Differentia

Tag: Autorität

Der Intellektuelle – nicht mehr wissen wo es lang geht

 „Eine veraltete Mentalität, die in unserer Gesellschaft einfach nicht mehr adäquat ist“

van Rossum: Herr Luhmann, anfangs klang eine Kritik am Intellektuellen an. Sie sagten, das ist jemand, zu dem Sie deshalb nicht unbedingt gezählt werden möchten, weil das Leute sind, die sich eben oft so benehmen, als ob sie wüssten, wo es lang ging. Und dazu gehörten Sie nicht und wollten Sie nicht zugehören.

http://www.deutschlandfunk.de/eine-veraltete-mentalitaet-die-in-unserer-gesellschaft.1393.de.html?dram:article_id=197798

Die Resonanzwirkung des kritischen Intellektuellen im öffentlichen Raum war traditionell geprägt von Respekts- und Unterwürfigkeitsgesten des Publikums. Wenn der Herr Professor sprach mussten alle anderen schweigen. Die Zeichen der Unterwürfigkeit einerseits und die Beanspruchung einer übergeordneten Autorität andererseits hatten Formen geschaffen, deren Suggestivwirkung inzwischen nur noch schwer nachvollziehbar ist. Das könnte daran liegen, dass die Mikrodiversität der Formenverschränkung durch Resonanz verstärkt wird. Durch diese Resonanz wird eine Art von Evidenzdruck auf die Wahrnehmung ausgeübt, die es als riskant erscheinen lässt, wollte man sich ihr, indem man sich der öffentlichen Anwesenheit nicht entzieht, aufgrund der eigenen Resonanzwirkung widersetzen. Denn wenn wahrnehmbar wird, dass alle anderen, gleichviel ob aktuell anwesend oder potenziell als beteiligt imaginierbar, dieses Risiko ebenfalls erfahren, so wird es höchst unwahrscheinlich, es zu versuchen. Und darum entsteht andersherum die suggestive Kraft einer übergeordneten Autorität und die gleichsam automatisch sich entfaltende Ansteckung dieser Akzeptanz durch eigene Zeichen der Unterwürfigkeit eines jeden Einzelnen, durch die dann diese Resonanz entsteht.

Die Autorität des modernen Intellektuellen entstand durch die Resonanzwirkung des öffentlichen Raumes. Wenn man nun beobachten kann, dass dieser Autoritätshabitus seit spätestens der 1960/70er Jahre zerfällt, dann verweist das auf auf zwei Tendenzen. Erstens auf die Verkümmerung des öffentlichen Raumes durch beschleunigte Differenzierung. Dies würde den Autoritätsverlust durch Differenzierung der Resonanzwirkung erklären. Zweitens auf die Differenzierung dieses Autoritätshabitus mit dem Effekt der Trivalisierung. Das würde bedeuten, dass die Autorität nicht verschwunden ist, sondern seitdem beinahe von jedem eigenmächtig beansprucht werden darf. So ist es kein Wunder, dass sich aufgrund dieser Differenzierungsprozesse bald eine Dialektik entfaltete, durch die Zerfall, Trivialisierung und Reaktivierung von öffentlicher Resonanz entstand. Das zeigen drei Belege, die etwas zeitgleich zusammenfielen 1985 proklamierte Josef Beuys öffentlich: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Damit wurde aufgrund öffentlich wirksamer Resonanz die Autorität der Künstlerpersönlichkeit von Beuys noch einmal verstärkt; zweitens ein Radiointerview von Niklas Luhmann 1987, in welchem er den Habitus des kritischen Intellktuellen ablehnte, weil er nicht mehr zeitgemäß sei, da auch die Intellektuellen nicht mehr angeben können, wo es lang geht. (siehe Tweet oben). So war es drittens dann auch kein Wunder, wenn dieser Strukturwandel bei Jürgen Habermas zeitgleich unter dem Stichwort „Die neue Unübersichtlichkeit“ (1) analysiert wurde.

Seitdem ist es ein Merkmal von Intellektualität, nicht mehr zu wissen, wo es lang geht. Und prompt kann man feststellen, dass auch noch diese Selbstbeschränkung der Autorität trivial genutzt wird, um die kritische Intellkutalität am Leben zu halten. So findet man zum Beispiel im Blog von Benjamin Stein den Versuch, die Irritationen über die Ausweglosigkeit der Urheberrechtsdiskussion mit einer aufklärerischen Pose zu verknüpfen:

Aufklärung, Bildung und gemeinsame Diskussion wären daher zu wünschen. Wie das sinnvoll gestaltet werden könnte? Vorschläge sind willkommen.

Vorschläge sind willkommen. Wer aber einen äußert wird kritisiert und zwar nach Maßgabe einer trivalen Autorität, deren Hartnäckigkeit nur mit einer hoffnungsfrohen Arroganz durchgehalten wird, welche gleichwohl genauso trivial verbreitet ist, z.B. auch bei Anonymous-Aktivisten, die wenigstens so frech sind, gar keine Vorschläge erst zu unterbreiten. Warum auch, wenn jeder die autoritäre Frechheit beanspruchen darf, jeden Vorschlag zu ignorieren.

(1) Habermas, Jürgen: Die neue Unübersichtlichkeit. Kleine Politische Schriften V. Frankfurt/M. 1985

Autor, Autorität und Authentizität

Es wird gewiss noch etwas dauern, bis das Spannungsverhältnis zwischen Autorschaft, Autorität und Authentizität aus entwickelten Empörungsroutinen in eine Beobachtung zweiter Ordnung transformiert wird, die neue Routinen der Validierung und Verifizierung von Erfahrung ermöglicht.
Wenn auch kaum abzuschätzen ist, durch welche Komplexität an Einzelerfahrungen solche Veränderungen zustandekommen werden, so kann wenigstens ein Kontingenzspielraum dadurch entstehen, indem man auf die Genese solcher Begrifflichkeiten schaut, die ganz eng an die Bedingungen anpasst ist, durch welche sich ein entsprechendes Problemfeld ausbilden konnte. Eine solche Betrachtungsweise zeigt wenigstens, wie selten solche Auffassungen und wie komplex und verworren die Verläufe sind, die schließlich doch in eine Art von Realitätsgewissheit münden, die etwas anderes als sich selbst kaum noch verstehbar machen kann.
Dies liegt nicht an einem „Obwohl“ der Kopmlexität, sondern an einem „Weil“ derselben, da nur dadurch ein Attraktor ausgebildet werden kann, der hartnäckig auf das selbe Problemfeld aufmerksam macht.
Dieses Problemfeld entwickelte sich vor allem durch die Schwachstellen, die in der Dokumentform angelegt waren und welche entstehen, wenn sich Routinen bewähren, die eine Überzeugungsfähigkeit entfalten und damit die Vermutung aufwerfen, dass letztlich alles durch eben solche Routinen gehandhabt werden kann. Wenn Wahrheit durch Vergleich und Überprüfung in Aussicht gestellt wird, so könnte man folglich annehmen, dass auch Wirklichkeit als ermittelbar betrachtet wird, insbesondere dann, wenn ein Dispositiv geschaffen ist, das eine „eigentliche“ Wirklichkeit von anderen Wirklichkeitskonstruktionen unterscheidbar macht.

Die Entfaltung eines Authentizitätsbegriffes ist deshalb eng an die Konstruktion des modernen Subjekts geknüpft, das seinerseits als Ergebnis einer ganz spezifischen Weltsicht ausfällt. Die moderene Tradition des metaphysischen Realismus brachte notwendig das Problem des Anfangs und des Ursprungs auf, da eine beobachtungsunabhängige Beobachterposition durch eine Subjekt-Objekt-Unterscheidung in die Beurteilung von Differenzen eingeschoben wurde. Demzufolge musste, wo Anfang und Ende, Ursprung und Nachfolge durch ein Dokument empirsch wurde, Authentizität als eine Quelle des modernen Selbst verstanden werden, als voraussetzungsloser, aber überprüfbarer Anfangspunkt des Subjekts. Die Evolution des Begriffes Authentizität wurde zugleich vom Begriff der Autonomie abgegrenzt und in eine Differenz von „Selbstbestimmung“ und „Selbstverwirklichung“ überführt.
Beobachten kann man diese Entwicklung im Werk von Jean-Jacques Rousseau, auch wenn er diesen Begriff selbst selten benutzt hat. Für Rousseau ist die Entfaltung des moralischen Bewusstseins nur dadurch möglich, „dass Personen sich in einem authentischen Selbstverhältnis befinden, das metaphorisch als Treue zur eigenen inneren Natur bezeichnet werden kann. Das aufrichtige Selbstverhältnis hängt nicht von moralischen Belehrungen ab, sondern geht aus dem Gefühl der eigenen Existenz hervor, dem das Gewissen bereits eingeschrieben ist.“
Rousseaus Werk ist insofern ein Indikator eines langfristigen Umgestaltungsprozesses, der die moderne Kultur zu Vorstellungen tieferer Innerlichkeit und radikaler Autonomie hinführte. Auf Rousseau beziehen sich in der einen oder anderen Weise philosophische Theorien der Selbsterkundung, ebenso wie Überzeugungen, die Freiheit durch Selbstbestimmung als Schlüssel zur Tugend ansehen. Neben Rousseau kann man die Vorstellung von einem authentischen Selbst auch bei Johann Gottfried Herder finden, der in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ schrieb: „Jeder Mensch hat ein eignes Maß, gleichsam eine eigne Stimmung aller sinnlichen Gefühle zueinander.“ Die Vorstellung, dass jeder Mensch seine eigene originelle Weise hat, bildet sich am Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der Aufklärung, der Kultur der Empfindsamkeit und der Frühromantik bzw. des von Charles Taylor diagnostizierten „Expressivismus“ aus und ist tief in das moderne Bewusstsein eingegangen. Mit der Entdeckung der Originalität und der inneren Stimme, der Vorstellung, dass jedes Individuum etwas Ureigenes ist, was zugleich jedem die Pflicht auferlegt, der eigenen Originalität im Leben gerecht zu werden, gewinnt das Authentische an Bedeutung.
Und die Frage wäre zu stellen, wie diese Bedeutungsentfaltung entstehen konnte. Warum also Authentizität dringlich werden konnte. Mein Vermutung lautet, dass die Dringlichkeit mit der Zerrüttung derjenigen Form der Empirie wuchs, durch welche sich das Problemfeld aufspannte.

Fortsetzung folgt