Differentia

Tag: Ausschaltung

Podcasts: Radio ohne Professionalitäts-Magie 5

https://twitter.com/kusanowsky/status/650778584215367680

zurück / Fortsetzung: Wenn sich Medienwissenschaftler oder irgendwelche Kommunikationsforscher selbst damit beauftragen würden, etwas über Podcasting wissen zu wollen, dann würden sie mehrheitlich eine ganz bekannte Routine abspulen: sie würden erst über Motive für Handlungen von Sendern um Empfängern spekulieren, würden über Habitualisierungskonzepte, über Nutzungsprofile, Aneignungsweisen und Interessen fantasieren und würden dann durch irgendwelche empirischen Erhebungsmethoden herausfinden wollen, ob und wie sie sich in ihren Spekulationen geirrt haben.
Das Interessante an dieser empirischen Forschung ist, dass die zugrunde liegende Theorie, egal zu welchen Ergebnissen irgendeine Studie kommt, immer verifiziert wird. Die Theorie besagt, kurzgefasst: durch Motive von Menschen kommt es zu Handlungen, durch Handlungen zu Kommunikation, durch Kommunikation kommt es zu Mustern des Verhaltens, kommt es zu Nutzungs- und Rezeptionsgewohnheiten, kommt es zu Risiken der Nutzung, kommt es zu Verwicklungen und Problemen, kommt es zu Informationssituationen, kommt es zu Absichten, die dann wieder auf handelnde Subjekte zurückwirken und Handlungen irgendwelcher Art hervorrufen.

Die Theorie empirischer Forschung, die durch keine empirische Forschung widerlegt werden kann, lautet: erkenntnisfähige Subjekte reichern durch Massenmedien ihr Wissen über die Welt an, was sie zu Handlungen bringt, die dann kritisiert werden können, wodurch entsprechende gesellschaftliche Lernprozesse geschehen.1
Zugegeben ist das eine sehr verkürzte Zusammenfassung der Theorie empirischer Forschung, aber auch eine längere und ausführlichere Betrachtung inklusive aller damit verbundenen Differenzierungen würde zu keinem anderen Ergebnis kommen. Jede Art von empirischer Forschung hat die einfache Möglichkeit, sich gegen die theoretischen Grundlagen ihrer Forschung indifferent zu verhalten, weil nämlich die Wissenschaft als Richterin in eigener Sache von sich selbst behaupten darf, die entscheidende Bedingung der Möglichkeit empirischen Wissens bereits geklärt zu haben; und wo sich dies empirisch nicht bestätigen lässt, wird einfach nur auf eine mangelnde Aufgeklärtheit der anderen als zu beseitigendes Defizit hingewiesen.

Da nun diese Art des Zeitvertreibs in letzten 50 Jahren fleißig eingeübt wurde, kann man voraus sehen, zu welcher theoretischen Neuerung diese Forschung kommen würde, wenn sie sich nun mit Podcasting beschäftigen wollte. Die Ergebnisse werden keine anderen sein als diejenigen, die man aus der empirischen Erforschung von Massenmedien bereits kennt. Denn egal, ob Zeitungen und Romane, ob Comics, Computerspiele oder ob Filme erforscht werden, die Ergebnisse sind, da die ersten und letzten Wahrheiten immer nur bestätigt werden, in ihren Grundzügen bekannt. Die erste Wahrheit lautet: handelnde Subjekte verursachen Kommunikation. Die letzte Wahrheit lautet: über die objektiven Ergebnisse subjektiven Handelns kann man berechtigterweise verschiedener Meinung sein. Mehr als das gibt es nicht zu wissen, alles andere ist die Sorge um Stellen, um Formulare, um Forschungsgelder, um Verlängerung von Publikationslisten und das Betreiben von Positionskämpfen im Machtapparat der Universität.
Das ist polemisch, mag sein, aber es gibt keinen Grund, sich darüber zu empören. Denn wenn ich feststelle, dass die empirische Forschung, egal ob die von Kommunikationswissenschaftlern, von Medienwissenschaftlern, von Pädagogen oder Soziologen schon seit geraumer Zeit im Wachkoma2 liegt, so ich sage ich nur etwas, das schon lange keine Sensation mehr ist und darum auch nicht mehr diskutiert werden kann. Denn auch die Kritik an dieser Forschung hat das Stadium des Wachkomas längst erreicht.

Deshalb möchte ich diese Kritik gar nicht vertiefen, sondern auf einen Punkt aufmerksam machen, der in der empirischen Forschung wenig beachtet wird und dort eigentlich auch nicht verstehbar gemacht werden kann.
Es geht dabei um Wissensproduktion, von welcher – soweit sie wissenschaftlich geschieht – bereits bekannt ist, dass sie durch Selbstbeauftragung der Wissenschaft entsteht und darum für sie nicht weiter irritabel ist, weil nämlich die Wissenschaft darin ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit und nicht selten ihren Stolz wiedererkennt: sie bestimmt eigenständig, welche Gegenstände der Forschung in Frage kommen und welche nicht.
Dass für den Gegenstand der Forschung etwas Ähnliches gelten mag, dass also auch der Gegenstand der Forschung in gesellschaftliche Zusammenhänge der Wissensproduktion eingebunden ist und ebenfalls selbstbeauftragend und damit selbstreferenziell operiert, kann die empirische Forschung aufgrund ihrer theoretischen Festlegung nicht erkennen. Für die Forschung ist das Individuum theoretisch auf Bedürfnisbefriedigung und auf mehr oder weniger ideosynkratische Aneignungsweisen festgelegt; das Individuum ist eine Nachfrageinstanz, deren Handlungskontingenz nur darin besteht, zwischen verschiedenen Angeboten zu wählen. Das Individuum handelt in der Masse angeblich bedürfnisorientiert, was für einen empirischen Forscher nicht gilt: der Forscher handelt erkenntnisorientiert, behauptet er und kann es behaupten, weil auch für ihn der Konsument, der dagegen Einspruch erheben könnte, in der Wissenschaft ausgeschaltet ist.

Diese Ausschaltung ist eine wichtige Bedingung dafür, dass auch die Wissenschaft ihre eigene Professionalitäts-Magie ausbilden kann.

Fortsetzung

1 Mandl, Heinz: Wissen und Handeln: Eine theoretische Standortbestimmung. In, ders. u.a. (Hg.): Bericht über den 40. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in München. Göttingen 1997, ab S. 8.

2 Wachkoma bezeichnet hier eine reaktionslose Wachheit, die man in sozialen Verhältnissen überall dort findet, wo die Folgen von Handlungen immer vorhersehbar sind. Zwar ereignen sich Reaktionen, aber man weiß schon, welche Reaktionen darauf folgen. Die Folge ist die Folgenlosigkeit der Kommunikation.

 

 

Podcasts: Radio ohne Professionalitäts-Magie 4

zurück / Fortsetzung: Gelingen kann das deshalb, weil auch andersherum für den Empfänger ein Geheimnis entsteht, und zwar dasjenige um den Sender.1 Die paranoische Fiktion, die für den Empfänger entsteht, schlägt sich, sobald sie sich als standardisierbar erweist, in Prominenz nieder oder in Form von Medienstars. Tolle, schöne, schicke, reiche Leute, die kompetent und zuverlässig, integer, genial und moralisch, vorbildlich und einwandfrei in Erscheinung treten oder in Erscheinung treten sollten, inklusive aller daran hängenden Obszönitäten und folglich auch aller Enttäuschungen, auf die die Professionalitäts-Magie dringend angewiesen ist, damit sie für die unverzichtbare Konkurrenz die Beeindruckungsspirale in Schwung halten kann.
Die Professionalitäts-Magie gelingt umso zuverlässiger, je weniger die Versprechungen erfüllt werden können, durch die die Aufmerksamkeit für das Programm wach gehalten wird. Denn es sind gerade die durch die erfolgreiche Kommunikation anfallenden Informationsdefizite, die ein Engagement des Zuhörers befördern.
Das Rätsel, das der Sender für den Empfänger ist, besteht in seiner offenbaren Kompetenz, die berichten und kommentieren, die aber auch ablenken und unterhalten, die skandalisieren und natürlich auch langweilen kann. Die gängige Rede von der Lügen-Presse bestätigt diese Erwartungen, die das ausgeschaltete Publikum an den ausgeschalteten Sender richtet. Sie macht auf dem Wege der Negation Erwartungen an eben diese Professionalitäts-Magie sichtbar, weshalb die Sendeanstalten dieses Thema gerade wegen seiner Paradoxie mit besonderer Wichtigkeit versehen.

Die wichtigste Leistung der Professionalitäts-Magie besteht darin, die Schwierigkeiten, die Hindernisse, die Risiken, die mit der Produktion verbunden sind, dem Zuhörer zu entziehen. Man soll nicht sehen und nicht hören, wie anstrengend, wie kompliziert und wie diszipliniert alles vonstatten geht, weshalb aus diesem Grunde Pleiten und Pannen, wenn sie sich dann doch ereignen, wiederum von besonderem Aufmerksamkeitswert sind: Versprecher, falsche Einspielungen, plötzlicher Abbruch von Sendeleitungen und alle anderen Arten von technischen Fehlleistungen. Wichtig sind vor allem, das mag besonders für Fernsehsendungen gelten, gerade in vollständig durchgeplanten Talkshows, die Entgleisungen von Gästen: ein schlechtes Benehmen und deviantes Verhalten aller Art, sei es, dass sie betrunken auftreten, sei es, dass sie das Publikum beschimpfen oder – was eher selten passiert – dass Prügeleien entstehen. Oder man denke als Beispiel an den grundlosen Lachanfall einer Tagesschau-Sprecherin, der es fast nicht mehr gelungen war, sich zusammenzureißen.
Immer dann, wenn die Routinen der Professionalitäts-Magie unterlaufen oder sabotiert werden, wenn sie scheitern, stellt der Zuhörer oder Zuschauer fest, dass sie funktioniert und was sie leisten kann. Und in dem Maße wie die Wirkungsweise dieser Professionalitäts-Magie von den Sendern beim Publikum abgefragt wird, darf der Sender ganz unverschämt und selbstsicher von seiner Kompetenz sprechen, weil er nicht wissen muss woher sie kommt; allein, es reicht ihm aus, die Routinen der Aneignung und Durchführung des Anscheins dieser Art von Professionalität weiter zu betreiben, weil der Sender durch nichts daran gehindert wird, solange sich diese Struktur massenmedialer Perfektibilität2 mit Ausschließlichkeit funktional entfaltet.

Im Verhältnis zu dieser zweifellos beeindruckenden Professionalitäts-Magie erscheinen diese Internet-Podcasts als reichlich primitiv und amateurhaft, dilettantisch und ob ihrer mehrheitlich auf Banalitäten ausgerichteten Inhalte eigentlich nicht besonders bemerkenswert. Es täuscht sich keiner, der meint, dass es sich dabei größtenteils um überflüssige Sabbelei handelt, ein Urteil, das auch dann gelten mag, wenn man zuweilen den einen oder anderen Podcast findet, der diesem Urteil nicht entspricht.
Es darf aber gefragt werden, wie sich die Faszination dafür erklären lässt, wenn man feststellt, dass zwar die gesamtmediale Relevanz der Podcasts nicht sehr groß ist, sie aber trotzdem eine, wenn auch in eine Nische gehörende, Faszination bewirken, die man nicht einfach als vorübergehendes Phänomen oder als Mode abqualifizieren kann. Wie und wodurch entsteht die Faszination für diese Podcasts, denen jede Professionalitäts-Magie abgeht?

Diese Frage möchte ich so beantworten: die Faszination dafür entsteht nicht länger durch die Einschaltung von Sende- und Empfangsgeräten, die Sender und Empfänger für einander ausschalten, sondern sie entsteht erstens durch die Einschaltung eines Ausschaltungsgerätes und zweitens in der Folge durch eine Arrangement von Geräten, gemeint ist Internet und die ganze Technologie seiner Nutzung, das diese Ausschaltungsgeräte schließlich ausschaltet – die Faszination entsteht durch die Ausschaltung der Ausschaltung.

Fortsetzung

1 Siehe dazu sehr interessant: Westerbarkey, Joachim: Das Geheimnis: Zur funktionalen Ambivalenz von Kommunikationsstrukturen. Opladen 1991. Darin: Kapitel 5: Bedingungen und Folgen von (Nicht-)Wissen, S. 109 – 168.

2 Angespielt sei hiermit auf die Analysen von Michel Foucault in seinem Buch „Die Ordnung der Dinge“. Darin erläutert Foucault seine Skepsis hinsichtlich der gängigen Vorstellungen vom ständigen Zuwachs der Rationalität. Die moderne Wissenschaft erliegt einer Fiktion der Perfektibilität der Vernunft, was besonders in der ihnen eigenen Überhöhung des Subjektgedankens zum Ausdruck gelangt. Für den Fall von Massenmedien gilt etwas ähnliches, erkennbar an der Sichtbarmachung professioneller Medienmacher, von denen keiner weiß wie sie das machen. Dass sie all dies nicht machen, ist schwer zu beweisen.