Soziale Standardisierung

Soziale Standardisierung (s.S.) – S.S. ist nötig, wenn paranoische Fiktionen möglich sind, indem sie für die Kommunikation beeindruckend wirken, obwohl ihr Realitätsgehalt hoch unbestimmt ist. S.S. leistet die erwartungsssichere Selbstbehandlung des Sprechens, Schreibens und anderweitigen Bezeichnens solcher Realitätserfahrungen, die infolge von Regeln und Regelwerken, Institutionen, Gewohnheiten und Gebräuchen inklusive der damit verbundenen Ausnahmen, Abweichungen und unvermeidlichen Umänderungen eingespielter Routinen mehr oder weniger verlässliche Formen der Sinngestaltung ausprägen und die mit solchen Ausprägungen wesentlich zur Empirizität einer realen Welt beitragen.
Ich unterscheide dabei zwei hauptsächliche Standardisierungsstrategien der Gesellschaft, nämlich Strategien der Provokation und solche der Rechtfertigung. Provokationen operieren im Medium des Nichtwissens darüber, dass es sich dabei um Provokationen handelt. Beispiel: Galilei, die Nutzung des Teleskops und die Inkommensurabilität zweier Wissensformen.
Rechtfertigungen operieren erfolgreich, indem sie Nichtwissen in Dispositive transformieren und dann nichts anderes leisten als ihre Geltung zu wiederholen (bei Luhmann: operative Schließung.) Beispiel: Kritische Soziologie allgemein, die Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas speziell.
Rechtfertigung und Provokation verhalten sich zueinander komplementär. Provokationen haben scheiternde Rechtfertigungen zur Voraussetzung, gelingende Rechtfertigungen haben eingeübte (Übungssysteme nach P. Sloterdijk) Provokationen zur Voraussetzung.

Beide Strategien sind eingelassen in Strukturen der Devitation, die sie hervorbringen und durch die alles als etwas Zuvermeidendes behandelt wird, das der Durchsetzungsfähigkeit s.S.leistungen im Wege steht. Beispiel: Urheberschaft. Urheberschaft ist eine paranoische Fiktion, die sich zuerst durch Provokation im Medium des Nichtwissens um die Funktionsweise von Massenmedien ausgebreitet hat und die dann verwissenschaftlicht und verrechtlicht wurde und auf diese Weise sozial standardisiert werden konnte, weil gleichzeitig eine Wissensproduktion über die Funktionsweise von Massenmedien zustande gekommen war, welche ihrerseits Rechtfertigungsnotwendigkeiten erzwungen hat und damit „Urheberschaft“ von einer paranoischen Fiktion in eine ermittelbare und vermittelbare Realitätsgewissheit überführt hat. Diese Rechtfertigungsnotwendigkeiten produzieren ihre eigenen Dämonien, die sich wiederum provokativ bemerkbar machen.