Paranoische Fiktion

Paranoische Fiktion (p.F.) – ist ein Ausdruck, dessen Gebrauch dabei hilft, sowohl Probleme als auch Lösungen der Kommunikabilität von Weltwahrnehmung entstehen zu lassen.

Welt kann man weder einfach wahrnehmen, noch einfach beobachten. Welt ist nicht immer schon da (oder auch nicht), Welt existiert nicht einfach. Vielmehr ist der Ausdruck „Welt“ selbst eine p.F, über die man nur dann reden kann, wenn etwas davon Verschiedenes, das auch eine p.F. sein kann, aber trotzdem in der Welt vorkommt, unterscheidbar und kommunikabel ist (*).

Eine p.F, verstehbar auch als Imagination von Realität, erscheint in diesem Zusammenhang selbst als ein Kommunikabilitätsproblem, das auf zwei verschiedene Weisen gelöst werden kann. Die Lösungen liegen in der sozialen Standardisierung der Kommunikation, die eine p.F. entweder als solche, also selbstreferenziell behandelt (Beispiel 1.), oder als erwartungsgeleitete Fremdreferenzierung auf etwas anderes (Beispiel 2.). Beides sind unwahrscheinliche, aber mögliche soziale Standardisierungsleistungen, durch deren Erfolg der imaginäre Gehalt des Ausgesprochen, Aufgeschriebenen oder Andersgezeigten als sozial ordnungsfähige Differenz auffällt, die Realität entstehen, aber auch vergehen lässt (Beispiel 3.).

Eine paranoische Fiktion ist zunächst nur ein „Irgendwas der Wahrnehmung“, das für die Wahrnehmung darum irritabel werden kann, wenn es sich zu einem anderen „Irgendetwas der Wahrnehmung“ sozial distinkt, also ermitelbar und vermittelbar verschieden verhält. Die Distinktion ist sozial standardisiert und wirft Erwartungen darüber auf, ob und wie die Kommunikation zu diesem „Irgendwas, das anders ist als ein anderes Irgendwas“ weitergehen wird oder nicht.

Beispiele
1. Der Ausdruck „Außerirdische“ ist eine p.F., die bislang nur als eine solche, also selbstreferenziell, sozial standardisiert werden kann. Das besagt, dass es Außerirdische wirklich gibt, ohne dass daran im Sinne eines Wirklichkeitsgehaltes Zweifel fruchtbar wären. Das sei folgendermaßen erklärt:

Es gibt eine Vielzahl kommunizierter Wahrnehmungen von UFOs, Außerirdischen und Begegnungen mit ihnen. Man kann den Reichtum dieser Dokumente, die darüber Auskunft geben, nicht einfach mit dem Argument vom Tisch wischen, dass das alles nicht real sei. Trotzdem bleiben Zweifel über den Realitätsgehalt dieser Dokumente zurück. Woher kommen diese Zweifel, wenn man nicht einfach sagen kann, die kommunizierten Wahrnehmungen verwiesen nicht auf Realität? Das liegt daran, dass die Vielzahl der Referenzierungen keine Ordnung zulässig macht, die darüber Erwartungssicherheiten herstellt, was im Einzelnen und was genau da beobachtet wird. Sind es immer dieselben Außerirdischen, sind es tausend verschiedene? Was wollen sie? Sie sie freundlich oder feindlich gesinnt? Sie sie zufällig hier oder nicht? Haben sie Antennen auf dem Kopf, essrn sie auch Kartoffeln? Sind sie grün oder stinken sie? Oder nicht?  Usw. Das heißt: die soziale, das  heißt durch Kommunikation standardisierte Rede über Außerirdische lässt nur eine Ordnung zu, die mehr Fragen aufwirft als Antworten, viel irres Zeug, wenig Kohärenz. Aus diesem Grunde kann man sagen: Außerirdische sind eine Fiktion, die nur als solche eine distinkte Realität hat. Womit nicht gesagt ist, dass das immer so bleiben muss. Es ist gar nicht unmöglich, dass der Ausdruck „Außerirdische“ auch anders sozial standardisiert werden kann, nämlich dann, wenn Außerirdische von sich selbst zur Auskunft geben, dass sie welche sind. In dem Augenblick wird die soziale Standardisierung durch Fremdreferenzierung vorgenommen, was allerdings nur geht, wenn sich die gesellschaftlichen Voraussetzungen darüber, wie über Außerirdische kommuniziert werden kann, entscheidend ändern. Diese Änderung ist nich von Wahrheitsaussagen abhängig, sondern von einer Ordnung, die Wahrheitssaussagen verlässlich kommuniziert. Gegenwärtig haben wir nur sehr unzuverlässige Wahrheitsaussagen, weil keine kohärente Ordnung kommunikabel ist, weshalb nicht gewusst wird, was da genau gewusst wird.

2. Der Ausdruck „Person“ ist eine p.F., deren unbezweifelbarer Realitätsgehalt deshalb kommunikabel ist, weil sie nicht als solche, als eine p.F. behandelt wird, sondern als eine solche, die Selbstauskunftsfähig ist und welche gerade darum, durch Fremdreferenzierung der Verweisung auf ein Selbst, einen Reichtum an Anschlussmöglichkeiten des Sprechens, Schreibens und anderweiten Zeigens ermöglicht und damit eine enorme soziale Standardisierung ermöglicht, die innerhalb von Kontexten  sehr gut vorhersehbare Erwartungen über Anschlussmöglichkeiten aufwirft, dass es beinahe unmöglich ist, den Realitätsgehalt dieser p.F. als Fiktion zu beweisen. Die Ordnung hat eine enorm erwartungssichere Kommunikabilität, die soweit geht, dass die Wahrheit über die Existenz von Personen gar nicht mehr oder eben nur sehr schwer bezweifelt werden kann. Es handelt sich um eine ausgehärtete Ordnung von Kommunikationen, also um soziale Standardisierung, die ein geordnetes Sprechen, Schreiben und sonstiges Handeln auch dann durchsetzt, wenn es subjektiv tausend verschiedene Meinungen darüber gibt, was eine Person ist, was meine Person ist, was sie ausmacht, was nicht und dergleichen mehr. Das heißt aber nicht, dass es Personen schon immer gab, so wenig, wie es Außerirdische niemals geben wird. Es handelt sich um ein gesellschaftlich geregeltes Voraussetzungsverhältnis, das darüber Kommunikationen ermutigt oder entmutigt, was erwartungssicher anschlussfähig ist und was nicht.

3. Der Ausdruck „Gott“ ist eine p.F., die in früheren Zeiten dadurch sozial standardisiert werden konnte, dass ein Gott (oder viele von ihnen) als selbstauskunftsfähig erschienen ist, was darum ein fremdreferenziertes Sprechen und Schreiben über seinen Willen, seine Macht oder über sein Wissen herstellte. Das konnte gehen, musste aber nicht so bleiben. Es kommt darauf an, welche Probleme und Lösungen der Kommunikabilität von Weltwahrnehmung gefunden werden oder verloren gehen.

Fortsetzung folgt.

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(*) Wenn die Welt alles ist, was der Fall ist, und wenn daran gar kein Zweifel besteht, dann haben wir es gerade deshalb mit etwas davon Verschiedenem zu tun, was immer das auch sein mag. Mindestens gilt: Welt ist deshalb eine p.F., weil damit entweder ganz viel oder ganz wenig gesagt ist, es sei denn, dieser Ausdruck kann durch die Lektüre und das Gespräch über den Logico-tractatus von Wittgenstein standardisiert werden.