Differentia

Tag: Algorithmen

Troubadix – knebeln, fesseln, wegsperren #twittersperre

„Die ziemlich kafkaeske Geschichte der Löschung meines Twitteraccounts. Seit nun beinahe vier Wochen ist mein seit zehn Jahren täglich aktiver Twitteraccount @noemata mit fast 4000 Followern gesperrt. Die Sperrung kam plötzlich, ohne Vorwarnung, ohne Angabe von Gründen und ohne dass ich die Möglichkeit habe, ihr vernünftig zu widersprechen, aber dafür mit wechselnden Verweisen auf nicht näher erläuterte, abstrakte Regelverstöße, wenn ich mich durch den zugehörigen Formular-Dschungel hangle und um Klärung bitte.“ gefunden bei https://medium.com/@noemata

Diese Geschichte entspricht genau dem, was ich erlebt habe. Diese Algorithmen wissen nicht, wie man mit Troubadix umgeht. Wir bleiben vorerst von der Fiktion besessen, dass mit irgendwelchen Regeln allen Gerechtigkeit widerfahren wird, wenn man sich nur an die Regeln hält. Aber diese Regeln sind nicht widerspruchsfrei und sehr unscharf, weshalb Einhaltung nicht so leicht erkannt werden kann. Und Troubadix speziell verstößt eigentlich gegen gar keine Regeln, sondern überfordert nur die Wahrnehmung der anderen Gallier. Troubadix betreibt Überforderung. Aus diesem Grunde kann man ihn zurecht einen Künstler nennen und keinen Verbrecher. Deshalb wird er geknebelt, gefesselt und weggesperrt: nicht um ihn zu bestrafen. Es ist eine Notwehrmaßnahme, die vorgegenommen werden muss, weil die Dorfgemeinschaft keine Voraussetzungen nutzen kann, um sich mit dieser Kunst zu beschäftigen. Sie hat keine sozialen Ressourcen für Reflexion. Dafür können die Gallier nichts.

So oder ähnlich würde ich meine Twitter-Sperre bewerten. Ich wurde nicht bestraft oder moralisch geächtet, sondern es handelt sich um einen Unfall, eine Kollison, die entsteht, weil ich so eine Überforderung betrieben habe. Für @noemata gilt wohl das gleiche.

 

Medienapokalypse – Maschinen haben keine Macht … @frankstaudinger @circumvexa @mundauf @schuetz_marcel

„Die einen haben Angst vor Gespenstern und die anderen hoffen auf die Wirksamkeit von Waldelfen (sog. Querköpfe)“

 

… und Menschen auch nicht. Beim Deutschlandfunk gab es am 9. April 2019 einen interessanten Kommentar von Marcel Schütz über die sogenannte neue Macht der Maschinen, ein uraltes, lange bekanntes Thema, das seit der Industrialisierung immer wieder bekannt gemacht wird. Denn nichts ist so bekannt, dass es nicht noch einmal bekannt gemacht werden könnte. Am Ende dieses Kommentar heißt es, dass Algorithmen, die dazu eingesetzt werden, um Entscheidungsfindungen über Personaleinstellungsgespräche zu erleichtern, den Charakter von Weissagungen eines Orakels hätten. Ja, das kann man so sehen, das hat aber mit Aberglauben nichts zu tun.

Wir hatten in einem Skype-Gespräch am 10. April abends über einen Fall aus der Biographie von Alexander dem Großen gesprochen. Dabei ging es um eine militärische Entscheidung darüber, ob eine hoch riskante militärische Operation durchgeführt werden sollte, die einem kompliziert verwickeltem Schachzug ähnelte und welche darum Gesprächsbedarf unter den Generälen Alexanders erzeugte, denn der Vorschlag war kontra-evident. Es ging, kurz gesagt darum, dass Alexander seine Mittelmeerflotte in genau dem Augenblick abrüsten und auflösen wollte, in welchem sie am dringendsten gebraucht wurde, um das frei werdende Kapital dem Landheer in Anatolien zur Verfügung zu stellen und um damit seinen Gegner zu verwirren.
Wie soll man über eine so wichtige und hoch riskante Entscheidung sprechen? Wie Einwände, wie Kritik, wie Ablehnung oder Gegenmeinung äußern, wenn die Gesprächssituation so eingerichtet ist, dass Verdächtigungen, allgemein: bias, immer im Spiel sind? Wie kann Sachlichkeit ins Gespräch kommen, wenn der Verdacht auf mangelndem Gehorsam, Illoyalität oder Feigheit immer im Spiel ist? Wie ist Widerständigkeit möglich, wenn alle diese Verdächtigungen, die immer auch Selbstverdächtigungen sind, niemals ausgeschlossen werden können? Wie darüber reden? Aus der Biographie geht hervor, dass der Generalstab Alexanders über die Sichtung eines Adlers diskutiert hatte, der ein Symbol für königliche Macht darstellte und dessen Sichtung entweder auf einem Baum an Land oder auf einem Schiffsmast auf dem Meer ein göttliches Zeichen dafür war, ob eine See- oder eine Landschlacht mit dem Gegner gesucht werden sollte. Mit Aberglauben hat das nichts zu tun. Vielmehr handelt es sich dabei um eine sehr rationale und effektive Strategie der Kommunikabilität von Meinungen, die in jederlei Hinsicht keinen letzte Überzeugungskraft haben, aber trotzdem geäußert, erwogen werden müssen, um eine Entscheidung zu finden.

Der Algorithmus hat keine Macht. Menschen aber auch nicht. Die soziale Situation selbst stellt das Problem her und liefert Chancen es zu lösen.

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