Der Journalismus der Gesellschaft

Niemals wäre ich vor zehn oder elf Jahren auf den Gedanken gekommen, einen Roman über die Zukunft der modernen Gesellschaft zu schreiben. Aber wäre ich unter sehr unwahrscheinlichen Umständen dazu in der Lage gewesen, so hätte ich möglicherweise einen solchen Roman schreiben können, in dem vielleicht auch ein Kapitel über den Journalismus der Gesellschaft hätte vorkommen können, wenn nicht dazwischen gekommen wäre, was schließlich und endlich dazwischen gekommen ist, nämlich: die Zeit selbst.

Aber von der Zeit abgesehen war der Journalismus der Gesellschaft der Zukunft von ganz anderer Gestalt als in unserer Gegenwart.
In der Zukunft der Gesellschaft war der Journalismus der Gesellschaft viel aufgeklärter, viel abgeklärter gewesen und viel zugekiffter zugleich, weil nämlich alles immer zu allem passte. Solche kindlichen Unterschiede wie Information, Nachrichten, Berichterstattung, Politik, Wirtschaft, Kultur, Unterhaltung, Reportage und Werbung waren abgeschafft. Geschrieben, gefunkt und gesendet wurde nur noch was geschrieben, gefunkt und gesendet wurde. Auch Unterschiede der Methode waren nur etwas für Historiker, die jedoch genauso wenig wussten, was diese Unterschiede ehedem besagten: Recherche, Interview, Quellenanalyse … Das war etwas für Roboter, für Schreibautomaten. Journalisten hatten Wichtigeres im Sinn: weder Wahrheit, noch Wirklichkeit, noch Methode, noch Erzählung, noch Glaubwürdigkeit, noch Qualität – all das wurde in den Orkus der Vergangenheit geworfen. Das Geschäft des Journalismus hatte sich grundlegend geändert und glich nunmehr dem der Spionage.

Der Journalismus der Zukunft hatte nichts mehr mitzuteilen, nichts mehr zu berichten, nichts mehr ans Licht der Öfffentlichkeit zu zerren, hatte nichts mehr aufzudecken, sondern hatte nur noch etwas zu verheimlichen, nämlich: die Gründe für die Forsetzung des Geschäfts. Und das war sehr kompliziert, sehr aufwändig, sehr kostspielig und faszinierte das Publikum bis an die Grenzen der nervlichen Belastbarkeit. Das hing auch damit zusammen, dass die Bemühungen um die Geheimhaltung des Geschäfts immer nur live, also: allgegenwärtig und jederzeit statt fanden. Das hatte zur Folge, dass beinahe alle Menschen der Gesellschaft Journalisten waren, aber: nur sehr wenige waren darin eingeweiht, dass Verheimlichung betrieben wurde. Die allermeisten glaubten, über alles Wichtige und Entscheidende jederzeit und überall informiert zu sein, aber nur sehr wenige, eine gleichsam öffentlich unbekannte und unentdeckbare Elite der Gesellschaft wusste von sich selbst genau das Gegenteil. Das hieß, dass es ihr egal war was sie selber wusste, aber ganz entschieden darüber berichtete, was alle anderen wissen sollten, wenn sie eine Chance hätten zu begreifen worum es ging. Da aber allen klar war, dass keiner eine Chance hatte, war allen klar, dass es auch egal war worum es ging.

Nicht zufällig glich das Geschäft des Journalismus der Zukunft dem Geschäft der Spionage der Vergangenheit, mit dem entscheidenden Unterschied, dass dieser Unterschied in der Zukunft der Gesellschaft keine Rolle mehr spielte.

Trotz dieses Zusammenhangs hätte ich niemals verhindern können, dass auch ein Kapitel über die Spionage der Gesellschaft der Zukunft in diesem Roman vorgekommen wäre, allein, es reicht, dass dieser Roman weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft eine Rolle hätte spielen können. Und das war auch gut so und wird für immer so bleiben.