Differentia

Tag: Algorithmen

Über die moderne Form der Empirie 7

zurück / Fortsetzung: Verbreitungsmedien stellen unzählige Möglichkeiten bereit, jederzeit zu anderen Unterscheidungen zu wechseln und andere Informationen hinzuziehen zu können; sie erlauben es, zeitweilig mit kommunikativen Selektionen zu arbeiten, ohne sich ein für alle Mal festlegen zu müssen. In der Terminologie des Konzepts der strukturellen Kopplung heißt das: Die Kopplung von Kommunikation und Individuen durch Verbreitungsmedien steigert zwar die Irritabilität der Kommunikation, weil auf der Außenseite dieser Kopplung die Anzahl der Adressaten wächst, die sich auf unvorhersehbare Weise ein- und auschhalten können; auf der anderen Seite werden dadurch aber auch die Möglichkeiten der Gewinnung von Informationen erweitert und das Selektionsspektrum hinsichtlich des Anschlussverhaltens vergrößert.
Diese Konstellation spitzt sich durch den Einsatz vernetzter Computer weiter zu. Auf der Außenseite der strukturellen Kopplung von Kommunikation mit Individuen vergrößert sich mit der Verwendung von vernetzten Computern die Zahl der Beteiligten um ein Vielfaches, gleichzeitig treten die Kommunikationsteilnehmer aber auf der Innenseite als Urheber kommunikativer Selektionen in den Hintergrund und werden zunehmend unerreichbar. Stattdessen muss damit gerechnet werden, dass Informationen von undurchschaubaren Programmroutinen erzeugt werden, dass zum Beispiel Literaturhinweise, Restaurant-Empfehlungen oder Investitionsangebote und selbst Liebeserklärungen nicht von Personen kommen, an deren Eigenschaften man sich bei der Bewertung dieser Offerten orientieren könnte, sondern durch Algorithmen auf der Grundlage von unbekannten Datensammlungen erzeugt und sortiert werden. Wenn Computer als unsichtbare Maschinen eigene Kommunikationsbeiträge beisteuern, die unter Umständen nur schwer oder gar nicht von denen anderer Kommunikationsteilnehmer zu unterscheiden sind, verändert sich der Status des Wissens auf eine Art und Weise, die offenbar als Kontrollverlust empfunden wird. Die strukturelle Kopplung der Kommunikation durch vernetzte Computer geht anscheinend auf Kosten der traditionellen, am Bestand und an der Herkunft orientierten Wissensauffassung, deren empirische Form die Dokumentform ist.

Fortsetzung

Leben mit der Paranoia: Into the wild – re:publica 2014

INTO THE WILD soll als Motto der re:publica 2014 den Blick öffnen für verschiedene Ansätze, um das Internet und die Gesellschaft der nahen Zukunft zu verstehen und zu verbessern: Wenn Algorithmen uns zu gläsernen, kontrollierbaren weil berechenbaren Menschen machen, müssen wir vielleicht unberechenbarer werden? Die Auflösung von Strukturen, das Verlassen der populären Trampelpfade hinein ins Chaos, in die Irrationalität, in die Wildnis eben, könnten Strategien sein. Aber wie finden wir uns dann noch zurecht, wie finden wir zueinander? Wie flüstert man im Netz und vor allem: mit wem? Wird nicht, wer ein freies, unkontrolliertes Netz fordert, umso mehr kontrollieren müssen, wer dabei sein darf und wer draußen bleiben muss? (Herkunft)

Einmal mehr gibt diese Ankündigung der #rp14 Grund zum Nachdenken darüber, was das Internet für die Gesellschaft leisten könnte, im Unterschied zu dem, was irgendwelche Meinungsmacher meinen, dass es leisten müsste. Denn solange Meinungsmacher sich des Internets bedienen, sich damit hervortun, um massenwirksam Stimmung zu irritieren, können sie nichts anderes tun als das, was mit Massenmedien ohnehin schon immer möglich war. Meinungsmache, Meinungskampf funktioniert berechenbar, vorhersehbar und erzwingt dadurch Strukturen, die Normalität und Naivität erzeugen. Normalität entsteht durch Routinen, durch Regeln, durch Wiederholungen; Naivität entsteht dadurch, dass diese Normalität als normal erwartet wird. Die wichtigste Regel für Massenmedien lautet, ständig Neues und Unerwartetes zu produzieren, auf das man mit bekannten und gewöhnlichen Mittel reagieren kann, nämlich: mit Kritik und Meinung. Das geschah bislang immer mit vorhersehbarer Wirksamkeit wie ein aufgezogenes Uhrwerk, noch bevor von irgendwelchen Algorithmen die Rede war. Seitdem nun die Wirksamkeit von Algorithmen massenmedial thematisiert wird, wird nun plötzlich offenbar, was niemals unbekannt war: Das Erwartbare wird nun berechenbar. Und dies wird dann als Neuigkeit nach bekannten Mustern der weiteren Erregung anempfohlen.

Und die interessante Frage ist dann, wie man auf die Erwartung des Erwartbaren reagiert. Vorerst gilt noch, dass sich zwar etwas ändern wird, aber wenn, dann nur so, dass zunächst alles so bleibt wie ist.
Der Härtefall aller Lernprozesse besteht darin, die Navitiät zu zerbrechen. Voraussetzung dafür dürfte sein, sie überhaupt erst zu bemerken: „Wenn Algorithmen uns zu gläsernen, kontrollierbaren weil berechenbaren Menschen machen, müssen wir vielleicht unberechenbarer werden?“ – [Wir Menschen – wenn berechenbar – dann müssen] – Es handelt sich um eine Empfehlung, die wie ein Algorithmus gelesen werden kann, womit nur gesagt sei, nach Maßgabe eines Algorithmus zu handeln, damit berechnet werden kann, womit man zu rechnen hat.

Man erkennt die Naivität und erkennt zugleich, dass noch sehr viel gerätselt werden muss, um ihr zu entkommen. Man ist nämlicht allzu leicht geneigt, das Fragezeichen zu übersehen.

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