Die Satire der Gesellschaft

In meinem bekannten Satireroman, den ich vor zehn Jahren nicht geschrieben habe, aber hätte schreiben sollen, kommt auch ein Kapitel vor, das sich mit der Satire der zukünftigen Gesellschaft befasst.
In dem Kapitel hätte es um die Schwierigkeiten gehen können, die die Zukunftsgesellschaft mit ihrem Verhältnis von Polizei und Satire hat, wenn ich diesen Roman jemals geschrieben hätte. Dieses schwierige Verhältnis hätte sich dadurch auszeichnen können, dass man sowohl die Polizei nicht abschaffen, obwohl es kaum noch Verbrechen gab, als auch auf Satire nicht verzichten konnte, obwohl alle nur noch lachen wollten. Der Mensch war ganz unfreiwillig zu einem homo ridiculus herabgestiegen und das, obwohl in der Summe betrachtet kein Gewinn dabei heraus sprang.
Jedenfalls hatte das dazu geführt, dass der Unterschied von Spaß und Ernst irgendwie verschwunden war. Trotzdem konnte die Zukunft der Gesellschaft weder auf Polizei noch auf Satire verzichten, weil beides auf unnachgiebige Weise ein Existenzrecht durchzusetzen vermochte.

Die Existenzberechtigung sah nämlich dergestalt aus, dass sich alle Satiriker der Gesellschaft – und es gab freilich ziemlich viele – beim Innenministerium in eine Liste offiziell anerkannter Satiriker einschreiben durften. Für dieses Recht musste eine Einschreibegebühr entrichtet werden. Die Quittung für diese Gebühr hatte den Charakter einer verbrieften Kunstfreiheit: Jetzt durfte man schreiben was man immer man wollte, ohne auch nur im entferntesten mit Problemen rechnen zu müssen. Pornographie, Kinderschändung, Terrorismus und Kochrezepte – alles war offiziell witzig und totlangweilig.
Alle anderen durften auch schreiben was sie wollten. Denn die Kunstfreiheit war im Prinzip gar nicht abgeschafft. Aber: wer keine Quittung hatte, um sie im Ernstfall einer polizeilichen Ermittlungsbehörde vorzulegen, musste immer sehr, sehr, sehr freundlich zur Polizei sein. Andernfalls, was dann jedoch nicht mehr so einfach war und zum Normallfall wurde, bekam man enorme Schwierigkeiten, die, wenn sie auch nur selten zu einer richterlichen Verurteilung führten, so doch so viele Komplikationen und entsprechende Verwaltungskosten nach sich zogen, dass die vorhergehende Entrichtung einer Einschreibegebühr in jeder Hinsicht kostengünstiger gewesen wäre. (Was wenige wussten: die meisten Opfer dieser Regelung waren Polizisten, weil sie sich immer auf der sicheren Seite wähnten. Ein verhängnisvolller Irrtum.)

Der nichtaussprechbare Witz dieser Geschichte hätte gewesen sein können, dass beinahe alle Menschen Satiriker waren, weil ihnen rein existenziell ob des laufenden Schwachsinns keinerlei medizinische Alternative angeboten wurde. Das ergab eine nimmer versiegende Quelle von Einschreibegebühren, mit der die Polizei locker unterhalten werden konnte.
Man muss sich das praktisch so vorstellen: alle hatten Spaß an der Gesellschaft, die (meisten) Satiriker litten unter verordneter Humorlosigkeit, aber machten trotzdem darüber Witze, weil sie schreiben durften was sie wollten, und die Polizisten lachten sich schlapp, weil kaum noch jemand etwas Witziges schreiben konnte und weil ihre Einnahmequelle für Jahrhunderte gesichert war.

Das nächste Kapitel dieses Romans hätte sich konsequenterweise mit der Korruption der Gesellschaft befassen müssen, hätte ich ihn vor zehn Jahren je geschrieben.