Differentia

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Zur Simulation von Autorschaft

Wenn auch sonst kaum etwas sicheres darüber gesagt werden kann wie sich die Bedingungen der Kommunikation durch das Internet verändern werden, so zeigt sich wenigstens jetzt schon, wie sehr die Schwachstellen einer funktional-differenzierten Gesellschaft auf ihre Belastbarkeit geprüft werden. Das wird insbesondere in den nahezu hoffnungslosen Diskussionen um den Datenschutz deutlich, in der Diskussion um die Einführung eines Leistungsschutzrechts, um die Filesharer-Verfolgung und den sich nahezu täglich anhäufenden Rechtsunsicherheiten; schließlich aber auch durch hoffentlich bald anstehende Diskussionen um ein Copy-and-Paste-Verfahren, welche sich von Differenzen der Originalität, Authentizität und Individualität ablösen und sich stattdessen auf Produktionsweisen von Texten konzentrieren, die anderen Anforderungen als denjenigen gerecht werden, wie sie die Moderne durch das Konstrukt der Autorschaft hervor gebracht hat.
Denn bereits im Jahre 1969, also etwa gleichzeitig mit den ersten Versuchen zur elektronischen Datenübermittlung, hatte Michel Foucault sich in einem für die Theorie der Autorschaft wichtigen Vortrag vor der Französischen Gesellschaft für Philosophie die Frage gestellt, was mit dem Konzept der Autorschaft noch anzufangen sei. Richtungsweisend für eine „Auflösungsgeschichte des Autors“ erscheint Foucaults Ansatz insofern, als er das Augenmerk angesichts, trotz und gleichzeitig im Sinne der für die Moderne paradigmatisch erscheinenden These vom Zurücktreten oder vom „Tod des Autors“ (Roland Barthes) auf die Orte richtet, an denen der Autor eine Funktion ausübt. Foucault beschreibt vier Modalitäten, aufgrund derer bis heute die Funktion ‘Autor’ von Bedeutung wird, die sich also in unterschiedlichen historisch und je nach Textart variablen Gewichtungen im Umgang mit Texten niederschlagen: Der Autor fungiert erstens als Wertniveau, das es ermöglicht, Modifikationen im Werk eines Autors im Rückgriff auf die Autorbiographie zu erklären. Der Autor fungiert zweitens als Feld eines begrifflichen und theoretischen Zusammenhangs, der die Annahme der Einheit des Werks legitimiert. Der Autor fungiert drittens als stilistische Einheit, die sich wiedererkennen läßt; und schließlich entsteht der Autor als geschichtlicher Augenblick und Schnittpunkt von außer ihm liegenden Ereignissen, die er umsetzt.
Die historische Variabilität der Systemkonstrukion von Autorschaft fällt zusammen mit der Geschichte des modernen, faustischen Subjekts. Dieses Kontrukt verweist auf intellektuelle Ordnungsstrukturen des 17. und 18. Jahrhunderts, die auf der Vorstellung eines autonom empfindenden und handelnden Subjekts basieren. Diese Vorstellungswelt unterscheidet sich deutlich vom Produktionsprozeß antiker oder mittelalterlicher Literatur. Für das Mittelalter dürfte gelten, dass die mediale Lage des höfischen Sängers, der aus einem Bestand von festgelegten Stoffen und Vermittlungsformen auswählt, um situationsangepasst zu erzählen, reflektiert wird durch eine Subjektposition archaischer Autorschaft. Der vortragende Sänger erfährt sich, ob in kultische oder feudale Verhältnisse eingebunden, nicht individuell. Er handelt als Glied einer ununterbrochenen Kette von ihm vorangehenden Urhebern. Die textuelle Gegenwärtigkeit, die durch ihn erzielt wird, entsteht aus einer transpersonalen Überlieferungsbewegung. Erst im Zuge der Entwicklung einer abgegrenzten Vorstellung von Individualität in der Renaissance kommt es zur allmählichen Etablierung eines Konzepts von auktorialer Indivdiualität, die den Text als Spiegel ihrer Genese begreift und benutzt. Den Höhepunkt dieser Entwicklung sehen wir in der Herausbildung des faustischen Genies des 18. Jahrhunderts. Sprache und Text werden als individueller und authentischer Ausdruck des Subjekts gewertet. Angestrebtes, aber nie einzuholendes Ziel von genieästhetischer Autorschaft wurde seitdem die vollkommene Transformation von Subjekt in Text und umgekehrt. Vermittels des Autors sollte Einheit und Sinn des Werks dokumentiert und dadurch verifiziert werden. In der weiteren Entwicklung wird dieses Konzept von Autorschaft zugunsten eines offeneren Text- und Subjektbegriffs aufgelöst. Mit zunehmenden Zweifeln an der Autonomie und Einheit des Subjekts wird auch der Autorbegriff dezentriert. Der moderne Text drückt so eher die Auflösungen des Subjekts aus als dessen Genese. Dennoch bleibt, wenn auch aus einer Bewegung der Negation heraus, die Beschäftigung mit verlorener Subjektivität ein Grundmovens des literarischen Schreibens.
Angesichts der sich jetzt entwickelnden Produktionsbedingungen von vernetzter Literatur könnte man fragen, welche Funktionen Autorschaft im Hypertext übernimmt. Die Autorschaft des Hypertextes umkreist jedenfalls keine umschließbare Leerstelle des Subjekts mehr, und sie folgt keiner die Lücken ausnutzenden Triebstruktur. Viel radikaler als es die klassische Moderne je realisierte, weil sie trotz aller artikulierten Subjektkrise doch immer dem einsamen Ich und seiner psychosomatischen Aura entscheidenden Ausdrucksraum gewährte, zerstört der interaktive Text im Datennetz die genetische Kausalität auktorialer Präsenz. Es gibt keine Suche mehr nach dem eigenen Ursprung und nach der verlorenen Zeit. Zwar bleibt all das weiterhin thematisierbar, aber es fehlt der Andere und das Andere, auf den hin oder das hin gesprochen werden könnte. Ob diese Position sich in den literarischen Produktionen im Netz bestätigt oder aussortiert wird, könnte dann Anlaß zu weiterführenden Fragen geben: Welche Funktionen übernimmt die Konstruktion kollektiver Autorschaft im Hypertext? Welche Leerstelle provoziert die Produktion von Texten im Netz? Ist es nicht doch das bekannte, durch die moderne Gesellschat entstandene Beobachtungsdefizit? Oder entsteht gegenwärtig eine ‘neue’ alte Leerstelle, die das Begehren erreget, sie zu füllen?
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Überlegungen zur „Schreibameise“

Mit dem Buchdruck und der sich daran anschließenden rasanten Enwicklung von Massenmedien entstand eine Form, die als Figur gegenwärtig ihre letzten Rückzugsgefechte voranzutreiben scheint. Gemeint ist das, was man gewohnt ist, einen Autor, Schrifsteller, Künstler zu nennen, eine Figur, deren Erfolgsleistung in der Ausbildung einer Vorstellung von Urheberschaft gleichermaßen ihren Ausgangspunkt und Voraussetzung und andersherum darin ihre Legitimation eines Führungsanspruchs fand.

Dass ein Mensch Werke „aus sich selbst heraus“ erschaffen könne ist nicht nur eine juristische Formel für die Durchsetzung eines Geschäftsmodells, auch wenn sich die Diskussionen gegenwärtig darin zu erschöpfen scheinen. Tatsächlich ist mit dieser Formulierung die faustische Hoffnung auf Eigen- und Allmacht angesprochen: „aus sich selbst heraus“, was ja heißen könnte, eine beobachtungsunabhängige Beobachterpositon einzunehmen, die in der Vorstellung eines autonomen Subjekts zum Tragen kommt. Interessant daran ist, dass die Fragilität dieser Autonomie schon immer als Schwachstelle erkannt wurde, welche aber durch Flankierung von Schutzmaßnahmen – von welchen die Proklamierung von universellen Menschrechte nur die generalisierende Zupitzung ist – als beherrschbar in Aussicht gestellt werden konnte. Die spezifische moderne Form der Organisation von Erfahrung konnte dies möglich machen. Denn die Dokumentform zeichnet sich insbesondere durch ihre Unzerstörbarkeit aus, solange keine operative Basis gefunden werden kann, aufgrund derer das Dokument nur noch als Alternative behandelbar ist. Gelingt dies aber, wie dieses Jahrzehnt wohl beweisen wird, zerfällt das Dokument zu einer folkloristischen Erinnerung an frühere Zeiten. Eine Prognose dieser Art ist freilich riskant, weil der Irrtum darüber nicht ausgeschlossen werden kann. Umso interessanter ist es also, wenn man entlang empirischer Beobachtungen den „Weg allen Fleisches“ verfolgt, den die Dokumentform und die mit ihr entstandene Vorstellung von Urheberschaft gegenwärtig geht.

Wie kein anderes Internetprojekt ist Wikipedia als Beobachtungsobjekt ideal geeignet um zu verfolgen, wodurch sich eine solche Progonose berechtigt.
Der interessante Anfangspunkt besteht darin, dass die Konzeption einer Universalenzyklopädie wohl nur scheinbar im 19. Jahrhundert beerdigt wurde, was durch die Einsicht in die begrenzten Kapazitäten aufgrund prinzipiell unbegrenzter Möglichkeiten der Wissensproduktion erfolgte. Aber die Einsichten waren nicht allein pragmatischer Art, insbesondere der Aufstieg und die Kritik des Positivismus ließen keine erkenntnistheoretischen Möglichkeiten zu, die durch die Enzyklopädie versprochen werden konnten. Dies betrifft insbesondere Objektivität und Beweisbarkeit des Wissens. Insofern ist Wikipedia wissenstheoretisch ein Rohrkrepierer, aber man wird nicht klüger daraus, wenn man meint, man hätte damit etwas Weiterführendes verstanden. Die in früheren Diskussionen um den Positivismus angesprochenen Hoffnungen tauchen bei Wikipedia wieder auf, aber in angepasster Formulierung: nicht mehr Objektivität, sondern Neutralität; nicht mehr Wissenschaftlichkeit, sondern Relevanz; nicht mehr elitäres Expertum, sondern Verfahren der Qualitätssicherung; nicht mehr Autorschaft, sondern kollaboratives Schreibprojekt. Dass auch bei Wikipedia all das nicht zu befriedigenden Lösungen führt, kann täglich an unermüdlich geführten Löschdiskussionen verfolgt werden, durch welche nur aufgrund von Entmutigungen entschieden werden kann, was on-top abrufbar ist. Warum werden solche Kämpfe um Deutungshoheit eigentlich geführt, wenn man doch mit wenigen Argumenten deutlich machen kann, dass die Wissensproduktion, die in der Dokumentform kondensiert, eben nicht das leistet, was sie in Aussicht stellt? Nämlich: sicheres Wissen und damit Entscheidbarkeit darüber, was in den Katalog des positiv Wissbaren aufgenommen zu werden verdient. Woher kommt das Engagement der Wikipedia-Autoren, die nur für Gottes Lohn, nicht einmal für massenmedial verbreitete Reputation schreiben? Mit Motivforschung wird man kaum weiter kommen können, da anschließend immer noch zu fragen wäre, durch welche Strukturen diese wie auch immer verifizierbaren Motive entstehen können. So stehen nicht Motive am Anfang des Engagements, denn Motive sind erst durch Nachfrage, nicht zuerst durch Selbstauskunft der Beteilgten, erforschbar, weil erst durch Nachfrage die Selbstreflexionsergebnisse erzeugt werden, welche nichts darüber aussagen, ob die Beteiligten auch vollständig informiert wären, sei es über sich selbst, sei es über die Möglichkeiten, die sich durch das Internet bieten. Motivforschung scheint da eher nur ein Prokrastinationsverfahren zu sein, um Entscheidungsroutinen vor ihrem Zerfall zu bewahren.
Die These, die ich in diesem Weblog schon seit einiger Zeit durchprobiere, lautet ja, dass mit dem Internet eine Form der Erfahrungsorganisation gefunden wird, welche für alle Kommunikationen eine andere, eine von der Dokumentform verschiedene operative Basis bildet. Aber dabei handelt es sich um einen Forschungsprozess, um einen sozialen Lernprozess, der in der gesamtgesellschaftlichen Erarbeitung solcher Möglichkeiten besteht und dessen Ergebnisse mit keiner noch so differenzierten Argumentation vorweg genommen werden kann. Trotzdem aber dürfte man diesen Forschungsprozess empirisch begleiten und beurteilen können. Wenn auch sonst kaum etwas sicheres darüber gesagt werden kann, wenigstens zeigt sich, dass durch das Internet die Schwachstellen einer funktional-differenzierten Gesellschaft auf ihre Belastbarkeit geprüft werden. Das wird insbesondere in den nahezu hoffnunglosen Diskussionen um den Datenschutz deutlich, in der Diskussion um die Einführung eines Leistungsschutzrechts, um die Filesharer-Verfolgung und den sich nahezu täglich anhäufenden Rechtsunsicherheiten; schließlich aber auch im Erfolg von Wikipedia.
Inwiefern zeigt der Erfolg von Wikipedia ein Schwachstelle auf? Zunächst gilt für Wikipedia ebenfalls die Beobachtung ihres dämonischen Erscheinens, womit bezeichnet werden soll, dass diese Aktivitäten unvorhersehbar außerhalb etablierter Produktionsroutinen entfaltet wurden, was man an den Gegenmaßnahmen von Verlagen ablesen kann, welche sich schließlich fügen mussten. Die deutlichste Schwachstelle zeigt sich aber in den schon angeführten Löschdiskussionen, die ich als Trivialpraxis, als Parodie wissenschaftlicher Routinen beschreibe und welche damit als gesunkenes Kulturgut beobachtbar wird. In dieser Trivialität aber scheinen mir die Ausgangsbedingungen für die Formierung eines Enttrivialisierungspozesses zu liegen, der insbesondere für die Figur des Autors und Schriftstellers einen Ersatz erarbeitet, den ich aufgrund eines noch lange nicht abgeschlossenen Erfahrungsbildungsprozess als „Schreibameise“ bezeichne, eine Wortwahl, die gleichsam für eine „Simulation von Autorschaft“ steht.

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