Differentia

Tag: Anonymität

Gibt es ein Medium für #kzu? 4 @TiniDo @pr1miTiv3 @latent_de

zurück / Fortsetzung: Normalerweise unterscheidet man Anonymität und Vertrautheit. So naheliegend die Unterscheidung von Anonymität/Familiarität auch ist, sie ist, gerade weil sie sehr vertraut ist, kaum geeignet, ein Medium für #kzu zu beschreiben und seine Operationsweise zu studieren. Streng genommen hat sie sich mit der Entwicklung der modernen Gesellschaft, mit Buchdruck und Motorisierung, mit der Auflösung von Raumgrenzen, die durch ein Verhältnis von Zentrum und Peripherie zustande gekommen waren, erledigt.

Ein Vertrautsein mit der Welt und mit allem, was sie ausmacht, beginnt nicht erst zuhause, nicht erst im Kreis des Allzuvertrauten. Das liegt daran, dass es Massenmedien gibt. Und das Ende ihrer Rätsel, ihrer Merkwürdigkeiten, ihrer Unvertrautheiten und all das, was man nicht so gut kennt, beginnt nicht schon, sobald man die Fremde verlässt. Denn auch im Urlaub oder auf einer Geschäftsreise findet man genügend Anlässe, die darüber informieren, dass auch dort vieles sehr gewöhnlich erscheint. Das liegt daran, dass es Organisationen gibt. Außerdem kann auch die Begegnung mit Unbekannten jederzeit und überall stattfinden. Und spätestens das Internet sorgt dafür, dass man Bekannte jederzeit, überall und manchmal auch sofort ansprechen kann.

Gewiss, die Unterscheidung bleibt relevant, wenn es um Orientierung geht, aber die Verweisungsmöglichkeiten eines sozialen Orientierungssinns, der Wiedererkennenbarkeit strukturiert und durch Strukturierung ordnet, sind, weil Technik intensiv und hinreichend verlässlich, kein weiterführendes Problem einer kulturellen Anforderung auf Vertrauensfindung. Ein Problem der Vertrauensfindung lässt sich mit dieser Unterscheidung nicht so gut finden.

Hatte die moderne Gesellschaft damit angefangen, alte Raumgrenzen aufzulösen, so endet sie nun damit, ihre selbst erzeugten Zeitgrenzen auch noch aufzulösen, so dass man mit der Unterscheidung von Anonymität und Familiarität nicht gut zurecht kommt, wenn man vermuten will, dass auch etwas anderes als das, was mit der modernen Welt empirisch geworden ist, im Horizont des Möglichen erscheint
Fortsetzung folgt

Gibt es ein Medium für #kzu? 3

zurückFortsetzung: Man könnte zunächst meinen, dass #kzu das Anfangs- oder Ausgangssproblem aller Kommunikation darstellt. Denn woher sollten sich die Beobachter kennen, wenn nicht durch Kommunikation? Müßte das nicht heißen, dass Anonymität die Voraussetzung aller Kommunikation ist? Müsste nicht zuerst Anonymität vermieden werden, damit Vertrautheit zustande kommt? Am Anfang war die Welt und alles, was sie ausmacht, unbekannt? Die Antwort lautet, dass das keineswegs so ist, weil die Unterscheidung von bekannt und unbekannt keiner Kommunikation voraus geht; sie ist nicht immer schon gegeben, sondern kann selbst erst gemacht werden und irgendwelche Folgen erwartbar machen, wenn Kommunikation schon möglich geworden ist. Auch Anonymität wird erst durch die Unterscheidung eines Beobachters konstruiert und durch den Vollzug von Gesellschaft produziert.

Auch Anonymität ist ein soziales Ordungsergebnis, dessen Wirksamkeit für die Durchsetzbarkeit einer Ordnung genauso wenig eine notwendige Voraussetzung ist wie Vertrautheit. Das bedeutet auch, dass Kommunikation keineswegs Vertrautheit oder Unvertrautheit mit ihr voraussetzt. Kommunikation ereignet sich unangekündigt. Sie setzt sich dämonisch durch, nämlich allein durch den sozial produzierten Zusammenfall aller entscheidenden Bedingungen für ihre Fortsetzung: plötzlich, nicht notwendigerweise schreckhaft, aber immer unvorhersehbar.

Aber: wo setzt sie sich durch? Denn die Welt selbst kann der Ort nicht sein, weil es die Welt nicht gibt, wenn in ihr nichts Unterschiedenes unterschieden wird, wenn es also keine Formen gibt. Und wenn die Welt der Ort nicht ist, der eine Antwort auf die Frage nach dem “Wo?” wäre, was dann?

Die Antwort lautet: in einem Medium der Kommunikation für Kommunikation setzt sich Kommunikation durch und zwar nur wenn und weil sie unterscheidbare Formen zeitigt, die von denen des Mediums, aus denen es besteht, verschieden sind hinsichtlich dessen, was mit ihnen anschließend geschieht. Dass anschließend immer nur Kommunikation geschieht ist klar, aber was macht das aus? Von welcher Wirksamkeit sind die Folgen?

Diese Frage wird dringlich, wenn die Heteroclitizitat der entstanden Welt die Befassung mit den anonymen Voraussetzungen in die Voraussetzung von Anonymität überführt.

Fortsetzung folgt.