kommunikation die Kommunikation in Gang bringt und am Laufen hält.
Empirisch ablesen kann man dies am Verzicht auf jede Professionalitäts-Magie. Obwohl sie vermieden wird, obwohl jede besondere Beeindruckungsleistung wegfällt, obwohl all das, was für den Rundfunk konventionellerweise zum unverzichtbaren Know-how gehört, gar nicht vorkommt, ziehen diese Podcasts Aufmerksamkeit auf sich. Es geht auch ohne Hokuspokus.

Und die letzte Frage soll lauten: Was wird eigentlich irritabel, wenn die Professionalitäts-Magie nicht mehr notwendig ist und trotzdem noch Faszination entsteht? Was kann dann empirisch gezeigt werden, wenn jetzt erkennbar wird, was schon lange bekannt ist, dass der Kaiser nackt ist, wenn das die erste und letzte aller trivialen Wahrheiten ist?

Was gäbe es dann noch zu sagen? Worauf wäre noch hinzuweisen?

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„Unsere Gesellschaftsordnung, welche eine anarchische ist …“ Bertolt Brecht über den Rundfunk #internet

Bertolt Brecht: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. Rede über die Funktion des Rundfunks. In: ders, Schriften zur Literatur und Kunst 1920 – 1932. Frankfurt/Main 1967, S. 132:

Unsere Gesellschaftsordnung, welche eine anarchische ist, wenn man sich eine Anarchie von Ordnungen, das heißt, ein mechanisches und beziehungsloses Durcheinander an sich schon weitgehend geordneter Komplexe öffentliches Lebens vorstellen kann, unsere in diesem Sinne anarchische Gesllschaftsordnung ermöglicht es, daß Erfindungen gemacht und ausgebaut werden, die sich ihren Markt erst erobern, ihre Daseinsberechtigung erst beweisen müssen, kurz Erfindungen, die nicht bestellt sind. So konnte die Technik zu einer Zeit soweit sein, den Rundfunk herauszubringen, wo die Gesellschaft noch nicht soweit war, ihn aufzunehmen. Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern der Rundfunk wartete auf die Öffentlichkeit, und um die Situation des Rundfunks noch genauer zu kennzeichnen: nicht der Rohstoff wartete aufgrund eines öffentlichen Bedürfnisses auf Methoden der Herstellung, sondern Herstellungsmethoden sehen sich angstvoll nach einem Rohstoff um. Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen.

Was hier beschrieben wird ist eine knappe, aber sehr zutreffende Charakterisierung von Medieninnovationen, ja im Grunde von technischen Innovationen allgemein. Die naive Selbstbeschreibung gemäß der Homo-Faber-Fabel lautet, zum gesetzten Zwecke bediene sich der Erfinder, der Künstler, der schöpferische Mensch als das „zwecksetzende Tier“ (Georg Simmel, Philosophie des Geldes) geeigneter Mittel, um vorherbestimmte Zwecke zu erreichen. Dabei handelt es sich um eine einfache Märchengeschichte, mit der die moderne Gesellschaft sich selbst beschreibt. Die Chiffre dafür ist: Rationalismus, eine andere, von mir bevorzugte Formulierung: faustische Genialität.
Bei Brecht findet sich nun zutreffend beschrieben, wie ausssichtslos ein solcher Rationalismus ist, wenn es darum ginge, die Entwicklung zu erklären. Denn tatsächlich: wer sollte Radio hören, wenn keiner Radio verstanstaltet? Was sollte der Hörer hören oder was sollte der Sprecher sagen, wenn man nicht weiß, ob etwas gehört oder gesagt wurde? Dasselbe gilt für Telefon: niemand installiert ein Telefon zu, wenn niemand ein Telefon hat. Was soll man damit? Straßen, Parkplätze, Bahnhöfe, Flughäfen werden nicht gebaut, wenn es keine Autos, Züge oder Flugzeuge gibt; aber wer kauft oder verkauft Autos, Züge oder Flugzeuge, wenn es keine Straßen, Parkplätze, Bahnhöfe, Flughäfen gibt? Eine Post wird nicht organisiert, wenn keiner Briefe verschickt. Und wer sollte Briefe verschicken, wenn es keine Post gibt? Wer sollte e-Mails verschicken, wenn keiner eine e-Mail-Adresse hat? Niemand kann sich ins Internet einwählen, wenn sich niemand ins Internet einwählt.
So hat Brecht schließlich den Charakter der Überflüssigigkeit, der Überzähligkeit von solchen Innovationen beschrieben: die Mittel suchen sich ihre Zwecke; das Spiel, das aufgrund seiner Überflüssigkeit jederzeit auch unterlassen werden könnte, weil die Unterlassung jederzeit folgenlos ist, sucht sich Notwendigkeiten, die dann sehr wohl Folgewirkungen, ja sogar sehr gefährliche haben können, wenn man den Anschluss plötzlich nicht mehr findet oder wenn die Lernverweigerung das ist, was Anschlussfähigkeit und damit Ordnung stiftet.

Und all dies ergibt sich, auch das ist bei Brecht hellsichtig beschrieben, aus einer anarchischen Ordnung, womit auf die Paradoxie einer geordneten Unordnung angespielt ist. Es ist gerade diese Paradoxie, die innerhalb entropischer Informationszusammenhänge schließlich nicht nur überflüssige Dinge hervorbringt, sondern auch Überlüssigkeiten, die diesen Überfluss dann gebrauchen können. Daraus ergibt sich schließlich – schade, dass dies Brecht so nicht hätte einsehen können – dass dieser Materalismus, der nur eine Variante des modernen Rationalismus ist, gar keine brauchbare Erklärungsgrundlage liefert.
Gesellschaft beginnt nicht mit Arbeit, nicht mit der Bewältigung von Notwendigkeiten, also mit Interessen, Bedürfnissen, Wünschen, Trieben und dergleichen, denn Befriedigungen aller Art werden durch den Vollzug Gesellschaft immer schon garantiert. Die Gesellschaft erzeugt eine eigene selektive Realität, nämlich die Fortdauer von Gesellschaft, nicht die Bedürfnisbefriedung. Denn: wäre Bedürfnisbefriedigung irgendein Zweck, den Gesellschaft erreichen sollte, dann müsste sie bei Erfolg wieder verschwinden. Dass das aber nicht geschieht, hängt damit zusammen, dass sie immer wieder neue Bedürfnisse erfindet, die nicht hätten erfunden werden müssen. Gesellschaft stellt sich wieder her, indem sie immer mehr als nur das Nötige produziert, also immer auch etwas Überflüssiges, das keiner bestellt, keiner gewollt, keiner nachgefragt hat. Und die Innovation entsteht erst dann, wenn der Überfluss auf Überfluss trifft und sich dadurch eingeschränkt und und in der Folge Notwendigkeiten erzeugt, denen dann niemand so einfach ausweichen kann. Entwicklung ist Verwicklung in überflüssige Erfindungen, die nachträglich ihre Gründe suchen und sie in Notwendigkeiten schließlich finden.

Gesellschaft ist nur in seltenen Fällen ein Pony-Hof. In den meisten Fällen ein genauso fürchterliches und grausames wie überflüssige Spiel mit Möglichkeiten.

In gerade dieser Hinsicht ist das Internet interessant, weil alles dafür spricht, dass all das auch für das Internet gilt: grundlos, nutzlos, zwecklos und überflüssig, aber real und auf der Suche nach geeigneten Problemen. Kein Grund zur Hoffnung, kein Grund zur Angst.

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