Differentia

Tag: apollinischer Vermeidungsirrtum

Mennoniten – Beispiel für den apollinischen Vermeidungsirrtum

Am vergangenen Mittwoch, den 10. April lief auf 3sat eine sehr beeindruckende Dokumentation über die Glaubensgemeinschaft der Mennoniten in Boliven.

In Bolivien, im Herzen Südamerikas, liegt der letzte Rückzugsort einer besonders strengen und rückwärtsgewandten religiösen Gruppe: der Mennoniten. Die Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft leben ähnlich wie die Amish People in radikaler Schlichtheit: Elektrizität, Handys, Autos und andere technische Annehmlichkeiten lehnen sie strikt ab. Sie leben allein nach den strengen Regeln, die ihnen ihre Glaubensführer vorgeben. Eine nur scheinbare Idylle: Nicht alle Mennoniten sind mit diesem Lebensstil einverstanden, vor allem die Jugend rebelliert.
Die Dokumentation „Mennoniten“ stellt die Glaubensgemeinschaft in Bolivien vor. (Hier der Film: Die Mennoniten – Alleine im Paradies?)

Wenn man etwas Nachdenklichkeit darüber mitbringt, wie man sich diesen höchst schwierigen evolutionären Prozess der sozialen Selbstverwirklichung transzendentaler Subjektivität vorstellen kann, dann liefert diese Dokumentation für das Vorstellungsvermögen reichlich interessantes Material.
Erzählt wird in dieser Dokumentation wie Menschen beinahe unfähig sind, sich aus der Gefangenschaft religiöser Zwänge zu befreien, wenn sie gerade aufgrund dieser Gefangenschaft gar nicht die geeigneten Mittel dazu haben. Dies betrifft insbesondere das, was man landläufig „Selbstvertrauen“ nennen könnte. Hier wird erzählt, dass die Menschen kaum Schulbildung erhalten, ja sogar, dass sie mit ihrer eigenen Religion kaum etwas anfangen können, weil sie sie kaum verstehen. Das wichtigste Lehrbuch ist die Bibel, die allerdings nur auf Hochdeutsch gedruckt ist, eine Sprache, die Menschen kaum verstehen, weil sie selbst ein altes Niederdeutsch sprechen.
Ich beurteile diese Geschichte als Ansicht einer Ruine, die von Überresten eines alten Zivilisationsstolzes kündet, den ich den „apollinischen Vermeidungsirrtum“ nenne. Dieser Zivilisationsstolz bezieht sich auf eine transzendente Erlösungshoffnung durch eine außerweltliche Instanz, die mit Misstrauen gegen Menschenvermögen bezahlt wird, woraus sich eine Erziehung, bzw. eine ganze Kultur ableitet, die es ablehnt, das kritische Vermögen zu differenzieren. Und wenn auf diese Weise die Unfähigkeit von Menschen empirisch beobachtbar wird, so wird auch die Erlösungshoffnung empirisch akzeptabel.

Normalerweise würden man nur Objekte als Ruinen anschauen, aber dafür besteht wenig Grund. Warum nicht auch beobachtbar gemachtes Handeln und Verhalten von Menschen? Könnte man also an dem, was hier erzählt wird, ablesen, ähnlich wie man steinerne Ruinen nur mit Fantasievermögen rekonstruieren kann, wie Menschen in Europa gelebt haben, welches Verhältnis sie zu sich selbst hatten unter Bedingungen, die wir gar nicht kennen oder nur mit viel Mühe aus schriftlicher Überlieferung verstehen können?
Was mir ins Auge fällt ist dieses eng geschnürte Korsett eines Minderwertigkeitsempfindens. In der Dokumentation heißt es, dass die aufsichtführenden Bischöfe dieser Sekte ihre Strenge damit rechtfertigen, dass es nur „einen sehr schmalen Pfad“ gibt, der zu Gott führt. Was eben heißt: Menschen können nicht sehr viel und brauchen nicht sehr viel, wenn es auf die Gnade Gottes ankommt, weshalb die Unterdrückung, tatsächlich funktioniert.

Um so erstaunlicher ist dann der Gedanke, wie es im Laufe der europäischen Geschichte dennoch passieren konnte, diesen Zivilisationsstolz durch einen anderen zu ersetzen und welche unglaublichen Schwierigkeiten damit verbunden waren, weil ja durch diesen Prozess die Voraussetzung selbst erarbeitet werden mussten, damit etwas anderes empirisch werden kann.

Schön wäre auch der Vergleich zwischen zwei verschiedenen Menschentypen. Der eine Menschentypus zeigt sich an den hier erzählten Menschen, die sich einerseits mit ihrem Minderwertigkeitsempfinden einerverstanden erklären und anderseits anfangen, sich daraus zu befreien. Der andere Menschentypus zeigt sich in der vollentfalteten transzendentalen Subjektivtät, die eine unvergleiche Arroganz zulässt und aufgrund dieser Arroganz ein Verhältnis von Identität und Alterität nur sehr schwer ändern kann. Die Unfähigkeit des modernen Menschentypus besteht darin, in menschliches Unvermögen Vertrauen zu fassen, weil das Vertrauen in Menschenvermögen beinahe grenzenlos ist.

Apollinischer Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Platon) 1

Es erkennen nämlich die Lernbegierigen, daß die Philosophie, indem sie ihre Seele findet, ordentlich gebunden im Leibe und ihm anklebend, und gezwungen, wie durch ein Gitter durch ihn das Sein zu betrachten, nicht aber für sich allein, und daher in aller Torheit sich umherwälzend, und indem sie die Gewalt dieses Kerkers erkennt, wie er ordentlich eine Lust ist, so daß der Gebundene selbst am meisten immer mit angreife, um gebunden zu werden; wie ich nun sage, die Lernbegierigen erkennen, daß, indem die Philosophie in solcher Beschaffenheit ihre Seele annimmt, sie ihr gelinde zuspricht und versucht, sie zu erlösen, indem sie zeigt, daß alle Betrachtung durch die Augen voll Betrug ist, voll Betrug auch die durch die Ohren und die übrigen Sinne, und deshalb sie überredet, sich von diesen zurückzuziehen, soweit es nicht notwendig ist, sich ihrer zu bedienen, und sie ermuntert, sich vielmehr in sich selbst zu sammeln und zusammenzuhalten und nichts anderem zu glauben als wiederum sich selbst, was sie für sich selbst von den Dingen an und für sich anschaut; was sie aber vermittelst eines anderen betrachtet, dieses, weil es in jeglichem anderen wieder ein anderes wird, für nichts Wahres zu halten, und solches sei ja eben das Wahrnehmbare und Sichtbare; was sie aber selbst sieht, sei das Gedenkbare und Unsichtbare. Dieser Befreiung nun glaubt nicht widerstreben zu dürfen des wahrhaften Philosophen Seele und enthält sich deshalb der Lust und Begierde, der Unlust und Furcht, soviel sie kann, indem sie bedenkt, daß, wenn jemand sehr heftig sich freut oder fürchtet, trauert oder begehrt, er nie ein so großes Übel hiervon erleidet, als er wohl glaubt, wenn er z.B. etwa erkrankt ist oder einen Verlust erlitten hat seiner Begierden wegen, was aber das größte und äußerste aller Übel ist, dieses wirklich erleidet und es nicht in Rechnung bringt.

Gefunden in: Platon, Phaidon

An dieser Stelle erkennt man nicht nur das erkenntnistheoretische Problem des apollinischen Vemeidungsirrtums, sondern auch, warum dieser Irrtum nicht als Irrtum zur Welt gekommen war, sondern als Lösung für ein anderes Problem. Denn die Frage lautet ja wie ist Wahrheit möglich, wenn das Vermögen der Körplichkeit gar nicht ausreicht um sie zu verstehen, niemals ausreichen kann, wenn die Wahrheit als eine absolute, eine ewige Wahrheit verstehbar ist. Gerade aufgrund dieses kulturell erfolgreich durchgesetzten Misstrauens gegen Menschenvermögen kann so etwas wie eine ewige Wahrheit überhaupt akzeptabel sind. Man erkennt wie die Bedingung der Möglichkeit zugleich auch die Möglichkeit der Bedingung erklären muss. Die Gründe dafür liegen in einer sozial geprägten Wissensform, die ihren eigenen Bedingungszirkel als Bedingung selbst vermeiden muss, damit die Differenzierung gelingt.

Siehe dazu auch: Apollinischer Vermeidungsirrtum (nach Auskunft von Augustinus)