Die Wissenschaft der Gesellschaft

Zehn Jahre ist es nun her, dass ein unbedeutender Ausfall eines Ereignisses unbemerkt geblieben ist, dessen Auswirkungen aber bis heute kaum zu überblicken sind. Damals handelte es sich um meine Weigerung, einen satirischen Roman über die Zukunft der Gesellschaft zu schreiben, was zwingend logisch dazu führte, dass diesen Roman bis heute keiner lesen konnte.
Da nun eine solche Logik aufgrund der inzwischen unhaltbaren Verhältnisse nicht mehr zeitgemäß erscheint – denn was bitte soll eine zwingende Logik noch an Erkenntnisgewinnen zustande bringen können – so erscheint mein damaliges Versäumnis im heutigen Licht der Zusammenhänge als ein, wenn auch folgenloser, so doch unumkehrbarer Irrtum, der einfach so hingenommen werden muss, gerade weil man an den Dingen ohnehin nichts ändern kann.

Könnte man dies aber tun, wozu streng genommen keinerlei Veranlassung besteht, denn noch hat niemand etwas vom Fehlen dieses höchst unbedeutenden Romans bemerkt, so wäre in diesem Roman auch ein Kapitel über die Wissenschaft der Gesellschaft vorgekommen. Dieses Kapitel war im Konzept des ungeschriebenen Romans das bizarrste von allen und wäre an jedem Realisierungsversuch zerschellt.

Dieses Kapitel hätte sich nämlich in drei Abschnitte eingeteilt: 1. Einleitung – 2. Hauptteil und: 3. Schluss.

Diese konventionelle Übersichtlichkeit wäre im ersten Teil schon im Einstieg dadurch aufgelockert worden, dass in 56.358 Abschnitten mit mindenstens je 23.458 Paragraphen und 45 x 54 Unterparagraphen, die jeweils auch noch von 100.002 Exkursen mit historischen Belegquellen unterbrochen wurden, eine Auskunft über die Basisdefinitionen und Begriffswerkzeuge verweigert wurde.
Der Hauptteil hätte sich dann wieder an das Normalschema der Übersichtlichkeit gehalten, mit Ausnahme der Tatsache, dass dieser Teil auf ca. 23.456.781 Seiten die ganze Welt der zukünftigen Wissenschaft in stichwortartiger Zusammenfassung referierte, was aufgrund der Komplexität des Themas nicht anders zu bewältigen gewese wäre. Knappheit und Schnelligkeit war auch für die Wissenschaft der zukünftigen Gesellschaft das entscheidende Kriterium für Plausibilität.
Der Schlussteil wäre dann sehr neuartig gegliedert gewesen, weil er nicht nur das Vorwort zur Erstausgabe, sondern auch jedes weitere Vorwort bis zur 984. Neuauflage, die erst für das Jahr 2415 geplant war, enthielt, zuzüglich eines Verzeichnisses aller zukünftigen Rezensionen, Debattenbeiträgen, Referenzierungen und Repliken, von denen nicht wenige vom gleichen Ausmaß waren.

Diese recht futuristische Konzeption dieses Kapitels wäre dadurch zu rechtfertigen gewesen, dass es in diesem Kapitel um den wesentlichen Kern ging, nämlich um die Wissenschaft einer zukünftigen Gesellschaft die zugleich auch eine zukünftige Beschreibung der Zukunft hätte berücksichtigen müssen. Was das konkret bedeutete, hätte dann in diesem Roman ausgeführt werden sollen, was aber aus oben genannten Gründen genauso gut unterbleiben konnte – es hätte ja doch keiner gemerkt. Denn die Wissenschaft der Zukunft hatte herausgefunden, dass es nur einen Gegenstand gab, über den sie mit großer und absoluter Sicherheit urteilen konnte, nämlich über die Zukunft. Von ihr könne man nämlich rein gar nichts wissen. Ganz allgemein konnte gewusst werden, dass Zukunft gar kein Gegenstand war. Aber wie soll man das erklären, wenn man es unterlässt, auf 65.200.578.123 Seiten eine Theorie der Zeit zu liefern? Also hatte die Wissenschaft aufgrund allgemeiner Zeitknappheit die Zukunft als etwas Unwissbares deklariert und die Deklaration ganz konventionell diskutiert.

Diese Urteilsgewissheit mancher Wissenschaftler war ihren zukünftigen Zeitgenossen ein Dorn im Auge, dies nicht etwa, weil irgendwer etwas anderes glaubte, sondern weil jede Art von Urteilsgewissheit allgemein als unzeitgemäß galt. Zwar gab es so etwas wie einen Commonsense nicht, aber hätte es ihn gegeben, so hätte er gelautet, dass kein Gespräch mehr apodiktisch mit einem Bekenntnis zur Gewissheit in Bezug auf was auch immer hätte unterbrochen werden dürfen, also auch dann nicht, wenn die Mehrheit aller Gesprächsteilnehmer längst schon ärtzlicher Hilfe bedurfte. Ein Widerspruch war immer zulässig.

Man kann sich leicht vorstellen, dass das nicht ohne attraktive Doping-Methoden möglich gewesen wäre, von denen in diesem ungeschriebenen Roman ebenfalls in einem Kapitel mit der Überschrift „Die Drogen der Gesellschaft“ hätte erzählt werden sollen, wäre dieser Roman jemals geschrieben worden.