Differentia

Tag: Augustinus

Ordnung statt Wahrheit

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Bei Augustinus findet sich in der Schrift De civitate dei im 4. Buch, 8. Abschnitt folgende Stelle, in der er sich polemisch gegen den Polytheismus wendet. Das Zitat endet mit den Worten: „Und ich erwähne da erst nicht alles, weil ich satt habe an dem, woran sie nicht satt bekommen können.“

8. Welche Götter waren es, deren Schutz das römische Reich nach der Meinung der Römer seinen Aufschwung und seine Erhaltung verdankte, während sie doch kaum irgend etwas dem Schutz eines Gottes allein anzuvertrauen für geraten hielten?

Wollen wir sodann, wenn es gefällig ist, der Frage näher treten, welcher Gott oder welche Götter aus der großen Schar, die die Römer verehrten, nach ihrer Ansicht in erster Linie für die Erweiterung und Erhaltung des Reiches gesorgt haben. Und zwar werden sie doch an diesem großartigen und ruhmvollen Werke nicht der Göttin Cluatina oder Volupia, die nach der Wollust [voluptas] genannt ist, oder der Lubentia, die ihren Namen von der Begier [libido] hat, oder dem Vaticanus, der dem Schreien [vagitus] der Kinder vorsteht, oder der Cunina, die deren Wiegen [cuna] besorgt, irgend welchen Anteil zuschreiben wollen. Unmöglich ist es, hier alle Namen der Götter und Göttinnen zu erwähnen, die ja kaum in den großen Werken ihrer Autoren Platz gefunden haben, in denen sie jeglichem Ding eigene Betätigungen von Gottheiten zuteilen. Und sie wollen dabei die Obsorge über das Gelände nicht einem einzelnen Gott überlassen, sondern das flache Land [rus] wiesen sie der rusinischen Göttin zu, die Bergeshöhen [iugum] dem Gott Jugatinus; über die Hügel [collis] setzten sie die Göttin Collatina, über die Talgründe [vallis] die Vallonia. Sie konnten nicht einmal eine einheitliche Segetia von der Güte auftreiben, daß sie ihr ihre Saaten [segetes] von Anfang bis zu Ende hätten anvertrauen mögen, sondern gaben dem eben gesäten Getreide, solang es in der Erde liegt, die Göttin Seia, von dem Augenblick an, wo es über die Erde emporwächst und ein Saatfeld bildet, die Göttin Segetia zur BeSchutzerin; über das gesammelte und eingeheimste Getreide endlich setzten sie, damit es sicher [tuto] verwahrt sei, die Göttin Tutilina. Nun sollte man doch meinen, Segetia hätte wenigstens für die Zeit vom ersten Halmwuchs bis zur dürr gewordenen Ähre genügen können. Aber nein, die Menschen fanden in ihrer Vorliebe für möglichst viele Götter dabei noch nicht ihr Genügen, damit sich die arme Seele, die die keusche Umarmung des einen wahren Gottes verschmähte, einem ganzen Schwarm von Göttern preisgebe. So hat man über das hervorsprossende Getreide Proserpina gesetzt, über die Knoten und Knie der Halme den Gott Nodutus, über die noch geschlossenen Hülsen die Göttin Volutina, über die sich öffnenden [patescere] Hülsen, wenn die Ähren herauskommen, die Göttin Patelena, über die Saaten, wenn sie an jungen Ähren gleich hoch stehen, die Göttin Ho-stilina [gleichmachen hieß nämlich ehedem hostire], über das Getreide in der Blüte [florere] die Göttin Flora, wenn es in der Milch steht [lactescere], den Gott Lacturnus, wenn es reift [maturescere], die Göttin Matuta, wenn es gemäht wird [runcare], die Göttin Runcina. Und ich erwähne da erst nicht alles, weil ich satt habe an dem, woran sie nicht satt bekommen können.

Herkunft: http://www.unifr.ch/bkv/kapitel1922-7.htm

Was in der antiken Zeit der Polytheismus war – eine chaotische Sammlung von göttlichen Zuständigkeiten für die Bestätigung von Erwartungen, die sich meistens gar nicht erfüllten, weil es für jede Zuständigkeit den Einwand einer anderen Zuständigkeit gab – ist in der modernen Zeit die Meinungsfreiheit. Es gibt beliebige Möglichkeiten, Gründe für das Scheitern von Erwartungen zu benennen, was nur dadurch eingeschränkt wird, dass es für jeden Grund einen frei mitteilbaren anderen Grund gibt, für den das selbe gilt. So entsteht eine massenmediale Ordnung, die nur eines garantiert: Unübersichtlichkeit, Ungereimtheiten, Unklarheiten, Dummheiten, Widerspenstigkeiten – also: ein Meinungschaos. Es entsteht eine chaotische Ordnung, die auf Versuche gründet, Wahrheit zu finden und die sich mit Irrtümern immer nur abfinden kann.

Und wenn darum kein Weg an Irrtümern vorbei führt, warum dann nicht Wahrheit zugunsten von etwas anderem fallen lassen? Indem man Ordnung bevorzugt, ohne Irrtümer zu vermeiden. Ordnung statt Wahrheit.

Aber fromme Wünsche gehen nicht in Erfüllung.

Apollinischer Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Platon) 1

Es erkennen nämlich die Lernbegierigen, daß die Philosophie, indem sie ihre Seele findet, ordentlich gebunden im Leibe und ihm anklebend, und gezwungen, wie durch ein Gitter durch ihn das Sein zu betrachten, nicht aber für sich allein, und daher in aller Torheit sich umherwälzend, und indem sie die Gewalt dieses Kerkers erkennt, wie er ordentlich eine Lust ist, so daß der Gebundene selbst am meisten immer mit angreife, um gebunden zu werden; wie ich nun sage, die Lernbegierigen erkennen, daß, indem die Philosophie in solcher Beschaffenheit ihre Seele annimmt, sie ihr gelinde zuspricht und versucht, sie zu erlösen, indem sie zeigt, daß alle Betrachtung durch die Augen voll Betrug ist, voll Betrug auch die durch die Ohren und die übrigen Sinne, und deshalb sie überredet, sich von diesen zurückzuziehen, soweit es nicht notwendig ist, sich ihrer zu bedienen, und sie ermuntert, sich vielmehr in sich selbst zu sammeln und zusammenzuhalten und nichts anderem zu glauben als wiederum sich selbst, was sie für sich selbst von den Dingen an und für sich anschaut; was sie aber vermittelst eines anderen betrachtet, dieses, weil es in jeglichem anderen wieder ein anderes wird, für nichts Wahres zu halten, und solches sei ja eben das Wahrnehmbare und Sichtbare; was sie aber selbst sieht, sei das Gedenkbare und Unsichtbare. Dieser Befreiung nun glaubt nicht widerstreben zu dürfen des wahrhaften Philosophen Seele und enthält sich deshalb der Lust und Begierde, der Unlust und Furcht, soviel sie kann, indem sie bedenkt, daß, wenn jemand sehr heftig sich freut oder fürchtet, trauert oder begehrt, er nie ein so großes Übel hiervon erleidet, als er wohl glaubt, wenn er z.B. etwa erkrankt ist oder einen Verlust erlitten hat seiner Begierden wegen, was aber das größte und äußerste aller Übel ist, dieses wirklich erleidet und es nicht in Rechnung bringt.

Gefunden in: Platon, Phaidon

An dieser Stelle erkennt man nicht nur das erkenntnistheoretische Problem des apollinischen Vemeidungsirrtums, sondern auch, warum dieser Irrtum nicht als Irrtum zur Welt gekommen war, sondern als Lösung für ein anderes Problem. Denn die Frage lautet ja wie ist Wahrheit möglich, wenn das Vermögen der Körplichkeit gar nicht ausreicht um sie zu verstehen, niemals ausreichen kann, wenn die Wahrheit als eine absolute, eine ewige Wahrheit verstehbar ist. Gerade aufgrund dieses kulturell erfolgreich durchgesetzten Misstrauens gegen Menschenvermögen kann so etwas wie eine ewige Wahrheit überhaupt akzeptabel sind. Man erkennt wie die Bedingung der Möglichkeit zugleich auch die Möglichkeit der Bedingung erklären muss. Die Gründe dafür liegen in einer sozial geprägten Wissensform, die ihren eigenen Bedingungszirkel als Bedingung selbst vermeiden muss, damit die Differenzierung gelingt.

Siehe dazu auch: Apollinischer Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Augustinus)