Die Korruption der Gesellschaft

Vor zehn Jahren habe ich keinen Roman geschrieben, der die Zukunft der Gesellschaft behandelt hatte, aber hätte ich diesen Roman geschrieben, so wäre der nicht witzig gewesen, weil meistens nur ganz erste Themen darin vorgekommen wären, über die auch in früheren Zeiten nicht sehr ausgiebig gelacht wurde. Eines dieser Themen war Korruption und was sie mit Menschen anstellt.

Das nichtgeschriebene Kapitel in dem Roman zu diesem Thema hätte mit der zukünftigen Einsicht anfangen können, dass die Gesellschaft nicht nur wie geschmiert funktionierte, sondern nur dadurch, dass ordentlich geschmiert wurde. In früheren Zeiten war das Schmieren nur sozialhilfeberechtigten Subkulturkünstlern und asozialen Millionären vorbehalten gewesen. Das hatte sich in der Zukunft der Gesellschaft geändert. Soziale Gerechtigkeit bestand darin, dass jeder schmieren durfte, ja schmieren musste, um das Nötigste des Lebens beschaffen zu können: die einen brauchten ein Stückchen Brot und die anderen eine Sektpumpe für den Outdoor-Swimmingpool in der Sahara. Die Lösung: jeder schmiert jeden um zu bekommen, was man auf andere Weise auch hätte bekommen können, aber der Aufwand an Ehrlichkeit hätte sich für keinen mehr gelohnt, weshalb allgemein das Lügen als die gerechtere Alternative angesehen wurde.

Die Korruption der Gesellschaft bewirkte etwas, woran frühre Zeiten immer gescheitert waren, nämlich: die Herstellung sozialer Gerechtigkeit. Die bestand nun nicht darin, dass es weder im kapitalistischen Sinne allen gleich gut noch im sozialistischen Sinne allen gleich schlecht erging, sondern nur darin, dass niemand mehr wusste und nicht mehr wissen wollte und konnte wie gut oder schlecht es allen anderen erging. Es war also ziemlich egal geworden, was soziale Gerechtigkeit eigentlich meint, und eben dies war die Lösung.

Wie hätte sie auch anders hergestellt werden können? Eine Gesellschaft, die über sich selbst in Erfahrung bringt, dass überall soziale Gerechtigkeit gegeben ist? Ja, wo wäre denn dann die Ungerechtigkeit geblieben? Abgeschafft? Gut. Aber wer hätte das bemerken sollen? Wer hätten wissen können, was Ungerechtigkeit ist, wenn sie abgeschafft war? Da man nun aber die Ungerechtigkeit nicht abschaffen konnte, ohne zugleich die Gerechtigkeit abzuschaffen, wurde kurzerhand das Problem dadurch gelöst, dass man ein ganz anderes Problem, das vorher auch niemand lösen konnte, nicht mehr herstellte, nämlich: die Korruption.

Was niemand wusste, aber alle vortrefflich genossen war, dass alles wie geschmiert funktionierte. Und eigentlich wäre alles in Ordnung gewesen, wenn nicht manchmal irgendwelche Leute aufgetaucht wären, die sich wider alle Vernunft verhielten und völlig unbestechlich waren. Diese Leuten hatten sich Wissenschaftler genannt und wurden meistens ausgelacht, weil doch aus der Vergangenheit bekannt war, dass die Wissenschaft der Gesellschaft die größte Schmierenkomödie früherer Zeiten gewesen war.

Natürlich hätte auch die Wissenschaft der Gesellschaft mit einem Kapitel in diesem bemerkenswerten Roman gewürdigt werden sollen, aber er wurde niemals geschrieben. Und bis heute weiß niemand so genau, wozu diese Unterlassung gut war.